Kriminaldauerdienst

Warum echte Kriminalisten nichts mit TV-Serien zu tun haben

Den Ermittlern des Kriminaldauerdienstes (KDD) ist kein menschlicher Abgrund fremd. Sie sind als erste Kriminalisten am Tatort und müssen die Weichen für eine schnelle Verbrechensaufklärung stellen.

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Ob Mord, Totschlag oder Raub – den Ermittlern des Kriminaldauerdienstes (KDD) ist kein menschlicher Abgrund fremd. Sie sind nach der Schutzpolizei immer die ersten Kriminalisten am Tatort, müssen Spuren sichern und die Weichen für eine schnelle Verbrechensaufklärung stellen.

Der KDD ist ein rund um die Uhr arbeitender Bereitschaftsdienst der Kripo. Im Zuge der Polizeireform wurde er im Januar 2012 an den vier brandenburgischen Polizeidirektionen aus der Taufe gehoben. 80 Ermittler und 100 Kriminaltechniker sowie acht Führungskräfte sind landesweit im Einsatz. Der 46 Jahre alte Kriminalist Torsten Wagner ist seit anderthalb Jahren Chef des KDD in der Polizeidirektion Nord in Neuruppin. Ihm untersteht eine 50-köpfige Truppe aus Ermittlern und Kriminaltechnikern. Sein Zuständigkeitsbereich reicht vom nördlichen Berliner Stadtrand bis hoch an die Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Oberhavel, Ostprignitz-Ruppin und die Prignitz gehören in den Einzugsbereich.

Rund um Berlin passiert mehr

„Da fallen für uns im Einsatz wirklich weite Wege an“, erklärt Wagner. Oft zu sehen bekommt er seine Leute deshalb nicht. „Organisatorisches muss daher viel über das Telefon laufen.“ Um aber immer flexibel auf das Kriminalitätsgeschehen reagieren zu können, hat Wagner seine Leute in zwei Teams aufgesplittet. „Eines arbeitet fest von Oranienburg aus. Das andere agiert eine Woche von Neuruppin, die andere Woche von Perleberg aus.“ Diese Aufteilung habe mit der Verteilung des Kriminalitätsgeschehens zu tun. „Rund um Berlin passiert einfach mehr, weil hier mehr Menschen leben, als in der dünn besiedelten Prignitz“, erklärt Wagner.

Die Neustrukturierung sei bei den Kripobeamten insgesamt sehr gut angekommen, so Dezernatsleiter Manfred Wagner, weil die lästige Rufbereitschaft neben dem normalen Tagesdienst weggefallen ist. „Wir arbeiten jetzt sieben Tage die Woche im Dreischichtsystem“, erklärt der Erste Hauptkommissar.

Schichtdienst bringt viele Vorteile

Vor Einführung des KDD konnte es für die Kriminalisten schon mal haarig werden, wenn das Handy nach einem Achtstundentag klingelte. „Dann mussten wir alles stehen und liegen lassen, egal ob man mit Freunden grillte oder seinen Geburtstag feierte“, so der 46-Jährige. Frust war da nicht nur familiär programmiert. Auch beruflich ist es oft zu Schieflagen gekommen. „Die eigenen Fälle türmten sich auf dem Schreibtisch. Das Aktuelle aus der Nacht hatte Vorrang. Viel Zeit für die eigenen Fälle blieb während der Rufbereitschaft nicht“, bestätigt Dörte Röhrs.

Die Polizeisprecherin war selbst Ermittlerin bei der Kripo. Obwohl Nachtschichten und Wochenenddienste nicht die beliebtesten Arbeitszeiten sind, „ist der jetzige Schichtdienst ein echter Fortschritt“, erklärt KDD-Chef Torsten Wagner. „Es gibt geregelte Arbeitszeiten. Früher war man im Kopf nie richtig frei, weil man auch in der Freizeit wusste, dass das Handy jederzeit losgehen konnte.“ Auch für die Kripo-Arbeit selbst bringt der Schichtdienst viele Vorteile mit sich, weil sich die Beamten spezialisieren können. Die KDD-Ermittler sind immer die ersten Kriminalisten am Tatort, sind auf den „ersten qualifizierten Angriff“, wie es im Polizeideutsch heißt, gedrillt. „So geht uns nichts durch die Lappen, weil wir schnell vor Ort sind, spezielle Routinen uns antrainiert haben, um alles am Tatort erfassen und sichern zu können.“

