Schifffahrt

Rekord-Sommerhochwasser stoppt Havelkapitäne

Im Norden Brandenburgs stockt die Freizeitschifffahrt. Die Havel führt das Siebenfache des üblichen Wassers. Schleusen sind überschwemmt und gesperrt. Es kommt zum Stau. Die Müritz ist randvoll. Charterfirmen hoffen, dass es nicht mehr regnet.

Foto: ZB / ZB/DPA

„Die Ungewissheit ist das Schlimmste“, schimpft Hans-Joachim Dittert. Der Hobby-Kapitän aus Brandenburg sitzt seit fast einer Woche in Bredereiche (Kreis Oberhavel) mit dem Schiff vor der Schleuse nach Berlin fest, wie andere Freizeitskipper auch. Grund ist der verregnete Juli. Die Wassermassen, die sich über den Norden Deutschlands ergossen, haben zu einem „Jahrhundert-Sommerhochwasser“ auf der Müritz und den Flüssen der Mecklenburgischen Seenplatte geführt.

„Solche hohen Wasserstände hatten wir Anfang August auf der Havel noch nie“, sagt Hans-Jürgen Heymann vom Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde. Aus Sicherheitsgründen wurden vor sechs Tagen die Schleusen zwischen Bredereiche und Liebenwalde gesperrt, was auch die Schiffsvermieter schon merken. Auch die Müritz hat mit 2,26 Metern einen Rekordhochstand für Anfang August erreicht.

„Uns blieb gar keine andere Wahl, einige Schleusen – wie Voßwinkel - sind komplett überflutet, andere aus dem automatischen Betrieb ausgestiegen“, begründet Heymann die Entscheidung. Außerdem trieben starke Holzpfähle herum, die die Boote beschädigen könnten. Trotzdem sind Dittert und der Berliner Unternehmer Hans-Joachim Müller sauer. Untätig müssen sie zusehen, wie gerade ein Arbeitsboot der WSA durch die Schleuse fährt und wie die Kanuten ihre Boote und Gepäck herumtragen. „Niemand sagt uns was und wir müssen sogar über den Zaun springen, um uns überhaupt versorgen zu können.“

Müller hat seine Frau schon per Bus und Bahn nach Berlin geschickt, damit sie per Auto wiederkommt. „Dann ist man wenigstens beweglich.“ „Jeder Sportbootführer muss sich informieren, bevor er losfährt“, hält Heymann dagegen. Wie das mitten auf der Seenplatte, wo auch der Handyempfang schwach ist, funktionieren soll, lässt er offen. „Ich habe nicht das Personal, solchen Service zu bieten“, sagt Heymann auf die Frage, wer den Wartenden eine Prognose sagen soll. Im Schleusengebäude in Bredereiche sitze niemand. „Wir können die Leute aber auch nicht bis Voßwinkel fahren lassen, das ist mitten im Wald und wenn dort einer Gesundheitsprobleme kriegt, kommt keiner hin.“

So hat der Einkaufsladen Bredereiche in diesen Tagen gut zu tun. Zu den Kunden zählt auch Rubin Eisrich, die gerade mit ihren Kindern von Feldberg (Mecklenburg-Strelitz) aus mit dem Kanu ankommt. „Das ist zwar ganz schön schwer, aber wir wollen nicht warten“, erzählen die Kinder und tragen schon die fast zwei Zentner schwere Last über die Straße auf die andere Seite. Auf beiden Seiten der Schleuse stehen die Ampeln auf „Rot“ und da unter „Wegen Hochwasser vorläufig gesperrt.“

Mehr als 20 Boote, erzählt Dittert, haben hier schon gelegen, einige hätten kehrt gemacht in Richtung Müritz, darunter auch Charterboote. Diese werden immer wochenweise gemietet. Manche Firmen bieten eine Fahrt von Basis zu Basis an – wie von Rechlin (Müritzkreis) nach Süden oder von der Marina Wolfsbruch nach Potsdam, wie Nicole Hillert vom Vercharterer Le Boat erzählt. „Wir haben zwar alle 75 Boote ausgebucht, aber die Direkt-Tour geht jetzt nicht. Zum Glück ist kein Boot von uns mitten in dem gesperrten Gebiet.“ Einem Italiener habe man die Schiffstour absagen müssen, weil die Sperrung den Teil der Wasserstraße betrifft, an dem man führerscheinfrei fahren kann.

Hillert rechnet wegen der enormen Wassermengen zudem damit, dass sich auch in und um Berlin die Situation noch verschärft. „An der Mühlendammschleuse gibt es schon Einschränkungen“, weiß sie. Für diese Prognose spricht, dass auch der größte See in Deutschland – die

117 Quadratkilometer große Müritz – einen Rekordstand für diese Jahreszeit aufweist. „Vor allem an den niedrigen Brücken, wie bei Vipperow und am Lenz ist Vorsicht geboten“, sagte Olaf Schatzki von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung in Waren. Das hat Schatzki auch selbst schon erfahren: „Wir sind kürzlich auch nicht mit unserem Aufsichtsschiff unter die Vipperower Brücke gefahren, das sah sehr eng aus.“