Der Berliner Junge, der zusammen mit zwei anderen aus der Haasenburg geflüchtet war, muss nicht in das umstrittene Heim in Brandenburg zurück. Wie der Hamburger Familienanwalt Rudolf von Bracken auf Anfrage der Berliner Morgenpost mitteilte, hat der Vormund seinen Antrag auf Verlängerung der richterlichen Genehmigung auf Freiheitsentziehung zurückgezogen. Vor dem Amtsgericht Lübben (Dahme-Spreewald) erklärte der Anwalt daraufhin am Montag seinen Antrag „für erledigt“.
Er wollte ursprünglich beantragen, dass die Richter die vorliegende richterliche Genehmigung zur Unterbringung des 15-Jährigen in einer geschlossenen Einrichtung aussetzen. „Ich wollte Freiheit für meinen Mandaten, die gibt es jetzt, weil der Gegner eingelenkt hat“, zeigte sich der Anwalt „sehr zufrieden“. In zwei Tagen wäre der Beschluss zur geschlossenen Unterbringung abgelaufen. „Jetzt werden das zuständige Jugendamt und die amtlich bestellte Vormünderin mit Experten zusammen mit dem Jugendlichen nach einer Unterbringungslösung suchen“, sagt von Bracken.
Isolation, Demütigung und militärischer Drill
Die beiden 16-Jährigen aus dem Saarland und aus Hamburg, mit denen der Junge vor fast drei Wochen nachts aus dem Heim in Neuendorf am See weggelaufen war, sind hingegen wieder in der Haasenburg. Nach Auskunft des Anwalts von Bracken, der auch sie vertritt, wiederholte der Junge aus dem Saarland am Montag bei einer Anhörung vor dem Amtsgericht in Lübben seine Vorwürfe.
Betreuer in dem Heim hätten die Jugendlichen gedemütigt und misshandelt. Frühere Bewohner berichteten in der Tageszeitung „taz“, sie seien tagelang fixiert worden. Ein ehemaliger Haasenburg-Mitarbeiter sprach von „Isolation, Demütigung und militärischem Drill“.
Der 15-jährige Berliner hielt sich bislang vor den Behörden versteckt. „Er traute sich bis jetzt nicht, wieder Kontakt aufzunehmen“, sagte sein Anwalt. Ende voriger Woche hatte der Junge Strafanzeige gegen die Betreiber der drei geschlossenen Heime in Brandenburg gestellt. Sein Vorwurf: Er sei von Erziehern getreten und wiederholt gedemütigt worden. Außerdem habe er fast ein Jahr lang bis zu seiner Flucht „in absoluter Isolation“ in einem Einzelzimmer gelebt und sei nur selten an die frische Luft gekommen.
Mutter kämpfte um das Sorgerecht für den 15-Jährigen
In der Berliner Morgenpost erhob seine Mutter schwere Vorwürfe. „Mein Sohn war die meiste Zeit alleine in seinem Zimmer eingesperrt“, sagte sie der Berliner Morgenpost. „Er hat bis zuletzt schlimm gelitten.“ Nicht einmal aus dem Fenster habe er schauen dürfen. Er hätte sonst Kontakt mit anderen Jugendlichen aufnehmen können.
„Mein Sohn war zwar in einer Wohngruppe untergebracht, doch bis auf ein paar Mal durfte er nicht mit den anderen zusammen essen“, sagte die Frau. Fast ein Jahr war der 15-Jährige in der Haasenburg in Neuendorf am See im Kreis Dahme-Spreewald untergebracht. „Es war das absolute Grauen“, sagte die Frau.
Der alleinerziehenden Mutter war im Jahr 2009 das Sorgerecht entzogen worden, der Junge erhielt daraufhin einen Vormund. Die 43-Jährige kämpfte seitdem darum, das Sorgerecht zurückzuerhalten – und in den vergangenen Monaten auch darum, dass er nicht mehr in die Haasenburg zurückmusste und auch in keine andere geschlossene Einrichtung.
Betreiber der Heime weist Anschuldigungen zurück
Der 15-Jährige erhebt in der Anzeige auch den Vorwurf, er sei von einem Betreuer mit der Fußspitze heftig ins Gesäß getreten worden. Außerdem habe ein Betreuer ihm befohlen, in den Müllcontainer zu steigen. „Dann sagte er auf einmal: ,Wieso bist du denn da reingestiegen, du bist ja ein Müllbobby, haha, ich lach mich tot.‘“ Der Erzieher habe ihn fotografiert und die Klappe zugemacht. Später habe er die Bilder rumgezeigt.
Der Betreiber der drei Heime in Neuendorf am See und Jessern (Dahme-Spreewald) sowie Müncheberg (Märkisch-Oderland) weist die Anschuldigungen zurück. „Ich kann mit Sicherheit sagen, dass kein Kind und kein Jugendlicher in der Haasenburg die meiste Zeit allein in seinem Zimmer eingesperrt ist“, sagte ein Sprecher.
Es kann im Fall des Jungen durchaus eine Einzelbetreuung gegeben haben. Er habe aber in der Wohngruppe gelebt und auch Kontakte mit anderen Jugendlichen gehabt. Auch kämen die Jugendlichen regelmäßig an die frische Luft.
Haasenburg will gegen Belegungsstopp juristisch vorgehen
Das Heim widerspricht gegenüber den Behörden auch der Darstellung des 15-jährigen weggelaufenen Jungen, er sei in eine Mülltonne gesteckt worden. Der Ablauf der Ereignisse stelle sich aus Sicht der Betreuer völlig anders dar, sagte ein Sprecher. Dem Jugendamt sei als Beleg ein Handyfoto der Situation übermittelt worden.
Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) verhängte nach den aktuellen Vorwürfen einen vorläufigen Belegungsstopp der Haasenburg. Dagegen will die Haasenburg GmbH juristisch per einstweiliger Verfügung vorgehen. Ein entsprechender Antrag liegt dem Verwaltungsgericht Cottbus vor.
Außerdem suspendierte das Bildungsministerium drei beschuldigte Mitarbeiter. Eine sechsköpfige Expertenkommission soll die Vorgänge in der Haasenburg aufklären.





