Wenn am Sonntag den 15. Dezember 2013 im Ersten um 20.15 Uhr der RBB-„Polizeiruf 110“ beginnt, dann ist ein Wolf zu sehen: Er läuft durch den Tagebau Nochten, vorbei am Kraftwerk Boxsberg in der Oberlausitz. „Wolfsland“, so heißt die Folge, damit ist auch der Lebensraum der Wölfe in Brandenburg und Sachsen gemeint.

Dass wilde Wölfe in dem Krimi zu sehen sind, ist Naturfilmer Sebastian Koerner aus Spreewitz zu verdanken. Er hat sich den vergangenen Sommer morgens und abends auf die Lauer gelegt, um die Tiere „abzuschießen“ wie er sagt. Er meint: sie zu filmen.

Einen Wolf zu töten, wie es im Film geschieht, daran würde Koerner niemals denken. Der 50 Jahre alte Biologe erforscht ihr Verhalten. Wölfe sind auch eine private Mission für Koerner, er ist mit Gesa Kluth liiert, die das Wildbiologische Büro Lupus leitet, das seit dem Jahr 2001 Daten und Hinweise sammelt.

Eine Gemeinsamkeit haben Realität und Fernsehkrimi bereits: Wie der von Fabian Hinrichs gespielte Wolfsforscher ist auch Koerner überzeugt, dass der Wolf ein normaler und wichtiger Bestandteil der heimischen Natur ist.

Dokumentarfilmer Koerner geht es um realistisches Bild der Wölfe

Im Frühjahr 2013 hatten die Filmmacher Kontakt zu Koerner aufgenommen, der bereits für „Expeditionen ins Tierreich“ die Dokumentation „Deutschlands wilde Wölfe – wie sie wirklich sind“ produziert hatte.

Anfangs sei Koerner skeptisch gewesen, ihm geht es schließlich um ein realistisches Bild der Wölfe. Als jemand aus dem Metier Fiktion anrief, und dann auch noch Krimi, habe er gedacht: „Vorsicht, die wollen Gefährlichkeitsmythen heraufbeschwören.“

Der Wolf, ein Menschenfresser, so sei es nicht, sagt Koerner. Aber als die Drehbuchautoren, Ed Herzog und Rainer Butt, kennenlernte, sei klar geworden, dass der Film so nicht geplant war. „Ich habe gemerkt, dass sie das Thema spannend darstellen – sicher auch mal überzeichnet, aber doch vernünftig. Da habe ich gerne mitgemacht.“

Gefährliche Menschen

Der Film handelt von der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland und die damit verbundenen Ängste der Menschen. Der Konflikt entsteht zwischen dem Wolfsbeobachter auf der einen und den Wolfsgegnern, einer Gutsherrin (Elisabeth von Taupitz) und einem Jagdvereinsvorsitzenden (Alexander Beyer) auf der anderen Seite.

„Die Charaktere und die Beweggründe, so wie sie im Film dargestellt sind, das passt schon“, so Koerners Urteil. Die Jäger seien dem Wolf gegenüber skeptisch eingestellt, weil sie fürchteten, ihr Revier würde an Jagdwert verlieren. Nicht ganz realistisch, laut dem Forscher gebe es keine Anzeichen, dass Wölfe den Wildtierbestand reduzieren. Und: Anders als im Film würden die menschlichen Kontrahenten ihre Konflikte wohl nicht mit Schusswaffen austragen.

Angst vor Wölfen hat Koerner bei seiner Arbeit jedenfalls nicht. Vor Menschen schon eher. Er hoffe jedes Mal, dass alle Jäger informiert wurden wenn er unterwegs ist, damit sie ihn nicht für ein „Wildschwein halten und umpusten“, sagt er. Zwei, drei Mal haben „Jährlingsgeschwister“, also einjährige Wölfe, ihn bemerkt als er gerade sein Versteck verließ. Sie heulten und bellten zur Warnung. „Da hatte ich keine Angst, aber Respekt.“ Er habe sich gefühlt wie ein Störenfried.

