Wenn das Telefon in der Lengsdorfer Chaussee Nummer 6 klingelt, ist es wieder so weit. Neun Ärzte arbeiten in der Rechtsmedizin Potsdam, je zwei der Gerichtsmediziner stehen immer für die Ermittler im Land Brandenburg bereit.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann der Staatsanwalt anrufen. Weil eine Leiche gefunden wurde. Weil nicht klar ist, warum dieser Mensch gestorben ist. Dr. Jörg Semmler und sein Team arbeiten auf Abruf. Denn der Tod kommt, wann er will.

Neulich etwa. Da wurden zwei Tote in einem Wald entdeckt. Zwei Leichen ohne Kopf, sie saßen in einem Transportwagen. Bei so spektakulären Fällen ist der Rechtsmediziner schon bei der Begehung des Fundorts dabei, der ein Tatort sein könnte. Kunstpause. Jörg Semmler, 62 Jahre alt, schaut über den Rand seiner schwarz-roten Brille. „War das nun Mord oder Selbstmord?“, sagt er.

Dackeldame kuschelt unter Röntgenaufnahmen

Im Büro des Leiters des Brandenburgischen Landesinstituts für Rechtsmedizin riecht es schwach nach Zigarettenrauch und ein bisschen nach Hund. Dackeldame Betty kuschelt sich beim Klang der Stimme ihres Herrchens tiefer in ihr Körbchen, das direkt unter der Röntgenaufnahme eines menschlichen Schädels mit weit aufgerissenem Mund steht.

Die schwarz-weiße Aufnahme ist mit einem buntem Magnetpin an der Wand befestigt. Durch die Fenster des flachen braunen Klinkerbaus duftet es intensiv nach Wald. Der Kuckuck ruft, der Park Sanssouci ist nur Schritte entfernt. Nein, zu sehen ist der Tod an diesem idyllischen Ort nicht. Bis, ja, bis auf diesen Totenkopf. Was es damit auf sich hat? „Auch ein interessanter Fall“, knarzt Semmler mit nikotingefärbter Stimme.

Wie so vieles, was er noch erzählen wird. Semmler ist ein Mann mit Mission. Momentan hat er viel zu sagen, denn sein Rechtsmedizinisches Institut ist bedroht. Da will er zeigen, was er kann.

Effektiv durchgeführter Doppelsuizid

Es sind oft kleine Zeichen, die zur Lösung führen. Wie etwa wurden die Köpfe der Toten vom Körper getrennt? Semmler hat nach dem Blick auf die Leichen einen Verdacht, daraufhin wird der Wald abgesucht. Die Ermittler finden zwei Stahlseile, an Bäumen festgeknotet. Was im Wald passierte, war kein Mord, sondern ein effektiv durchgeführter Doppelsuizid: Beide Menschen hatten sich Schlingen um den Hals gelegt, dann fuhr der Wagen los – in den sicheren Tod.

Selbstmord, Mord, Totschlag – das sind die Fragen, die im Institut für Rechtsmedizin geklärt werden. Es sind wichtige Fragen. Sie rühren an die Grundlagen unseres Rechtssystems, ebenso wie unser Gerechtigkeitsempfinden, das da lautet, dass ein Verbrechen bestraft werden sollte. Doch dazu muss es überhaupt erst entdeckt werden. Die Autorin Sabine Rückert hat in dem Buch „Tote haben keine Lobby“ schon im Jahr 2000 auf das wachsende Missverhältnis zwischen vermuteten Tötungsdelikten und tatsächlich aufgeklärten Taten hingewiesen.

Viele Morde werden aus Zeitgründen nicht entdeckt

Bis zu 20.000 Morde, so ihre These, werden in Deutschland jedes Jahr nicht entdeckt und demnach auch nicht strafrechtlich verfolgt. Die Zahl der Morde in Deutschland ist seit Jahren rückläufig. 2012 etwa lag sie bei knapp über 800. Die vermutet hohe Dunkelziffer liegt, so schreibt Rückert, daran, dass so mancher Allgemeinmediziner bei der Todesursache nicht so genau hinschaue. Aber auch die Sparzwänge der Rechtsmedizin seien schuld – zu wenig Kapazitäten, zu große Gebiete, die es abzudecken gelte, die Kosten für Obduktion und Anreise.

