Nach der Flut

Wie die Stadt Wittenberge ihren Stolz wiederfand

Lange galt Wittenberge als verlorene Stadt, die nach der Wende in eine Depression verfiel. Das Hochwasser hat manches Klischee mitgenommen: Im Sommer wirkt der Ort wie Prenzlauer Berg am Meer.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Abends, wenn die Sonne hinter der Elbe versinkt und nur noch die Mücken am Ufer summen, bekommt Wittenberge im Land Brandenburg eine schillernde Schwester. Einen Zwilling in Wasserblau und Schilfgrün, mit funkelnden Diamanten im Haar. So steigt das Spiegelbild der kleinen Industriestadt aus den weiten Flächen des Hochwassers. Denn die Elbe steht, auch vier Wochen nach der Katastrophe, immer noch hoch an den Deichen.

Wittenberge: Die Stadt ist davongekommen, wieder einmal. Doch so knapp wie dieses Jahr war es noch nie. Niemals drückte das Hochwasser so hoch und so lange an Spundwände und Deiche. Und niemals zuvor war die Rettung so teuer erkauft.

Tausende Helfer stapelten Sandsäcke, um Wittenberge zu halten. Und am Ende war es wohl vor allem das Unglück der Nachbarn bei Fischbeck in Sachsen-Anhalt, das die Stadt Wittenberge rettete. Ein Deichbruch flutete zwischen Elbe und Havel das Land und die Dörfer. Wittenberge hatte Glück. Zwar standen einige Nachbardörfer teilweise unter Wasser. Wäre die Elbe auf mehr als die prognostizierten 8,10 Meter gestiegen – wer weiß, was von der Stadt noch übrig wäre.

Jetzt wird aufgeräumt

So aber blieb es bei einem neuen Hochwasser-Rekordstand von 7,85 Metern. Und jetzt wird aufgeräumt. An der Elbpromenade sind die Sandsäcke schon verschwunden und das Flatterband der Polizei, die in der evakuierten Altstadt tagelang Wache schob. Die Bewohner sind zurück in den Häusern. Abends, wenn die Sonne hinter der Elbe versinkt, versammeln sie sich auf der ersten wiedereröffneten Caféterrasse und schauen mit gemischten Gefühlen gen Horizont.

Da ist einerseits der schöne Sonnenuntergang. Andererseits ist es in Wittenberge still – viel zu still. „Normalerweise wären hier scharenweise Fahrradtouristen unterwegs“, sagt Matthias Stelter, Inhaber des Cafés „Elbe8“, das direkt an der Promenade liegt. Davor führt der Elbe-Radweg vorbei, von der Sächsischen Schweiz bis nach Cuxhaven. Ab Wittenberge ist er nach Norden wieder befahrbar, im Süden sind teilweise noch Umleitungen ausgeschildert. „Aber viele Touristen wissen das nicht oder haben von vornherein umdisponiert, als die Nachricht vom Hochwasser kam.“

So sind es allein die Mücken, die in Scharen durch Wittenberge summen. Sie sind mit dem Hochwasser gekommen. Am Elbufer stapeln sich Treibholz, ausgerissene Büsche und Gras, das einen Geruch verströmt wie Seetang am Meer. Nicht unangenehm. Wären da nur diese kleinen Biester nicht. „Aber wir wollen nicht jammern“, sagt Stelter und bittet seine Gäste zum mückenfreien Feierabendbier nach drinnen.

Die Welt hat Wittenberge zugesehen

Jammern will niemand in Wittenberge. Denn da ist der Stolz und die Dankbarkeit, es geschafft zu haben. Wieder einmal, alle gemeinsam – und mehr noch. Diesmal hat die Welt Wittenberge zugesehen. Jene Stadt, die jahrelang als Sinnbild für den verlorenen Osten stand. Das letzte Mal hatte die Welt hingeschaut, als nach der Wende hier die Fabriken schlossen. Wer konnte, zog damals weg. Zurück blieben die Alten, die Armen – und die Ruinen der DDR. So zumindest sah es das Klischee.

Als jetzt aber Politiker bis hin zu Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgerechnet Wittenberge als Kulisse für ihre Hochwasser-Botschaften wählten, war klar: Irgendwas musste anders sein in Wittenberge, das viele nur noch als kurzen ICE-Stopp zwischen Hamburg und Berlin kennen. Statt verbitterter Hartz-IV-Mienen sah man mit Merkel plötzlich ein buntes Wimmelbild aus fröhlichen Menschen. Unterm azurblauen Himmel schippten sie emsig Sandsäcke. Im Hintergrund rahmten die backsteinroten Speicher einer historischen Ölmühle das Bild ein. Wittenberge leuchtete.

