Als Falk Moses 1996 im damals noch weitgehend leeren Stahnsdorfer Gewerbegebiet den Selgros-Markt eröffnete, hat man ihm bereits eine bessere Verkehrsanschließung versprochen. „Seit Jahren warten wir Unternehmer hier nun schon auf die Landesstraße 77, die ins Gewerbegebiet führen soll“, ärgert sich Falk Moses. Die L 77 soll das Gewerbegebiet über die bereits bestehende Landesstraße 40, dem Flughafenzubringer, aus Richtung Potsdam und aus Berlin anbinden.

Noch heute ist der „Technopark“ nur zu etwa 60 Prozent ausgelastet, auch wegen der nicht optimalen Anfahrtswege. Auf 10.000 Quadratmetern verkauft der Unternehmer in seinem Großhandels-Markt 55.000 Artikel. Die Kunden sind Gastronomen, Händler, Gewerbetreibende. „Sie müssen durch den Ort und stehen wegen der Ampel ständig im Stau“, sagt Moses. Auch für die Beschäftigten sei die schlechte Anbindung ein Problem. „Wenn ein Auszubildender fragt, wie komme ich zur Arbeit, muss ich antworten: Einmal in der Stunde fährt ein Bus, ansonsten musst du von der Ortsmitte hierher laufen oder dir irgendwo das Fahrrad hinstellen.“

„Rot-Rot blockiert“

Die Gewerbetreibenden stehen mit ihrer Forderung nicht allein. Die Gemeinde Stahnsdorf sieht sich von der Brandenburger Landesregierung seit Jahren vernachlässigt. Der Vorwurf: Rot-Rot blockiere wichtige Infrastrukturvorhaben in der Region. „Die versprochene Landesstraße ist dringend notwendig“, sagt Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger). „Wir wollen für Stahnsdorf endlich auch einen Bahn-Anschluss.“

Die Gemeinde halte die entsprechenden Flächen dafür seit Jahren frei. Die S-Bahn-Strecke soll nach den Vorstellungen der Stahnsdorfer von Teltow bis ins Gewerbegebiet in Stahnsdorf verlängert werden. Bürgermeister Albers ist davon überzeugt, dass es ausreichend Fahrgäste gibt, die in Stahnsdorf zu- und aussteigen. „Stahnsdorf hat mittlerweile fast 15.000 Einwohner, 1993 waren es erst 5800.“ Mit weiterem Zuzug sei zu rechnen.

Stahnsdorf hatte schon einmal eine S-Bahn. Vor 100 Jahren startete die Friedhofsbahn vom Friedhof Stahnsdorf nach Berlin-Wannsee. Weil die Friedhöfe in Berlin nicht ausreichten, war im März 1909 der Südwestfriedhof für die Berliner eröffnet worden. Am 21. Oktober 1909 wurde der Vertrag zum Bau der Bahn zwischen der Synode und der königlich preußischen Eisenbahn geschlossen. „Am 2. Juni 1913 fuhr der erste Sonderzug von Berlin, vom Potsdamer Bahnhof nach Stahnsdorf“, erinnert Albers.

S-Bahn-Betrieb wurde 1945 unterbrochen

„Am 3. Juni wurde der fahrplanmäßige Betrieb aufgenommen.“ 1945 wurde der Bahnbetrieb nach Stahnsdorf unterbrochen, die Teltowkanalbrücke wurde vor den anrückenden sowjetischen Streitkräften gesprengt. Am 27. Mai 1948 war die Brücke wieder befahrbar und die Fahrt war wieder möglich. Doch die deutsche Teilung bedeutete das Ende der Bahn: In der Nacht zum 13. August 1961 fuhr der vorerst letzte Zug. Ganz hat Albers die Idee nie aufgegeben, dass die Friedhofsbahn wieder in Betrieb geht. „Die tiefe Wunde der deutschen Teilung könnte damit geheilt werden“, sagt er. Längst aber durchschneidet die A 115 die Trasse. Daher setzt er auf eine Verlängerung des S-Bahn-Netzes von Teltow nach Stahnsdorf.

Auch die Stahnsdorfer CDU will den Druck auf die Landesregierung erhöhen. „Unsere Fraktion hat einen Antrag eingebracht“, sagt CDU-Chef Daniel Mühlner. Darin heißt es: Die Gemeinde Stahnsdorf fordert die Landesregierung auf, die Blockade der Infrastrukturvorhaben in der Region aufzugeben. Dies gilt insbesondere für die Vorhaben zur Verlängerung der S-Bahn von Teltow nach Stahnsdorf und der Realisierung der neuen Landesstraße 77.

Antrag soll am Donnerstag verabschiedet werden

Für die Zukunft soll ein Ringschluss der S-Bahn bis nach Berlin-Wannsee aber nicht ausgeschlossen bleiben. Der Bürgermeister werde beauftragt, mit der Deutschen Bahn AG sowie den Interessenvereinigungen der Bahnkunden und Pendler Gespräche über einen S-Bahn-Anschluss für Stahnsdorf zu führen. „Die Region Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf ist – einheitlich betrachtet als fünftgrößte Kommune Brandenburgs eine prosperierende Region“, sagt CDU-Chef Mühlner.

„Mit dem erfreulichen Bevölkerungszuwachs sind gestiegene Anforderungen auch an die verkehrsmäßige Infrastruktur verbunden. Es ist daher nicht nachvollziehbar, weshalb die Landesregierung den dringend benötigten Infrastrukturprojekten eine Absage – zum Teil mit Ewigkeitsgarantie – erteilt.“ Der Antrag soll an diesem Donnerstag verabschiedet werden.

Minister bestätigt Bedarf

Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) sagte der Berliner Morgenpost: „Ein S-Bahn-Anschluss für Stahnsdorf ist derzeit nicht realisierbar“. Das Land sehe aber durchaus den Bedarf für die Landesstraße 77. Das Vorhaben sei unter 18 Vorhaben im Landesstraßenbedarfsplan bis 2024 enthalten. Derzeit gebe es aber auch juristische Hemmnisse. Der Planfeststellungsbeschluss werde durch Anwohner beklagt.