„Die Leichenschau in Deutschland, das ist ein schlimmes Kapitel“, sagt auch Jörg Semmler. Rückerts dramatische Dunkelziffer will er zwar nicht bestätigen. Wohl aber, dass Tote generell zu schnell für die Bestattung freigegeben werden würden. „Was da alles durchgeht“, sagt er und winkt so heftig ab, dass Hündin Betty vor Schreck in die Höhe springt. Der Politik sei das egal – sinkende Mordzahlen in Deutschland ließen sich schließlich unter „guten Nachrichten“ abheften.

Seit einigen Wochen muss auch Semmler um seinen Arbeitsplatz bangen. Die Enquetekommission des Brandenburger Landtags zur Reform der Verwaltung hat empfohlen, sein Institut für Rechtsmedizin inklusive der Zweigstelle Frankfurt (Oder) komplett aufzulösen. 24 Angestellte arbeiten dort insgesamt. Semmler rattert die Zahlen herunter. 600 Obduktionen werden von ihnen im Jahr durchgeführt, dazu kommen 4000 Analysen Alkoholgehalt im Blut, 1500 Drogentests sowie DNA- und Spuren-Untersuchungen, Gesichtsrekonstruktionen aus Schädelfragmenten oder auch, ganz profan, von Auto-Blitzerbildern, sowie Blutanalysen für Vaterschaftstests.

Pathologen in Krankenhäusern sezieren zu wenig

Einen Teil seiner Aufgaben, so die Kommission, könnte künftig ein Krankenhaus mit Pathologie übernehmen. Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg reagierte in der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ bereits entsetzt, die Rechtsmedizin sei „unverzichtbar“: „Wir haben schon jetzt eine sehr hohe Zahl nicht entdeckter unnatürlicher Todesfälle.

Die Dunkelziffer würde steigen, Morde würden nicht entdeckt.“ Das sieht auch Semmler so. Die Pathologen im Krankenhaus etwa würden viel zu wenig sezieren. Das Fachwissen seines Teams ginge verloren. Und das alles für zweifelhafte Einsparungen, für Synergien, deren Sinn ihm noch keiner habe nennen können? Er schüttelt den Kopf. Zeit fürs Luftholen, fürs Gassigehen.

Hündin Betty zieht an der Leine, Semmler an seiner Zigarette, die unter dem leicht gelblich verfärbten Schnurrbart wippt. Er ist ein kleiner, rundlicher Mann, zur weißen Medizinerhose trägt er ein kariertes Sakko. 37 Jahre arbeitet er in seinem Beruf, und ein bisschen Humor im Angesicht des Todes leistet er sich gerne. Semmler, der strenge Empiriker des Verfalls, ist ein lebensbejahender Mensch, einer, der gerne erzählt, über seinen Beruf, der ebenso bedroht wie populär ist.

Hype um Gerichtsmediziner dauert schon zehn Jahre an

Die mediale Präsenz des Gerichtsmediziners – in Fernsehen, Kino, Büchern und Populärwissenschaft – steht im krassen Missverhältnis zur Realität. Bis zu zwölf Millionen Zuschauer schalten ein, wenn im „Tatort“ aus Münster der ebenso flamboyante wie feingeistige Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) an der Seite von Ermittler Thiel (Axel Prahl) Mörder jagt. Der Berliner Gerichtsmediziner Michael Tsokos, Professor an der Humboldt-Universität, steht mit seinem Büchern über wahre Fälle der Forensik in den Bestsellerlisten, ebenso der Kriminalbiologe Mark Bennecke, der mit seinen populärwissenschaftlichen Büchern ein buntes Publikum erreicht.