Keine Fernsehromantik

Auch die Staatsanwaltschaft weiß die Arbeit des KDD zu schätzen. Wagner erzählt davon, wie sich ein Staatsanwalt mal persönlich bei den Ermittlern für den schnellen und präzisen Einsatz bedankt hat. „Das war der Fall des Gullydeckel-Schmeißers von Birkenwerder“, sagt der 46-Jährige. Der Mann hatte Ende vergangenen Jahres von einer A-10-Brücke aus zwei Gullydeckel auf den nördlichen Berliner Ring geworfen.

Im Fernsehen, das nach dem Vorfall schnell in Birkenwerder war, hat er sich aber als Zeuge präsentiert. „Die Kleidung des Mannes hat ihn schnell verraten.“ In der Befragung hatte er angegeben, dass er in der Dunkelheit in einen offenen Gully gefallen sei. „Dafür fanden sich aber keine Spuren.“ Stattdessen zeigte sich der Gully-Schmutzfang unberührt. „Wenn er hineingefallen wäre, wäre er beschädigt gewesen. Unsere Ermittlungen konnten aber belegen, dass er jungfräulich war“, so der Chef-Ermittler.

In der Masse der Fälle müssen Wagners Leute bei nicht natürlichen Todesfällen ran. Meistens komme eine Meldung rein, dass ein Arzt zu einer Leiche gerufen wurde und er die Todesursache nicht klären konnte. „Wir machen dann die Leichenschau, bestimmen äußere Umstände und bringen alles für die Staatsanwaltschaft zu Papier, die dann entscheidet, ob die Leiche obduziert werden muss.“

Keinerlei Fernsehromantik im Alltag

Von daher habe die Arbeit des KDD so gar nichts mit Fernsehromantik zu tun. Das Einzige, was die echten Kriminalisten mit ihren Fernsehkollegen gemein haben, ist die absolute Wachsamkeit. „Es wäre schon blöd, wenn man das Messer im Rücken einer Leiche übersehen würde“, meinte Torsten Wagner. Ab und zu würden den KDD auch Anrufe aus Krematorien erreichen, dass Mitarbeitern die Todesursache einzelner Leichen nicht plausibel genug erscheinen würden. „Dann setzen wir uns ins Auto, fahren nach Perleberg oder Hennigsdorf.“

Apropos Fernsehen: Auch wenn Torsten Wagner mit seinem Dreitagebart und seiner rauchigen Stimme als jüngerer Bruder von Horst Schimanski durchgehen könnte, kann er mit Krimiserien wie „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ nichts anfangen. „Das hat mit unserer Arbeit überhaupt nichts zu tun“, sagt er. „Wie Ärzte keine Arztserien sehen können, kann ich mir keine Polizeiserien anschauen. Da wird nie gezeigt, wie viel Schreibarbeit man bei der Kripo hat“, ergänzt Sprecherin Dörte Röhrs. Real sind die Ermittler eine Stunde draußen und sitzen anschließend mindestens drei Stunden am Schreibtisch.

Ergebnisse stehen in der Zeitung

„Mir ist es schon mal passiert, dass mir jemand gesagt hat, dass ich gar nicht wie ein CSI-Ermittler aussehe. Deshalb wollte er mich dann auch nicht in seine Wohnung lassen“, berichtet Wagner und muss lachen. Zu seinem Leidwesen müsse er zu Hause dann aber doch schon mal einen „Tatort“ am Sonntagabend sehen. „Meine Frau ist nun mal Fan. Da kann man nichts machen.“

Übrigens: Das Ende eines Falls erlebt Wagners Team so gut wie nie: „Der Gullydeckelfall war da die Ausnahme. Ansonsten übergeben wir unsere Ermittlungsergebnisse rasch den Fachkommissariaten.“ Wie eine Sache ausgegangen ist, erfahren sie selbst meist nur aus der Zeitung.

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