Mitten im Bild stand Oliver Hermann, Bürgermeister von Wittenberge, 47 Jahre alt, parteilos, promovierter Historiker. Mit den Füßen im Elbsand erklärte er der Kanzlerin, warum die Baustelle, auf der sie standen, die größte Gefahr für seine Stadt darstellte. Und andererseits ihre größte Hoffnung. Denn die Stadt baut an einem neuen Stück Deich, das gleichzeitig Uferpromenade wird.

„Noch sind wir mittendrin“

Fast wie an der Ostsee wird man dann hier flanieren können. Auf der einen Seite wird der Blick weit über die Elbauen schweifen, ihre Nebenflüsse, Deiche und die beiden langen Brücken. Auf der anderen Seite das Panorama der Stadt: Industrie- und Kirchtürme, Klinkerkaten, Jugendstilpaläste und die neuen Stadtvillen, die demnächst hier entstehen. Die Uferpromenade, sagt Hermann, sei das Symbol für den Wandel von Wittenberge. „Wenn sie fertig ist, haben wir es geschafft. Noch sind wir mitten drin.“

Was Wittenberge dafür schaffen muss, ist nicht weniger, als sich um 180 Grad zu drehen. Und das ist im Wortsinn ebenso wie symbolisch gemeint. Nicht rückwärts soll die Stadt schauen, auf die Plattenbauten aus DDR-Zeiten, die hochwassersicher landeinwärts stehen. „Wittenberge muss ans Wasser zurückkehren“, sagt Hermann, als sei es ein Leichtes, eine ganze Stadt zu bewegen.

Ans Wasser, das seit Jahrhunderten die Veränderungen gebracht hat: Erst kamen Fährleute, Fischer und Ackerbürger. Dann die erste Elbbrücke für die Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Mit ihr kam die Fabriken und das Wachstum für die Stadt, die nun wieder schrumpft. Und nun kommt, immer öfter, das Hochwasser. Gegen das wiederum immer höherer Deiche gebaut werden.

Als erste Adresse der Stadt gilt seit einigen Jahren die historische Ölmühle, die der Berliner Getreide- und Rübenölhändler Salomon Herz ab 1823 ans Wasser bauen ließ. Ein gigantischer, heute denkmalgeschützter Backsteinkomplex. Die Fabrikantenvilla wurde zum Viersternehotel, ein Speicher zum Brauhaus mit Restaurant, am Ufer steht eine Beach-Bar, in der Mitte eine riesige Freiluftbühne.

Immer noch wird saniert und gebaut an diesem Ort, der aber genau deshalb Leichtigkeit ausstrahlt. Das Gefühl, nicht mehr hier und noch nicht dort zu sein: Vielleicht auch deshalb wurde die Ölmühle zur Kulisse des Merkel-Besuchs. Plötzlich richteten sich die Kameras auf eine fast vergessene Stadt, die ein bisschen aussah wie Prenzlauer Berg am Meer.

Bevölkerungsschwund nach der Wende

Nur: In Wittenberge gibt es keinen Prenzlauer Berg. Keine Biosupermärkte und kein Babyyoga, keinen Kampf um die schönsten Altbauquartiere. Mehr als 2000 Wohnungen sind hier für den Stadtumbau abgerissen worden. Über die zugigen Freiflächen wächst Gras, und immer noch fallen weitere Wohnblöcke. Von den einst 33.000 Bewohnern hat die Stadt seit der Wende die Hälfte verloren. Sie werden nicht wiederkehren, auch wenn der Bürgermeister sagt: Immerhin hielten sich Weg- und Zuzüge inzwischen die Waage.

Weiterhin sterben mehr Wittenberger, als Kinder geboren werden. Wenn im Jahr 2030 nur noch 12.500 Menschen in Wittenberge leben, so die Prognose – „dann sollen sie möglichst alle in der historischen Altstadt wohnen“, sagt Hermann. Zum einen, weil städtische Infrastruktur auf größerer Fläche ungleich teurer ist. Aber vor allem, um den letzten Wittenbergern das Gefühl zu geben, nicht ganz verloren zu sein.

Diese Verlorenheit war es, die Wittenberge in den vergangenen Jahren berühmt gemacht hat, gegen den Willen vieler Bewohner. 2007 zog eine Schar Wissenschaftler aus Hamburg und Berlin in die Stadt. Soziologen, Ethnologen, Theatermacher unter Leitung des prominenten Wissenschaftlers Heinz Bude begannen ein einzigartiges Projekt. Drei Jahre lang erforschten sie das Lebensgefühl der Bewohner – in Interviews, Essays und Theaterstücken. So versuchten sie zu ergründen, was der Umbruch nach der Wende mit den Menschen gemacht hatte.

