Es war neulich abends am Ernst-Reuter-Platz, es war dunkel und es regnete. Der Mann stand in unmissverständlicher Pose im Eingang des U‑Bahnhofs. Am Fuß der Eingangstreppe entledigte er sich ungeniert und laut plätschernd seines Bedürfnisses. Als ich angeekelt kehrtmachte und etwas Entsprechendes sagte, beschimpfte er mich lautstark und drohte, mir hinterherzukommen. So als hätte ich seine private Klotür aufgerissen und ihn gestört. Glücklicherweise kam ich unbehelligt bis zur nächsten Bushaltestelle, wo andere Leute standen. Als er mich in der Gruppe sah, zog der brüllende Mann seiner Wege.

Erlebnisse wie diese haben wahrscheinlich die meisten Menschen in Berlin, zumal Frauen. Gut, es ist eben eine Großstadt, könnte man einwenden. Vielleicht auch, dass öffentliche Toiletten trotz aller Bemühungen oft verdreckt und zerstört sind. Oder von Drogensüchtigen oder Obdachlosen belegt.

Andererseits hat der Senat in diesem Frühjahr den Vollzug seines stadtweiten „Toilettenkonzepts“ vermeldet. Demnach sind in den vergangenen Jahren insgesamt 278 sogenannte „automatische Modultoiletten“ aufgestellt worden. Moderne Waschräume mit Licht, Displays, Sprachansagen und teilweise automatischen Türen. Für Männer gibt es zudem kostenfreie Pissoirs. In Parks oder an Seen seien etwa Trockentrenntoiletten aufgestellt worden, die erfolgreich erprobt worden seien, hieß es. Es gibt in Berlin sogar eine eigene App für die Standortsuche.

Wildpinkeln: Zwischen Ignoranz und dem Kalkül, dabei gesehen zu werden

Ehrlich gesagt: Wenn Männer sich an Straßenecken, Bahnhöfen und sogar in Hauseingängen ungeniert mit Urinlachen verewigen, vermute ich heute dahinter weniger eine dringende Not. Sondern irgendwas zwischen Ignoranz und möglicherweise tatsächlich dem Kalkül, dabei gesehen – oder zumindest gerochen – zu werden.

In Berlin gibt es für das anrüchige Verhalten, bei dem man praktisch ausschließlich Männer sieht, sogar einen eigenen Namen: „Wildpinkler“ werden sie genannt. Und rechtlich fällt die Tat unter Paragraf 118 des deutschen Ordnungswidrigkeitengesetzes. Die Geldbuße kann bis zu 1000 Euro betragen. Allerdings wohl eher nur theoretisch. Denn auch im neuen Bußgeldkatalog von 2025 gibt es keinen gesonderten Paragrafen zum Wildpinkeln.

Auch interessant

Die Berliner Bezirke haben in den vergangenen Jahren verschiedene Methoden getestet, um der Wildpinkelei beizukommen. Meist erfolglos. An der Jebensstraße hinter dem Bahnhof Zoo in Charlottenburg etwa gab es 2016 ein öffentlich einsehbares Pissoir. Ein Plastikfass, das sich vor allem an die Obdachlosen richtete, die rund um den Bahnhof campierten. Der Bezirk Pankow plante 2019 Pissoirs „wie an der Reeperbahn“ in der Nähe von Bahnhöfen.

„Peeing here is not very plus ultra“

Friedrichshain-Kreuzberg stellte 2022 am Kottbusser Tor ein wasserloses Öko-Klo auf, das auch ein sogenanntes „Missoir“ für Frauen enthielt. Es wurde jedoch schnell von Drogensüchtigen zum „Druckraum“ umfunktioniert und hält aktuell den Weltruf als Berlins widerlichstes Klo. Es sollte laut Bezirk 56.000 Euro Unterhaltungskosten im Jahr beanspruchen. Allerdings dürfte es kaum zu benutzen sein. Zumindest nicht für den vorgesehenen Zweck.

Am Kottbusser Tor haben Anwohner inzwischen ein eigenes Protestschild gegen das Phänomen in einem Hauseingang aufgestellt. „Peeing here is not very plus ultra“, heißt es darauf auf Englisch. Also in etwa: Hier hinzupinkeln, sei nicht besonders toll. „Hier spielen Kinder“, so das handgeschriebene und fast schon liebevoll gezeichnete Schild. Überschrift: „Hier wohnen Menschen!“

Viel Resonanz scheint es darauf nicht zu geben. Zwar wurde zu dem unappetitlichen Pipi-Thema in der Vergangenheit tatsächlich schon demonstriert. Es gab Proteste für mehr „Potty Parity“ zum Beispiel, also für gleichberechtigtes Pinkeln. Der Vorwurf: Frauen müssten an Toiletten in der Regel wesentlich länger anstehen als Männer. Etwa in Kneipen und Kultureinrichtungen. Dies sei „Ausdruck einer strukturellen Ungleichheit bei der Planung und Ausstattung öffentlicher Toiletten“, hieß es 2022. Vielleicht ist ja am Welttoilettentag, dem 19. November, Gelegenheit, das Thema noch mal zu hinterfragen. Vom Wildpinkeln war in den Berichten zum Protest jedenfalls nicht die Rede.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.