Jörg Semmler holt tief Luft, wenn er auf die Promi-Kollegen angesprochen wird. Bennecke? Sei gar kein Rechtsmediziner. Tsokos? Ach ja, der sehr geschätzte Kollege ...! Professor Boerne im „Tatort“? „Guck ich nicht, ist mir zu albern“, knurrt er. Der „Hype“ um seinen Beruf, so Semmler, der dauere nun schon seit etwa zehn Jahren an. Zeit, das Bild des Rechtsmediziners mal richtigzustellen.

Mit einem dieser Holterdiepolter-Ermittler aus den TV-Serien hat Semmler wenig gemein. „Ich fahre nicht dem Täter hinterher, verhafte niemanden und habe auch keine Waffe“, stellt er klar. All das seien die Aufgaben der Polizei. Er schult stattdessen den Nachwuchs, sagt er und zeigt auch, wo: im Sektionssaal. Grüne Kacheln, grelles Licht, Meißel, Säge und Insektenspray für den Notfall liegen bereit. Hier können junge Mediziner zuschauen, selbst Hand anlegen oder etwa das Geheimnis des Röntgenfotos aus seinem Büro erfahren.

Interessenten bekommen einen „Schnuppertag“

Der Tote wurde an der Autobahn entdeckt, ein Opfer der organisierten Kriminalität. Vier Kugeln töteten den Mann, vier Einschüsse im Rücken ergab die Obduktion, doch nur drei Austrittsstellen der Geschosse. Ein Mysterium. Erst die Röntgenaufnahme und Semmlers fachkundiger Blick entschlüsselten das Geheimnis: Die letzte Kugel, sie steckte verborgen im Schädel. Abgefeuert wurde der Schuss, als der Mann schon am Boden lag, sodass sich die Verlaufsbahn der Kugel änderte.

Solche Geschichten interessieren die Menschen. Das Interesse ist groß an seinem Haus. Heute etwa ist eine 18-Jährige ganz spontan vorbeigekommen. Sie will Rechtsmedizinerin werden, ein Praktikum ablegen. Was sie bekommt, ist zunächst ein „Schnuppertag“, wie ihn Semmler nennt.

Der beginnt gleich mit einem Toten: Ein Leichenwagen fährt vor und bringt einen Mann, der bestattet werden soll. Noch ist die Todesursache offen. Der Notarzt hat das Feld auf dem Formular frei gelassen. Nun müssen die Kollegen in der Rechtsmedizin ran und klären, ob Rolf H.s Tod ein natürlicher war. Erst dann darf der Leichnam zur Bestattung freigegeben werden. Eine Routineuntersuchung. Jeder Handgriff sitzt.

Unauslöschbare Erinnerungen

Schon liegt der etwa 70-Jährige nackt auf dem Stahltisch. Einer der diensthabenden Ärzte untersucht den bleichen, ausgezehrten Körper, auf dessen Rückseite schon erste Totenflecken zu sehen sind. Beinah täglich erledigt auch Jörg Semmler solche Aufgaben. Etwa bei der vorgeschriebenen zweiten Leichenschau in den Krematorien. Bis zu 50 Tote sieht er dort pro Tag, schaut ein letztes Mal, bevor der Körper verbrannt wird, auf die angegebene Todesursache. Oft, so sagt er, findet er auch Ungereimtheiten.

Nicht immer ist es das sprichwörtliche Messer im Rücken. Oft eher der Verdacht auf eine Berufskrankheit, bei der geprüft werden müsste, ob sie ursächlich zum Tode beigetragen hat – und den Angehörigen etwa Ansprüche auf eine Rente bescheren würde. Oder eine Vernachlässigung eines Pflegebedürftigen, sei es im Heim oder der Familie. Oft gebe er deshalb seine Einwilligung zur Kremierung nicht. „Da bin ich stur!“, sagt er, auch wenn das wenig ändere. Der Bestatter weiche dann, auch auf Druck der Angehörigen, ins Ausland aus. „Die verbrennen dann eben in Polen“, so Semmler schulterzuckend.

