Überliefert ist sie nicht, die Reaktion von Klaus Wowereit, als ihn am Montagabend gegen 19 Uhr der Anruf von Flughafenchef Rainer Schwarz mit der schlechten Nachricht erreichte. Doch man kann sie sich ausmalen: Ein Regierender Bürgermeister, der noch in seiner Regierungserklärung im Januar die Eröffnung des neuen Flughafens als „wichtigstes Datum in diesem Jahr“ bezeichnet hat; ein SPD-Spitzenpolitiker, der in den vergangenen zehn Jahren ständig das von Pannen begleitete Prestigeprojekt verteidigen musste – und nun die größte Blamage überhaupt einräumen muss. Ein Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft, der noch bis vor wenigen Tagen überall verkündet hat, der Eröffnungstermin werde gehalten – und knapp drei Wochen vor dem großen Tag feststellen muss, dass dieses oberste Ziel nicht erreicht werden kann.
Bloß keine zu frühe Festlegung
Sofort am Abend sprach Klaus Wowereit mit seinem Brandenburger Amtskollegen Matthias Platzeck (beide SPD) über die Lage. Den Tag über hatten die Fachleute mit den Flughafenchefs beraten, Platzeck und Wowereit wussten das dem Vernehmen nach. Doch mit diesem Ergebnis hatten sie nicht gerechnet. Die Senatoren von Berlin und die Minister von Brandenburg sollten erst am Dienstag von der Nachricht erfahren. Praktischerweise saßen die Regierungen beider Länder zusammen in einer Sitzung – schon seit Monaten war für Dienstag um zehn Uhr eine gemeinsame Sitzung beider Regierungen in Potsdam geplant gewesen. Anschließend wollte man bei einer gemeinsamen Pressekonferenz gute Nachrichten zum gemeinsamen Riesenprojekt BER verkünden. Es sollte so kurz vor der Eröffnung noch einmal ein Signal für die gute Zusammenarbeit der beiden Länder sein.
Die Pressekonferenz in voller Länge
Der Tagesordnungspunkt eins sah einen aktuellen Lagebericht zum Flughafen vor. Doch dann wurden die Minister und Senatoren unruhig. Die „Chefs“, Platzeck und Wowereit, kamen nicht aus der Vorbesprechung mit den Flughafenvorständen. Erst um 10.20 Uhr öffnete sich die Tür zum Sitzungssaal. Unter den bis zur Sitzung ahnungslosen Ministern und Senatoren hatte sich inzwischen die Nachricht verbreitet: Die Eröffnung des Flughafens wird verschoben.
Mit knappen Worten beschrieben die Flughafenchefs die Probleme mit dem Brandschutz und der Entlüftungsanlage. „Dann muss die Party wohl verschoben werden“, soll Klaus Wowereit mit Galgenhumor gesagt haben.
Die Flughafenchefs sagten, man konzentriere sich nun auf einen August-Termin. Ein Brandenburger Minister, angeblich Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke), wollte wissen, ob es für den neuen Termin denn eine Garantie gebe. Als die Vorstände der Flughafengesellschaft das verneinten, machte sich Entsetzen in der Runde breit. Man müsse also allgemein von August/September reden, sagte ein Politiker. Bloß keine zu frühe Festlegung auf einen neuen Eröffnungstermin.
Dann stellte ein Minister die Frage nach den Kosten. 15 Millionen Euro, so Flughafenchef Rainer Schwarz, koste der Doppelbetrieb von Tegel und Schönefeld pro Monat. „Und was ist mit Schadensersatz?“, wollte ein Minister wissen. Da gebe es noch keine Antwort. Schwarz kündigte an, noch am selben Tag mit den wichtigen Airlines in einer Telefonkonferenz die Situation besprechen zu wollen. Berlins Justizminister Thomas Heilmann (CDU), der auch für den Verbraucherschutz zuständig ist, fragte nach möglichen Flugausfällen. Man werde alles tun, um das zu verhindern, so die Antwort.
Immer wieder schüttelten die Politiker den Kopf, als es darum ging, wieso das Controlling versagt hatte. Konkrete Antworten konnten die Flughafenvorstände offenbar nicht geben.
Teilnehmer der Sitzung berichten, wie Platzeck, Finanzminister Helmuth Markov (Linke) und Wirtschaftsminister Christoffers immer wütender wurden. Wowereit hingegen soll nüchtern reagiert haben. Die gesamte Unterrichtung der Politiker durch die Flughafenchefs dauerte nicht länger als eine Stunde. Allen war klar: Das ist der Worst Case. Wie unter Schock wurden die weiteren Tagesordnungspunkte der gemeinsamen Regierungssitzung zum Lärmschutz und zu Kostenfragen bei den Lehrern abgehandelt.
Der Berliner Senat einigte sich danach darauf, dass nur Wowereit selbst sich äußern sollte. Die Fraktionsspitzen der Regierungsparteien gaben vorsichtige Statements ab, um dem Regierenden mit vorschnellen Forderungen nicht noch unnötig Scherereien zu machen. Die Politik habe alle Entscheidungen zeitgerecht getroffen, sagte Florian Graf (CDU). Sein SPD-Amtskollege Raed Saleh mahnte, Sicherheit gehe vor Schnelligkeit. Beide verwiesen auf die Flughafengesellschaft, die nun die Probleme aufarbeiten müsse.
Die Opposition dagegen suchte den Schuldigen natürlich auch im Senat. Die Fertigstellung des Flughafens sei erklärte Chefsache Wowereits, sagte Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop: „Wowereit muss klarstellen, wie er den finanziellen, wirtschaftlichen und Imageschaden für Berlin auffangen will.“ Der Forderung schloss sich auch Wowereits ehemaliger Regierungskollege, Ex-Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) an. „Die Verschiebung ist ein Debakel“, sagte Wolf. Die Piraten sprachen von einer „Riesenpleite für den Senat“.
Wowereit fliegt nach Paris
Die Pressekonferenz der beiden Kabinette am Dienstagmittag wurde abgesagt, eine andere mit den Flughafenchefs in Schönefeld kurzfristig anberaumt. Doch während Matthias Platzeck auf dem Podium vor den Kameras der Journalisten keine Hehl daraus machte, dass er „stinksauer“ sei, blieb Wowereit bemerkenswert lässig. „Heute ist kein guter Tag für den Flughafen und kein guter Tag für die Menschen in Berlin und Brandenburg und unsere Gäste“, sagte Wowereit. Dann bemühte er sich darum, deutlich zu machen, dass er bis vor Kurzem immer „reinen Gewissens“ davon ausgegangen sei, der Flughafen werde rechtzeitig fertig. Verschieben zu müssen sei „eine bittere Erkenntnis“, aber es gebe keine Alternative. Nur manchmal rutschte er aus dem ruhigen Erklärton heraus. Sagte ungehalten „Das kostet auch alles Geld“ oder „Imagewerbung ist das erst mal nicht“.
Am Nachmittag nach der Pressekonferenz stieg Klaus Wowereit ins Flugzeug. Die 25-jährige Städtepartnerschaft mit Paris feiern. Werbung für die deutsche Hauptstadt machen. Es ist nicht überliefert, ob er das an diesem Tag überzeugend rüberbringen konnte. Man kann es sich ausmalen.