Beim Filmen sucht Körner anhand von Spuren und Losungshäufungen die Rendezvousplätze der Wölfe. Zuerst werden die Welpen vier Wochen in Wurfhöhlen aufgezogen. Ab Mitte Juli sind sie groß genug, herauszukommen. „Sie kommen des Überblicks wegen gerne an die Ränder von großen, offenen Flächen und an Hanglagen.“

Mit Tarnanzug und Telezoom-Objektiv auf der Fährte

Dort lauert Körner, in seinem Tarnanzug. Er arbeitet alleine, mit HD-Kamera, Telezoom-Objektiv und Funkrichtmikrofon. „Im Winter ist es wichtig, eine Thermoskanne dabei zu haben, aber im Sommer, Herbst und Frühjahr meide ich alles, was mich geruchlich verraten könnte.“ Außer Bonbons, sagt er.

Im Krimi „Wolfsland“ stammen sämtliche Aufnahmen von Welpen von Koerner: die meisten vom Spremberger Rudel, dessen Territorium sich in die Brandenburgische Lausitz ausdehnt. Altwölfe konnte Koerner in diesem Sommer nur in Sachsen filmen. Der Rüde, der Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (gespielt von Maria Simon) im Traum erscheint, ist der Vaterwolf des Seenlandrudels mit Kerngebiet Elsterheide/Lausitzer Seenland.

Und der Altwolf mit fehlender Ohrspitze, den zu Anfang des Films Wolfsforscher Waldner beobachtet, ist der Rüde des östlichsten deutschen Wolfsrudels, des Daubitzer Rudels. Regisseur Ed Herzog hat zudem zwei von Koerners Welpen-Nahaufnahmen vom niedersächsischen Truppenübungsplatz Munster-Nord in Niedersachsen eingebaut. Insgesamt hat Koerner zu „Wolfsland“ drei Minuten Filmzeit beigetragen. Nicht von ihm sind die Szenen, in denen Mensch und Wolf interagieren. In ihnen spielt Wolfshund „Harka“ unter Anleitung einer Tiertrainerin.

Seinen ersten wilden Wolf hat Koerner im Mai 2003 auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz gesehen. „Ich war gerade unterwegs, um Losung fürs Wolfsmonitoring zu sammeln, als uns ein alter Vaterwolf aus dem Muskauer Rudel anwuffte. Er lief wenige Meter an uns vorbei.“ Er zog sich zurück, auch weil die Wölfe Welpen hatten. „Sie wollten ihre Ruhe, da bin ich sicher. Normalerweise sind Altwölfe sehr scheu, ich bekomme sie – anders als unbedarfte Welpen – selten vor die Kamera. Leider.“

Wolfsattacken auf Menschen selten

Koerner sagt, dass von Wölfen in unserer Umgebung nur theoretische Gefahr ausgehe. „Natürlich könnten sie Menschen töten. Aber sie tun es nicht.“ Wolfsattacken auf Menschen sind einer norwegischen Untersuchung zufolge meist auf Tollwut zurückzuführen, aber auch auf Provokationen, etwa wenn sie in die Enge getrieben werden.

Körner betont, dass es in Deutschland regelmäßig Unfälle, auch mit Todesfolge, bei der Ausübung der Jagd gebe. „Wer mehr Sicherheit im Wald fordert, sollte sich vielleicht darauf konzentrieren und die Ausbildung von Jägern verbessern.“ Zur Sicherheit trage auch das Wolfsmonitoring bei: wo sich Wölfe aufhalten und ob sie problematische Verhaltensweisen entwickeln – etwa, weil Menschen sie füttern.

In Berlin sei noch kein Wolf gesichtet worden. Koerner: „Dazu gibt es noch zu viele unbesetzte Territorien im ländlichen Raum.“