Architektur

Bürger kämpfen für Potsdams historische Mitte

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Gudrun Mallwitz

Foto: David Heerde

Der Verein „Mitteschön“ ist eine überparteiliche Bürgerinitiative. Etwa 50 Potsdamer setzen sich seit Jahren dafür ein, dass die schönsten Gebäude des historischen Potsdam wieder ihren Platz finden.

Diese Botschaft ist eindeutig. „Preußische Erziehung! Das heißt: nicht rumschwächeln, sondern klotzen! Für weinerliche Artgenossen: Umgraben im Garten hilft besser als ein Psychiater!“ Was Barbara Kuster ihrem Kabarett-Publikum da so zackig rät, entspricht ihrem eigenen Wesen. Nicht jammern, sondern anpacken will sie. Mitgestalten – vor allem in der Potsdamer Mitte. „Ich will, dass Potsdam wieder schön wird“, sagt die Kabarettistin, Rocksängern und ausgebildete Lehrerin.

Barbara Kuster ist im Zentrum der Stadt aufgewachsen. Anfang der 50er-Jahre stand dort noch die Garnisonkirche. Das Stadtschloss auch, zumindest die Reste davon. „Mit meiner Großmutter besuchte ich als Kind häufiger den Gottesdienst“, erzählt die heute 64-Jährige. „Wir wohnten an der Breiten Straße, direkt neben der Garnisonkirche. Und die Ruinen des Stadtschlosses, die waren mein Spielplatz.“

Als die SED das im Krieg stark zerstörte Schloss ab dem Winter 1959 abreißen ließ, war das „ein Schock“ für die damals Zehnjährige. Noch einige Tage zuvor hatte sie das verfallene Schloss gemalt.

Dem Schloss fehlt die historische Treppe

Inzwischen ist das Stadtschloss wieder da, rosafarben mit der historischen Knobelsdorffschen Fassade und lichten, modernen Räumen für den Brandenburger Landtag. Nicht ganz so, wie Barbara Kuster es sich gewünscht hatte. Es fehlt das historische Treppenhaus, die Seitenflügel sind breiter als im Original, der Innenhof wurde dadurch kleiner. „Wir haben das Maximale gefordert“, sagt die Potsdamerin. „Mit dem Kompromiss können wir aber gut leben.“ Wir, das ist „Mitteschön“.

Ein Zusammenschluss von etwa 50 „freilaufenden Bürgern“, so Kuster. Eine überparteiliche Bürgerinitiative, die sich seit Jahren dafür einsetzt, dass die schönsten Gebäude der alten Potsdamer Mitte wieder ihren Platz finden. Barbara Kuster ist das Gesicht von Mitteschön, eine Vorsitzende oder einen Vorsitzenden gibt es nicht.

Sie kämpft nicht allein. Acht Bürgerinitiativen wollen mittlerweile bei der künftigen Gestaltung der historischen Innenstadt mitreden. Kürzlich haben sie sich zu einem „Bündnis Potsdamer Mitte“ zusammengeschlossen. Denn die Anliegen überlappen sich. Das neue Bündnis fordert deshalb von der Stadt „einen Masterplan für Potsdams Mitte“.

Günther Jauch verzichtete auf Werbeeinnahmen

Schon seit Jahren engagieren sich die Mitglieder des Stadtschlossvereins eng abgestimmt mit Mitteschön. Zusammen verkauften sie von ihnen gerettete Steine aus dem Fundament des zerstörten Stadtschlosses an Förderer. Damals stand nur das Fortunaportal des Schlosses. TV-Moderator und Wahl-Potsdamer Günther Jauch hatte dessen Wiederaufbau mit rund drei Millionen Euro ermöglicht – indem er auf Werbeeinnahmen verzichtete.

„An unseren damaligen ,Dinner-Demos‘ für das Stadtschloss auf dem Alten Markt nahmen bis zu 2000 Unterstützer teil“, erzählt Barbara Kuster voller Dankbarkeit. Darunter viele Potsdams Prominente. Nicht nur TV-Moderator Günther Jauch setzt sich leidenschaftlich für die Potsdamer Mitte ein, auch Modedesigner Wolfgang Joop, der wie Jauch am Heiligen See in Potsdam wohnt. Model Franziska Knuppe, Schauspielerin Nadja Uhl und „Tatort“-Kommissar Jörg Hartmann ist Potsdams städtebauliche Entwicklung eine Herzensangelegenheit.

