Dietmar Woidke ist erst seit wenigen Wochen Ministerpräsident in Brandenburg. Am Dienstag muss der SPD-Mann seinen Chefsessel in der Potsdamer Staatskanzlei zwangsweise räumen. Grund ist aber kein politischer Erdrutsch im Land, sondern eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Der 250-Kilogramm-Blindgänger war Anfang vergangener Woche in der Nuthe entdeckt worden. Nur wenige Meter entfernt fanden die Kampfmittelsucher eine russische Panzergranate im Schlamm.
Die Fliegerbombe soll an diesem Dienstag in der Nähe des Fundortes entschärft, die Granate in einem angrenzenden Waldstück kontrolliert gesprengt werden. Neben dem Ministerpräsidenten müssen deshalb etwa 9000 weitere Menschen in der Potsdamer Innenstadt für mehrere Stunden ihre Wohnungen oder Arbeitsstätten räumen.
Von 8 Uhr an organisieren 60 Polizeibeamte, 100 Feuerwehrleute und knapp 400 Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Evakuierung. Als Unterstützung sind Kräfte der Bereitschaftspolizei angefordert. Auch von den benachbarten Landkreisen wird personelle Hilfe in der Landeshauptstadt erwartet. Weil die Rathausmitarbeiter im Einsatz sind, um Anwohner aus der Gefahrenzone zu bringen, bleiben nach Angaben der Stadtverwaltung die Kfz-Zulassungsstelle, das Standesamt, der Bürgerservice, die Ausländerbehörde und das Gesundheitsamt geschlossen.
Unter anderem sind von der Evakuierung mehr als 3000 Senioren betroffen, die im Sperrkreis leben. Viele von ihnen benötigen Hilfe und müssen zeitweise in Notquartieren untergebracht werden. Auch vier Schulen, drei Kindertagesstätten und zahlreiche Betriebe müssen geräumt werden. Voraussichtlich gegen 18 Uhr soll die Gefahr gebannt sein.
80 Regionalzüge fallen aus
Für den Autoverkehr wird die Sperrzone komplett abgeriegelt. Andere Teile der Innenstadt sind nur auf Umleitungen erreichbar. Massive Einschränkungen gibt es während der Entschärfung aber auch im Bus- und Bahnverkehr in der Innenstadt sowie von und nach Potsdam. Denn die Fundorte der Blindgänger befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof und den Gleistrassen in Richtung Berlin. Regional- und Fernzüge werden deshalb teilweise umgeleitet, mehrere Linien auch unterbrochen und verkürzt. Fahrgäste müssen auf Ersatzbusse umsteigen.
Auch die Berliner S-Bahn ist betroffen. Die Züge der Linie S1 (Potsdam Hauptbahnhof-Oranienburg) enden und beginnen von 8 bis 18 Uhr an diesem Dienstag bereits am Bahnhof Babelsberg. Die Verkehrsbetriebe Potsdam (ViP) müssen den Straßenbahn- und Busverkehr erheblich einschränken. Von 8 Uhr bis zum Start der eigentlichen Entschärfung – geplant ist 10.30 Uhr – halten die Tramlinien 91, 92, 93, 96 und 98 nicht mehr an den Stationen „Hauptbahnhof“ und „Lange Brücke“. Mit Beginn der Entschärfung wird der Straßenbahnverkehr im Sperrkreis dann komplett eingestellt. Die Verkehrsbetriebe fahren bis 18 Uhr auf zwei Tram-Teilnetzen im Norden und im Süden der evakuierten Zone.
Betroffen sind auch Zehntausende Berufspendler, Studenten und Touristen, die im Schienen-Regionalverkehr rund um Potsdam unterwegs sind. Auf den Regionallinien RE1 (Magdeburg-Frankfurt (Oder)), RB21 (Wustermark-Griebnitzsee-Friedrichstraße), RB22 (Flughafen Schönefeld-Potsdam-Friedrichstraße) und RB23 (Michendorf-Potsdam) fallen von 10.30 Uhr bis voraussichtlich 18 Uhr abschnittsweise insgesamt etwa 80 Züge aus. Bereits von 8 bis 10.30 Uhr halten keine Regionalzüge mehr am Potsdamer Hauptbahnhof.
