Im Stadion trainieren sie momentan alle durcheinander: die Sprinter, die Mehrkämpfer, die Läufer und die Werfer. „Am besten hierher“, ruft Trainer Frank Möller. „Hier ist noch Platz.“ Luise und Tobias von der Potsdamer Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“ kommen gerade vom Unterricht, die nächsten zwei Stunden ist Training angesagt. Zu dieser Jahreszeit eigentlich drinnen. Doch seit gut zwei Wochen sind die Leichtathletik- und die Schwimmhallen im Sportpark am Luftschiffhafen auf unbestimmte Zeit gesperrt – wegen Einsturzgefahr.
Die beiden 17-Jährigen aus Erkner und Ludwigsfelde wohnen im Internat der Elite-Schule und gehören zum Leichtathletik-Nachwuchs. Jüngst haben sie am 400-Meter-Lauf der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften teilgenommen. Im Februar steht die Deutsche Jugendhallenmeister an. „Unser Stundenplan musste umgestellt werden, was sich nicht so einfach machen lässt“, sagt Luise. „Die Trainer haben jetzt ganz schön Stress“, meint Tobias. Da kann ihm Frank Möller, zuständig für den Sprintbereich, nur Recht geben.
„Es ist eine mittlere Katastrophe“, sagt der Trainer. Für Potsdams Spitzensportler, den Nachwuchs, aber auch für die Freizeitsportler, Studenten und den Behindertensport. Schätzungsweise mehr als 2000 Sportler wissen derzeit in Potsdam nicht, wohin. Ein Gutachter hatte empfohlen, die beiden Hallen auf dem Gelände zwischen Zeppelinstraße und Havel sicherheitshalber bei Schneefall zu räumen. Kurz danach sperrte die Bauaufsicht der Stadt – völlig unerwartet – die Gebäude, und das mit sofortiger Wirkung.
Auch ohne die Last von Schneemassen droht der Einsturz der Leichtathletikhalle
Vor allem bei der Leichtathletikhalle drohe auch ohne besondere Belastungen wie Sturm oder Schnee Einsturzgefahr. Nach bisherigem Kenntnisstand sind eklatante Mängel bei der Sanierung der beiden Hallen vor rund zehn Jahren die Ursache für die gefährdete Standsicherheit. Gebaut wurden sie in den 1970er Jahren.
2000 wurde die Schwimmhalle für zehn Millionen Euro saniert, drei Jahre später die Leichtathletikhalle für 11,2 Millionen Euro. Offenbar wurde dabei gepfuscht. Ein möglicher Bauskandal, den Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) jetzt durch eine Kommission untersuchen lässt. Mit Hilfe von externen Sachverständigen, die in den nächsten Tagen benannt werden sollen. „Ihre Aufgabe ist es, alle Unterlagen heranzuziehen und alle Haftungsfragen zu klären“, sagt der Oberbürgermeister. „Ich möchte, dass der Sachverhalt von unabhängiger Seite umfassend untersucht wird.“
Schon jetzt steht fest: Bei der Sanierung der Leichtathletikhalle ist das alte Dach offenbar nicht abgetragen und durch ein neues ersetzt worden. Wie sich laut Stadtverwaltung inzwischen herausstellte, wurde das neue Dach einfach auf das alte gelegt – ohne etwas am Tragwerk zu ändern. Das Dach ist damit viel schwerer als geplant. Ein erschreckender Befund auch bei der Schwimmhalle daneben. „An den Haltepunkten des Dachtragwerks unter der Dachhaut sind Rostschäden entstanden“, sagte Andreas Klemund, der Geschäftsführer der Luftschiffhafen GmbH im Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung.
Die Hallen müssen saniert werden
Im Jahr 2009 hatte die Luftschiffhafen GmbH – eine Tochter der städtischen Pro Potsdam – die Sportstätten von der Stadt übernommen. Bei der Bestandsaufnahme und beim Statik-Check, der nach dem Unglück von Bad Reichenhall 2006 auf Empfehlung der Bauministerkonferenz bei öffentlichen Gebäuden regelmäßig durchgeführt werden sollte, wurden die abgewirtschafteten Gebäude auf dem Gelände inspiziert und die beiden sanierten Hallen zunächst hinten angestellt. Denn keiner hatte offenbar damit gerechnet, dass es ausgerechnet dort Probleme geben wird.
„Sicher ist: Die Hallen müssen saniert werden“, sagt die Sportbeigeordnete Iris Jana Magdowski (CDU). Es werde untersucht, was bei der Sanierung schiefgelaufen sein könnte. Derzeit warte die Stadt auf ein weiteres Gutachten, das voraussichtlich im Januar vorliegen werde.
Die Vereine wurden per Mail informiert. Auch die Universität Potsdam, sie nutzt die Leichtathletikhalle für Praxisseminare der Sportstudenten. Als Olympia- und Bundesstützpunkt dient das Gelände am Luftschiffhafen mit seinen Sportstätten unter anderen Kaderathleten zur Vorbereitung auf nationale und internationale Meisterschaften. In der Halle trainieren rund 300 Leistungssportler, unter anderem für die Leichtathletik-Europameisterschaften und die U20-Weltmeisterschaften 2014.
Training kann um Jahre zurückgeworfen werden
„Ohne diese Trainingsmöglichkeiten können wir den Leichtathletik-Nachwuchs nicht entwickeln. Das kann uns um Jahre zurückwerfen, je nachdem, wie lange die Schließung dauert“, fürchtet Peter Rieger, der Geschäftsführer des SC Potsdam. Die Stadt hat die Öffnungszeiten für die Schwimmhalle am Brauhausberg und des Kiezbads Stern inzwischen erweitert. Zwei der zehn Bahnen sind nur für den Leistungssport und für die Sportvereine reserviert. Berlin kommt den Potsdamer Sportler entgegen, in dem sie die Rudolf-Harbig-Halle mitbenutzen können. Aber nur dann, wenn sie frei ist.
Die Schwimmer könnten künftig womöglich auch nach Geltow zur Bundeswehr ausweichen, die Leichtathleten zur Bundessportschule Kienbaum. Dort kostet das Training aber etwa 38 Euro am Tag. Nicht jeder kann sich das leisten.