Mitte Dezember wird das Landesparlament aus der düsteren alten Kriegsschule am Brauhausberg in das von dem Dresdner Architekten Peter Kulka gestaltete Schloss am Alten Markt einziehen. Der Stadtschlossvereins-Vizevorsitzende Joachim Kuke ist aber noch nicht zufrieden mit dem Erreichten. Er sagt: „Das Schloss ist nicht fertig ohne seine Dachfiguren.“ Fast 200 Jahre lang hüteten 76 nackte Helden und Götter das Gebäude. Acht der noch erhaltenen Sandsteinfiguren thronen seit 1966 auf dem Dach der Berliner Humboldt-Universität.

Figuren sollen in Berlin bleiben

Die Eigentümerin der Skulpturen – die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten – will die Stadtschloss-Relikte als Leihgabe offenbar in Berlin belassen. Für Joachim Kuke ist die Weigerung, die Figuren zurückzugeben, „ein Frontalangriff auf bürgerschaftliches Engagement“. Der Verein bietet an, die Restaurierungskosten zu übernehmen. Kunsthistoriker Kuke befürchtet nun, dass die Lücken bleiben. „Kein vernünftiger Mensch versteht, warum er für Kopien der Potsdamer Figuren für das Stadtschloss spenden soll, wenn die Originale in Berlin stehen.“

Eigentlich könnte auch die Synagoge in unmittelbarer Nähe zum Stadtschloss schon stehen. Doch immer noch wird heftig darüber gestritten, wie sie aussehen soll. Vor allem innerhalb der jüdischen Gemeinde. Seit 2008 existiert ein Siegerentwurf des Architekten Jost Haberland, nach einem europaweiten Wettbewerb von einer hochkarätig besetzen Jury ausgewählt. Doch der Entwurf ist vielen zu schlicht.

Der Synagogen-Förderverein, in dem sich seit April 2011 jüdische und nicht jüdische Potsdamer engagieren, will ihn unbedingt überarbeitet sehen. „Wir haben monatelang mit vielen engagierten jüdischen und nicht jüdischen Bürgern, mit nationalen und internationalen Architekten einen Kriterienkatalog und erste Entwürfe erarbeitet“, sagt Vereinschef Ulrich Zimmermann. „Die Synagoge muss als jüdisch sakrales Gebäude erkennbar sein und sich in moderner Architektur in das Stadtbild einpassen.“

Harmonische Mischung aus Alt und Neu finden

Barbara Kuster von Mitteschön sagt: „Wir sind durchaus nicht gegen moderne Bauten. In der Mitte wird zu 90 Prozent modern gebaut.“ Die Herausforderung sei, „eine spezifische Architektur für Potsdam zu finden“. Eine harmonische Mischung aus Alt und Neu. Wie viele macht Kuster sich derzeit große Sorgen wegen der Pläne für den Neubau eines Restaurants der Reederei Weiße Flotte. Der moderne Bau soll ausgerechnet direkt neben dem „Mercure“-Hotel auf dem Gebiet des einstigen Lustgartens entstehen. Steht er, hat die Stadt wohl keine stadtplanerische Handhabe mehr, den Abriss des Hotels durchzusetzen.

Im März hat sich die Bürgerinitiative „Rettet den Lustgarten“ gegründet. Mit dabei: Die Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth. Sie warnt vor der „schwer wieder gutzumachenden Sünde im Herzen der Stadt“. Der Bau würde den Lustgarten zerstören und die Sicht auf das wiederaufgebaute Stadtschloss verstellen. Ein Teil des Lustgartens wurde bei der Bundesgartenschau 2001 als moderner Garten gestaltet.

Eine Bürgerinitiative, der auch Rudolph Freiherr von Ketteler angehört, setzt sich für die Rekonstruktion der Skulpturengruppe „Neptuns Triumph“ im Wasserbassin des Lustgartens ein. Einige Figuren konnten aufgrund von Spenden bereits wieder angebracht werden. Teilweise waren nur noch Bruchstücke vorhanden.