In dieser Zeit stoppt die wichtige Pendlerlinie RE1 zusätzlich an den Stationen Potsdam-Charlottenhof und Park Sanssouci. Die Züge der Linie RB20 (Hennigsdorf-Potsdam) werden von 8 bis 18 Uhr über Golm nach Werder (Havel) umgeleitet und beginnen und enden dort.
Bahnreisende sollten besser früher losfahren
Fahrgäste des Regionalverkehrs müssen zwischen den Bahnhöfen Griebnitzsee und Park Sanssouci auf Ersatzbusse umsteigen. Busse fahren auch zwischen dem Bahnhof Wannsee und Park Sanssouci. Auf den meisten Linien müssen die Bahnkunden deshalb mit erheblich längeren Fahrzeiten und teilweise geänderten Abfahrtszeiten rechnen. Die Deutsche Bahn rät allen Reisenden, sich rechtzeitig zu informieren und nötigenfalls früher loszufahren. Die kurzfristigen Änderungen durch die Bombenentschärfung sind nämlich nicht in der Fahrplanauskunft im Internet berücksichtigt. Für Fragen ist der „Kundendialog“ der Bahntochter DB Regio Berlin/Brandenburg unter Tel.: (0331) 235-6881 und -6882 geschaltet.
Betroffen ist auch der Fernverkehr der Deutschen Bahn. Wie berichtet, werden wegen der Folgen des Elbe-Hochwassers im Juni immer noch Fernzüge zwischen Berlin und Hannover über Magdeburg umgeleitet und fahren deshalb auch – wenn auch ohne Halt – durch den Bahnhof Potsdam.
Bombe Nummer 132
Wie ein Bahnsprecher am Montag bestätigte, müssen die Züge, die bereits auf einem Umweg unterwegs sind, an diesem Dienstag eine zusätzliche Umleitung fahren. Die betroffenen ICE-Züge fahren von 10.30 bis 18 Uhr ohne Zwischenstopp über Golm, Priort, Spandau und Charlottenburg zum Berliner Hauptbahnhof.
Der Sperrkreis liegt zwischen der Humboldtbrücke und der Nuthestraße sowie zwischen Friedrich-Engels-Straße und der Straße Am Kanal. Gesperrt sind zahlreiche Straßen im östlichen Zentrum wie der Humboldtring und der Hans-Marchwitza-Ring, die Friedrich-Engels-Straße, die Babelsberger Straße, die Friedhofsgasse, die Burgstraße, die Türkstraße und mit Beginn der Entschärfung auch die Lange Brücke. Die Humboldtbrücke bleibt zwar für Autos befahrbar, wegen Bauarbeiten ist sie aber für Fahrzeuge mit mehr als 7,5 Tonnen Gesamtgewicht gesperrt.
„Eine enorme logistische Herausforderung“
Für die Landeshauptstadt bedeutet die Entschärfung, Sperrung, Evakuierung und zeitweise Unterbringung Hunderter Bewohner eine „enorme logistische Herausforderung“, wie Stadtsprecher Jan Brunzlow bestätigte. Zumindest haben die Verantwortlichen aber schon reichlich Erfahrung mit den gefährlichen Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges. Seit dem Jahr 1990 wurden im Potsdamer Stadtgebiet bereits 131 Fliegerbomben mit jeweils mehr als 50 Kilogramm Sprengstoff unschädlich gemacht.
Bei Bombe Nummer 132 kommt nach Angaben des Kampfmittelräumdienstes eine kontrollierte Sprengung am Fundort nicht in Betracht. Der US-amerikanische Blindgänger liegt zu nah an einem 14-stöckigen Hochhaus. Wie lange es dauern wird, bis Sprengmeister Mike Schwitzke an diesem Dienstag endgültig Entwarnung geben kann, konnten die Behörden am Dienstag noch nicht einschätzen.