„Halb Wittenberge pendelt“

Wie ging es den Familien? Wie lebt man, wenn jegliche Perspektive auf Arbeit und Gebrauchtwerden verloren ist? Aus dem Leben in Wittenberge wurden Theaterstücke am Berliner Maxim-Gorki-Theater und mehrere Bücher. Das letzte, gerade erschienen, hat den Titel „Wittenberge ist überall“. Die These: Wittenberge stehe symbolisch für den Niedergang in ehemaligen Industriequartieren, ob nun in England, Rumänien oder Rheinland-Pfalz.

Die Wissenschaftler trugen am Rande 25 „zentrale Beobachtungen“ zusammen, um die Stadt zu charakterisieren. Manche klangen eher witzig als wahr. Die „Hartz-IV-Party“ zum Beispiel, eine Warteschlange, die sich angeblich immer zu Monatsanfang an einer Sparkasse bildet.

Nur: Die erwähnte Filiale existiert gar nicht. Oder die Beobachtung der Menschenmassen am Bahnhof: „Halb Wittenberge pendelt“, lautet die Beobachtung, es klingt wie: Halb Wittenberge ist auf der Flucht. Aber heißt dies nicht auch, dass viele Wittenberger um jeden Preis in der Heimat bleiben wollen, auch wenn sie in Hamburg oder Berlin arbeiten?

Heerscharen junger Menschen

Eine „Obduktion“ nannte die Tageszeitung „taz“ das Experiment. Vielleicht erklärt dieses Wort am besten, wieso die vielen Wittenberger sich in der Studie nicht wiederfanden. Den Ansatz, sagt Bürgermeister Oliver Hermann, finde er gut, auch wenn ihm die Methode als Historiker ein bisschen fragwürdig erschien. Das Unbehagen löste aber wohl vor allem jene Endgültigkeit aus, mit der die Forscher ihre Ergebnisse präsentierten. Obduktion eines „verlorenen Ortes“? Wittenberge war ja nicht tot. Auch das förderte das Hochwasser zutage.

Denn es waren nicht die Politiker, die zuerst an den Sandsäcken erschienen, sondern die Wittenberger selbst. Überrascht standen die Älteren, die sich eigentlich für die Mehrheit im Ort halten und es statistisch gesehen auch sind, zwischen Heerscharen junger Menschen. In Shorts und T-Shirts, mit Rucksäcken auf dem Rücken oder auch Kopfhörern auf den Ohren standen sie plötzlich an den Deichen und machten aus der Hilfsaktion eine Art Happening.

Noch beim Winter-Hochwasser 2011, sagt Bürgermeister Oliver Hermann, sei es schwer gewesen, genügend Helfer zu mobilisieren. Diesmal gingen an manchen Tagen die Säcke aus, so viele helfende Hände griffen zu. „Es kamen ganze Schulklassen und unglaublich viele freiwillige Helfer aus Berlin“, erinnert sich Hermann. Die Radfahrerpensionen der Stadt füllten sich plötzlich mit Helfern – und das Bewusstsein vieler Wittenberger mit Stolz.

„Einmal Wittenberge, immer Wittenberge“

Das Rekord-Hochwasser wurde, bei allem Stress unter kreisenden Hubschraubern, heulenden Feuerwehrsirenen und endlos donnernden Sand-Lkw, ein historischer Moment für die Stadt. Bilder davon sind inzwischen in einer kleinen Ausstellung in der Alten Ölmühle zu besichtigen. Als Dank an die Helfer, aber auch als Selbst-Vergewisserung für die Momente, wenn die Tristesse wieder kommt.

Denn die lässt sich noch finden. Im alten Nähmaschinenwerk etwa, über dem bis heute in riesigen Lettern der Schriftzug „Veritas“ thront, „Wahrheit“: Was ist die Wahrheit von Wittenberge? Der Industriekomplex wurde nach langem Leerstand an einen Investor verkauft, der pleite ging.

Seit Jahren kämpft ein Zwangsverwalter um eine Zukunft für das Gelände. Viele kleine und mittlere Firmen haben sich angesiedelt, Transportunternehmen, Baumaterialien, Medizintechnik und sogar ein Händler für Nähmaschinen-Ersatzteile. Ganz am Rand gibt es in einer Baracke eine winzige Kneipe, die „Veritas“-Klause.

Die blonde Inhaberin serviert an Sprelacart-Tischen aus DDR-Zeiten „Zaubergulasch“ mit Rotkohl, Quarkspeise und guter Laune. Ihre Gäste sind Mitarbeiter vom Gelände und Rentner, die hier jahrzehntelang Nähmaschinen zusammengeschraubt haben. Zwei Rentner berichten von ihrem Sohn, der in Berlin Polizist ist: „Der kommt nicht wieder. Hier werden doch abends um acht die Bürgersteige hochgeklappt, dann gibt’s nur noch Glotze oder Garten“, sagt der ältere Herr.

