Das Einzige, was nicht fließt in Spremberg, ist der Verkehr. Unter der Brücke brodelt braun und reißend die Spree, viermal so hoch wie normal in der Stadt. Von oben ergießt sich am Dienstagmorgen ein Regenguss nach dem anderen. Und in den schmalen Gassen der mittelalterlichen Innenstadt im Südosten Brandenburgs stauen sich die Autos, seit die Feuerwehr die ufernahen Straßen abgesperrt hat. Sicherheitshalber. Denn noch fließt das Wasser dort, wo es hingehört – im Flussbett, nicht in den Straßen. Dennoch sind im Laufe des Tages immer mehr Anwohner zu Fuß in der Stadt im Landkreis Spree-Neiße unterwegs. Sie wollen einmal nachschauen, wie es so steht, mit der Spree, die Sprembergs Innenstadt als Kleine und Große Spree umfließt.

Da hat Matthias Platzeck (SPD) gut reden: „Es gibt keinen Anlass, Angst zu verbreiten“, sagt Brandenburgs Ministerpräsident, der am Dienstag in Perleberg das Brand- und Katastrophenschutzzentrum des Landkreises Prignitz, quasi am entgegengesetzten Zipfel des Bundeslandes, besucht. Allerdings rechnet selbst Platzeck mit einem Hochwasser, das jenes von 2002 übertreffen wird. Auch damals war Platzeck im Katastrophengebiet unterwegs. Auch damals verbreitete er Optimismus. Dennoch blieb die Elbe-Flut von 2002 als bisheriges Jahrhunderthochwasser unerfreulich in Erinnerung. 13 Milliarden Euro Schaden hatte sie nach Angaben der Bundesregierung deutschlandweit verursacht. Wenn sich also in dieser Woche die Wassermassen mit noch größerer Wucht durch die Flussbetten wälzen – dann könnte es womöglich schlimm kommen.

Die Spree in Spremberg beispielsweise steigt und steigt, seit am Montagabend die Talsperre Bautzen in Sachsen kontrolliert geöffnet wurde. Sie drohte überzulaufen. Ähnliches wird auch für die Talsperre Spremberg vorausgesagt. Was bedeutet: Wenn sie geöffnet wird, erreichen die braunen Fluten den Spreewald und früher oder später auch Berlin (siehe Info-Kasten). Der höchste Stand wird für Mittwoch oder Donnerstag erwartet.

Umweltschützer kämpfen gegen den Eisenschlamm

Die Spree trägt Baumäste und Müll mit sich – und jede Menge des braunen Eisenschlamms, den sie hier alle fürchten. Der „Ocker“ ist eine Folgeerscheinung der ehemaligen Braunkohletagebaue. Für Menschen ist er nicht gesundheitsgefährdend. Wohl aber für Kleinstlebewesen im Wasser und Wasserpflanzen im Spreewald. Umweltschützer kämpfen seit Jahren dagegen, und auch die Stadt Spremberg, bisher vergeblich. Denn das einstige Bergbaustädtchen lebt auch vom Tourismus.

Vielleicht deshalb macht vielen der fast 23.000 Anwohner der andauernde Regen genauso viel Sorgen wie das Hochwasser selbst. Das Wasser des nahen Stausees hat kalte 13,8 Grad und nur einen halben Meter Sichtweite statt der üblichen zwei. „Hochwasser haben wir jedes Jahr, so schlimm wird es nicht werden“, sagt eine ältere Dame, die mit anderen an einer Brücke steht. Außerdem habe die Stadt doch für alles vorgesorgt, sagt ein Ehepaar.

Seit dem Morgen haben mehr als 70 Feuerwehrleute und andere Helfer Sandsäcke gefüllt, zu Wällen geschichtet, vor Haustüren und auf Gullideckel gelegt. „Für den Fall, dass tatsächlich Gebäude evakuiert werden müssen, haben wir eine Turnhalle als Notquartier für 50 Personen hergerichtet“, sagt Frank Kulik, Fachbereichsleiter für Sicherheit, Ordnung und Bürgerservice in der Stadt. Er glaube aber nicht, dass diese wirklich gebraucht würden.

