Theoderich ist neu in mein Leben getreten. Auch, wenn er schon seit genau 1500 Jahren tot ist. Sein Gesicht ist als eindrucksvolles Mosaik in einer Basilika hinterlassen. Der Herrscher Westroms, König der Ostgoten. Die italienische Stadt Ravenna ist für ihre frühmittelalterlichen Mosaike berühmt. Was sich so reiseführer-abgeklärt liest, ist kaum zu glauben, wenn man als Mensch des 21. Jahrhunderts mitten in Unesco-Weltkultur steht. 

Vor anderthalb Jahrtausenden haben Kunsthandwerker die Steinchen so genial an die Wand gebracht. Die Kirche San Vitale ging 547 religiös in Betrieb. Als achteckiges Gebäude, für das wir heute Eintritt bezahlen. Welcher Bauherr unserer so freigeistigen Zeit erlaubt seinem Bau heute noch acht Ecken? 

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Persönlich ist dieses berückende Erbe prekär. Denn künstlerisch kann ich kein König sein, wie Theoderich. Bin aber ein direkter Abkömmling der barbarischen Ostgoten, deren Chef er war. Mein Stiefvater lieferte Beweise, als er mir mehrere Tüten Familienbilder übergab. Fotos von Menschen in unterschiedlichen Stadien der Derangiertheit.

Sie feiern in engen Räumen, alle mindestens leicht verschwitzt. Nichtraucher sind auf den Bildern kaum auszumachen. Die Bildaufteilung ist oft katastrophal. Eine Aufnahme, die eigentlich eine Ausschweifung auf der Terrasse meiner Oma dokumentieren soll, zeigt zu zwei Dritteln das Gebüsch vor der Terrasse. Im Hintergrund sind die beiden angetrunkenen Freundinnen meiner Oma schemenhaft zu erkennen. Warum haben die Filme mit diesen Fotos zum Entwickeln gebracht und dafür auch noch bezahlt?

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Was für ein beruhigender Fortschritt, wenn junge Leute heute jedes ihrer Bilder nicht nur sorgfältig inszenieren, sondern auch noch durch optimierende Filter schicken. Sie machen es wie Theoderich und haben die Nachwelt fest im Blick. Hallo, liebe Unesco, ich werde versuchen, die krassen Aufnahmen meiner Verwandten in Mosaike zu übertragen.