Der idyllische Blick aus dem Fenster des Hochhauses am Humboldtring 11 auf die Nuthe täuscht. Nur 35 Meter vom 14-stöckigen Hochhaus entfernt – unter der Wasseroberfläche – liegen seit 70 Jahren 120 Kilogramm reiner Nettoexplosionsstoff (TNT) begraben, umhüllt von einem 1,50 Meter langen Metallkörper mit Leitwerk und zwei Zündern. Ein Standardmodell der amerikanischen Luftwaffe.

Nur wenige Meter weiter hat sich eine russische Panzergranate in den Schlamm gegraben. Anfang der Woche entdeckten Kampfmittelbeseitiger bei der Munitionssuche in der Nuthe die Bombenlast. Kommenden Dienstag soll die 250-Kilogramm-Bombe mit einem Durchmesser von 36 Zentimetern nahe des Fundorts entschärft und die Panzergranate im angrenzenden Waldstück gesprengt werden. Für diese Aktion wird Potsdams Innenstadt komplett abgeriegelt.

Das bedeutet für etliche Firmen, Läden, vier Kindertagesstätten, drei Schulen und Teile der Landesregierung eine Zwangspause. Für tausende Anwohner, Berufstätige und Touristen ist an diesem Tag in der City kein Durchkommen – weder zu Fuß noch auf dem Rad oder dem Schiff. Ab acht Uhr gilt in der Sperrzone Fahrverbot für Auto, Bus und Bahn. Hauptbahnhof, Lange Brücke und Humboldtbrücke als die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Landeshauptstadt liegen im betroffenen Areal.

„Die Lange Brücke wird gesperrt, der Hauptbahnhof geschlossen“, kündigt Elona Müller-Preinesberger, Beigeordnete für Soziales, Jugend, Gesundheit und Ordnung, an. Ausnahmezustand vor allem für Pendler, die mit erheblichen Einschränkungen rechnen müssen. S-Bahnen starten und enden ab 8 Uhr am S-Bahnhof Babelsberg. Evakuiert werde das Gebiet zwischen der Humboldtbrücke und Nuthestraße, Friedrich-Engels-Straße, Friedhofsgasse, Heinrich-Mann-Allee, Lange Brücke, Humboldtstraße, Am Alten Markt, Am Kanal und Türkstraße. Einzig die Humboldtbrücke bleibt befahrbar – wegen der aktuellen Bauarbeiten ist diese jedoch für Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen gesperrt.

„Lkw-Verkehr aus Süden in Richtung Innenstadt ist an diesem Vormittag nicht möglich“, erläutert Marina Kluge, Fachbereichsleiterin für Ordnung und Sicherheit der Stadt. „Um in die Innenstadt zu gelangen, muss ein Umweg über die A10 bis zur Abfahrt Potsdam-Nord genommen werden.“ Für Autofahrer erfolge die Umleitung aus Richtung Michendorf und Bergholz-Rehbrücke über Heinrich-Mann-Allee und Horstweg auf die Nuthestraße.

Eine riesige Herausforderung

„Logistisch ist die gesamte Aktion eine riesige Herausforderung“, sagt Kluge. In Potsdam sei man zwar im Umgang mit Blindgängern aus dem Weltkrieg erprobt. Seit 1990 wurden 131 Bomben mit einem Gewicht von mehr als 100 Kilogramm in Potsdam gefunden, davon drei in diesem Jahr. Auch in dicht besiedelten Gebieten. Erst vor drei Jahren war eine Fliegerbombe auch in der Nuthe aufgetaucht und gezielt gesprengt worden. Ein Prozedere, das laut Kampfmittelbeseitiger aktuell nicht umsetzbar sei. Die Fundamente der Gebäude am Humboldtring könnten beschädigt werden.

„Der Fall hat es in sich“, bestätigt Marina Kluge. „Von den 9000 Potsdamern, die bis acht Uhr ihre Wohnungen verlassen müssen, ist ein Drittel über 70 Jahre alt“, sagt sie. Viele seien bettlägerig oder nicht mehr gut zu Fuß. Für sie müsse ein Transport in Unterkünfte oder betreute Einrichtungen organisiert werden. „In allen betroffenen Wohnbereichen werden Busshuttles zur Fahrt zu den vorgesehenen Sammelpunkten zur Verfügung stehen“, sagt Kluge. Mit der Kultureinrichtung „Waschhaus“, einer Mehrzweckhalle, der Comenius-Schule, dem Bürgerhaus Am Schlaatz und dem Objekt „Freiland“ seien bewusst nahe gelegene Auffangadressen gewählt worden. Inklusive medizinischer Betreuung. „Alles soll so schnell und reibungslos wie möglich vonstatten gehen“, sagt Kluge.

Was die Lage zusätzlich erschwere: Gleich drei Senioren- bzw. Pflegeeinrichtungen – zwei davon nahe der Freundschaftsinsel – sind zu evakuieren. Ein Kraftakt, der ohne helfende Hände nicht gemeistert werden könne. „Die Stadt wird mit fast 400 Mitarbeitern anrücken, die Polizei stellt 60, zusätzlich ist die Bereitschaftspolizei angefordert.“ Mit weiteren 100 Leuten werde die Feuerwehr sein, teilt Potsdams Feuerwehrchef Wolfgang Hülsebeck mit. „Wir setzen außerdem auf die Unterstützung aus den benachbarten Landkreisen, auf Hilfsorganisationen, eventuell auch auf die Bundeswehr.“