„Der Tod ist ein sicheres Geschäft“, sagt er sarkastisch. Viele würden daran verdienen, auch sein Institut. Etwa dank einer „Sonderzulage“ für die Arbeit an Leichen, die stark verwest seien. Das Geld lande dann aber in der Landeskasse, nicht bei denen, die, so Semmler, die „Drecksarbeit“ machen würden. Überhaupt, die Kosten. Knapp 500 Euro würden für eine Obduktion in der Gebührenordnung des Landes berechnet. De fakto aber seien es 1200 Euro, die für die Öffnung des Leichnams anfielen.

Die Differenz zahlt dann der Steuerzahler. Für sein Institut ergebe sich so Jahr für Jahr ein Fehlbeitrag von 1,3 Millionen Euro. Deshalb kämpft sein kleines Institut nicht zum ersten Mal gegen seine Abwicklung. Semmler selbst steht an vorderster Front, er hat das Haus 1984 mitgegründet, stetig ausgebaut. Es ist auch sein Lebenswerk, das er verteidigt.

Die Faszination der Forensik habe ihn früh erwischt, erzählt er. Die Bandbreite der Aufgaben! Und die Nähe zum Leben – auch wenn dessen Abgründe nicht immer leicht zu ertragen seien. „Wir kümmern uns hier um den Dreck der Gesellschaft“, sagt er. Wie zum Beweis führt er in den Keller des Hauses, zeigt Präparate und Beweismittel, die sich in Tüten, Pappkartons oder auf Regalbrettern stapeln.

Knochen der Prostituierten mit Gummiteilen geflickt

Dort etwa, im Glasschrank, liegen die Knochen von Dana Franzke. Die Prostituierte war eines der Opfer des „Havel-Rippers“, wie ihn die Boulevardpresse in den Neunziger Jahren nannte. Das weiße Skelett ist künstlich mit grellrosa Gummiteilen geflickt, sie markieren, wo der Mörder die Leiche in Stücke schnitt. Ebenfalls im Hause, von Semmler selbst ausgewertet: Das Video, auf dem der Täter, der Arzt Gerd Wenzinger, sich selbst bei Zerstückeln der Toten filmte.

Sind es Fälle wie dieser, die ihn in all den Jahren am meisten berührt haben? Nein, sagt Semmler, der sich, wieder auf dem Hof angelangt, eine neue Zigarette anzündet. Nahe gegangen sei ihm ein anderer Fall, so der Vater von drei mittlerweile erwachsenen Söhnen.

Dann erzählt er vom Tod der damals zwölf Jahre alten Ulrike B. aus Eberswalde. Das Kind verschwand 2001 mit seinem Fahrrad auf dem Weg zum Handballtraining. Knapp zwei Wochen später wurde eine Leiche im Wald gefunden. Semmler machte sich mit der Polizei auf den Weg. Im Autoradio hörte er den damaligen Innenminister Jörg Schönbohm über die mögliche Todesursache des Kindes, so es denn Ulrike sei, spekulieren. Der Politiker erwog auch einen Verkehrsunfall.

Hubschrauber über der Fundstelle

Der 62-Jährige bläst Rauch in die Luft. „Es war ein Sexualmord, das habe ich sofort gesehen“, sagt er dann. Noch heute bekomme er die Bilder, die Geräusche nicht aus dem Kopf. Das Knattern der Rotoren etwa, weil drei Hubschrauber über der Fundstelle kreisten. Darin die Reporter, die die Suche, die unter großer Anteilnahme der Bevölkerung geführt wurde, aggressiv begleiteten.

Hat sein Beruf das Familienleben, seinen Blick aufs Leben beeinflusst? „Das Wissen über den Tod ist doch selbst eine Lebenswissenschaft“, sagt Semmler. Dann fügt er, pragmatisch wie immer, hinzu: „Na ja, Motorradfahren lernen durfte keiner von meinen Jungs.“

Im Gebäude klingelt das Telefon, die Sekretärin ruft nach dem Chef, es ist der Staatsanwalt. Der Leichenwagen ist weg, ebenso die Schnupperpraktikantin. Die Arbeit geht weiter. Jörg Semmler sieht erfreut aus.