Auch die Wirtin ist ehemalige Nähmaschinen-Monteurin. Direkt nach der Wende sei sie „abgehauen“ nach Frankfurt am Main, sagt sie, um Arbeit zu finden. Was auch gelang. Trotzdem war sie nach drei Jahren wieder zu Hause. „Heimweh“, sie lächelt. „Einmal Wittenberge, immer Wittenberge. Ich liebe meine Stadt.“

Frische Schrippen für die Nachbarn

Auch der Bäckermeister gegenüber der Alten Ölmühle blieb. Lars Erfert, 45 Jahre alt, schließt jeden Morgen um fünf seine Backstube auf, um den letzten verbliebenen Nachbarn frische Schrippen zu verkaufen. Viele kommen nicht mehr. Den Betrieb hat Lars Erferts Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater 1859 gegründet – es könnte ein Ur- mehr oder weniger sein – jedenfalls hat die Bäckerei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen und auch die sozialistische Gleichmacherei überstanden. Lars Erfert erzählt von staatlicher Gängelei und schaut vom Verkaufstresen hinaus auf die Straße.

Die Backstube war damals das erste Gebäude gegenüber der neuen Ölmühle, es folgten Bürgerhäuser und Fabrikantenvillen. Heute gähnen Lücken zwischen den Häusern, manche rotten mit vernagelten Fenstern vor sich hin. Zu DDR-Zeiten, sagt Lars Erfert, stand die Schlange der Bäckerkunden rund ums Eck.

Die Arbeiter radelten in Fünferreihen über die Straßen. Jetzt leuchtet das blaue Elbe-Logo einsam auf dem verlassenen Fern-Radweg, der direkt an der Bäckerei vorbeiführt. Seit dem Hochwasser fehlen die Touristen, sagt auch Erfert.

Trotzdem klingt der Bäckermeister nicht frustriert. Schlimme Zeiten, sagt er, fühlten sich anders an. Wie jener Tag, als die Mauer fiel „und plötzlich alle nur noch Waren aus dem Westen haben wollten“. Am 10. November 1989 war es vorbei mit den Warteschlangen beim Bäcker. Genau einen Zitronenkringel hätten sie da noch verkauft, Erfert lacht. Auch wenn jener der Tag der erste von zwei harten Jahren des Überlebenskampfs war.

Zitronenkringel backen die Erferts übrigens immer noch. Sie gelten heute als Delikatesse bei vielen Wittenbergern. Wegen des traditionellen Rezepts mit Zitronencreme. Aber vielleicht auch, weil die Kringel den Geschmack der Vergangenheit transportieren. Und die ist, auch wenn nicht alles gut daran war, doch unbestreitbar ihre eigene.

Leerstehende Resterampe

Oliver Hermann, seit fünf Jahren Bürgermeister der Stadt, kam 1999 aus Potsdam nach Wittenberge. Als neuer Leiter des Stadtmuseums gehörte es zu seinen Aufgaben, die Geschichte der Stadt gewissermaßen neu zu erzählen. Am Abend seines ersten Tages, erinnert er sich, sei er die Elbe entlanggelaufen auf der Suche nach eine Kneipe für ein Feierabendbier.

„Aber es gab keine einzige Gaststätte mehr.“ Die Altstadt lag grau und vergessen am Rand der Stadt. Heute ist sie selbst vom hohen Rathausturm gut zu erkennen - an den bunten Häusern. Das leuchtendste Haus ist rot: Die Pension „Zur Möwe“ wird in diesen Tagen eröffnet. Sie ist heute eine von vielen entlang der Elbe und in den alten Gassen, in denen sich schön saniertes und malerisch verfallende Häuser abwechseln.

Wer Wittenberge verstehen will, muss lernen, doppelt zu sehen. Wie jenes Spiegelbild auf der Elbe, das die alte Stadt als Schönheit wiederauferstehen lässt. So kann man in der Bahnstraße die historische Konditorei der Familie Erfert entdecken, zwischen Modeläden und Handyshops. Dreht man sich einmal um, sieht man: In Wittenberge steht sogar „Rudis Resterampe“ leer.

Man kann an der nächsten Ecke den abblätternden Putz eines Altbaus bemäkeln. Oder ihn dafür bewundern, wie wunderbar ockergelb die alte Farbe in der der Sonne leuchtet. In den Schaufenstern des Eckhauses hat jemand unzählige Schwarz-Weißfotos aus dem Wittenberge der DDR dekoriert.

Das Schild darüber zeigt wie ein Motto das Wort: „Lebensmittel“ und das rote „K“ für „Konsum“. Wittenberge bedient jedes Klischee großzügig. Darin kann man ein Problem sehen. Oder auch einen besonderen Reichtum.