„In Spremberg reichen Gummistiefel“

Auch die Männer von der Wasserwacht wirken eher gelassen. Die helfen beim Sandsäckeschleppen, denn Rettungskähne oder Boote wie an anderen Hochwasserorten werden nicht gebraucht. „In Spremberg reichen Gummistiefel“, da ist Peter Reininger sicher, der Vorsitzende der Spremberger Wasserwacht. Und auf der Spree selber ist momentan auch nichts zu tun. Bei gut 100 Kubikmetern Wasser, die pro Sekunde vorbeidonnern, herrscht hier totales Boot-Verbot. Besorgter sehen die Menschen in den spreenahen Vororten aus. In Cantdorf zum Beispiel steht das Wasser am Mittag fast schon am zentralen Lindenplatz, das mit Gasthof, alten Bäumen und einem kleinen Bauernhof fast wie ein Bilderbuchdorf wirkt. Wäre da nicht das Wasser, das schweigend aus den Wiesen kriecht.

Heinz Frühmann steht mit seinem frühlingsgrünen Fahrrad am neuen „Ufer“ auf dem Kopfsteinpflaster. „So schlimm wie diesmal war es noch nie, denke ich“, sagt er. Alle halbe Stunde macht er die Runde, schaut im Garten nach, wo das Wasser steht. Einige Nachbarn können ihre Häuser schon nicht mehr trockenen Fußes erreichen. Bei manchen steht das Wasser 2,50 Meter hoch im Keller. Frühmanns Garten grenzt an Äcker und Weiden. Eigentlich sollte jetzt das Heu für die Kühe eines Nachbarn gemäht werden. „Das ist jetzt wohl verdorben“, sagt Frühmann, genauso wie seine Stangenbohnen, von denen nur noch die Stecken aus dem Wasser ragen. Er sagt: „Wer weiß, was noch kommt.“

450 Millionen Euro für die Brandenburger Deiche

„Ich glaube, wir sind gut gewappnet“, betont Ministerpräsident Platzeck tapfer. Alles, was getan werden konnte, sei getan worden. In den vergangenen Jahren seien zahlreiche Sicherungsmaßnahmen für den Hochwasserschutz getroffen worden. 450 Millionen Euro etwa kosteten die Sanierung bestehender und der Bau neuer Elbe-Deiche auf 513 Kilometer Länge. 26.000 Menschen leben in ihrem Einzugsbereich.

An der Elbe bei Lenzen (Brandenburg) wurde das bundesweit größte Projekt einer Deichrückverlegung 2009 abgeschlossen. Auf mehr als sieben Kilometer Länge wurde der Deich bis zu 1,3 Kilometer weit in das Landesinnere verlegt. So entstand eine Überflutungsfläche von 420 Hektar.

So betont auch Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Linke), dass die Folgen des Hochwassers für die Menschen in Brandenburg gering ausfallen würden. „Wir gehen davon aus, dass die Deiche halten werden“, sagte Tack am Dienstag im Hochwasser-Lagezentrum in Herzberg im Landkreis Elbe-Elster. An der Elbe sei viel in die Deichsanierung investiert worden. Deshalb seien Schwachstellen behoben, die in den vergangenen Jahren Probleme bereitet hatten.

Die Einwohner von Mühlberg wundern sich

Mühlberg, das kleine Städtchen mit seinen rund 4200 Einwohnern im Südwesten Brandenburgs, musste während des Hochwassers 2002 komplett evakuiert werden. Heute erinnert ein Gedenkstein an die Ereignisse zwischen dem 13. und 20. August, als die Deiche an vier Stellen zu brechen drohten. Am Dienstagmittag wundern sich daher einige Einwohner, wie wenig Schutzmaßnahmen zu diesem Zeitpunkt erst getroffen worden sind. Am Stadthafen diskutieren einige von ihnen die neuesten Entwicklungen an der Elbe: „Ich staune, dass immer noch keine Sandsäcke aufgefüllt werden und die Feuerwehr hier noch nicht im Einsatz ist – so wie 2002“, sagte ein älterer Mann. „Noch ist die Lage überschaubar“, versucht ein anderer eine Erklärung. Aber: „Die große Welle kommt ja jetzt erst noch. Bei zehn Metern schwappt das hier direkt drüber weg – das ist dann schon beängstigend.“

Kurz zuvor hatte Bürgermeisterin Hannelore Brendel die Alarmstufe 4 für ihren Ort ausgerufen. „Wenn es noch schlimmer wird, hauen wir ab“, sagt einer. Wie 2002, da sind wir zu meiner Tochter nach Meißen geflüchtet“, sagt einer. Niemand weiß, was kommt. Das ist das Tückische am Hochwasser: Heute kann scheinbar alles gemessen, kontrolliert und elektronisch simuliert werden – genau sagen kann jedoch niemand, wann und wie hoch es sein wird. Also sind die Blicke, mit denen die Menschen in diesen Tagen die Fluten betrachten, durchaus besorgt.

mit dpa