„Ich fliege heute zurück nach Deutschland.“ Für ein paar Tage waren Heinz und ich Zimmernachbarn in unserer kleinen Pension. Ich bin wieder in Pitsidia, einem kleinen Dorf auf der griechischen Insel Kreta. Und bleibe noch ein paar Tage. Heinz dagegen wartet auf sein Taxi, den Shuttle zum Flughafen nach Heraklion. „Wann kommst du wieder?“, möchte ich zum Abschied wissen. Seine Antwort bleibt vage: „Im nächsten oder übernächsten Jahr vielleicht.“ In unserem Alter, wir sind beide um die 70, sollte man vorsichtig planen. „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Unsere Urlaube und Auszeiten hängen von vielem ab: von Zeit und Geld, vor allem aber von der Gesundheit.

„Strahlenkater“ nennt man das grippeähnliche Erschöpfungsgefühl, das während oder nach einer Strahlentherapie gegen Krebs auftreten kann. Müdigkeit, Schwäche, Abgeschlagenheit, ein allgemeines Krankheitsgefühl. Kurz: Was das Leben retten soll, saugt einem zunächst fast alle Kraft aus den Knochen.

Es war ein gutes Jahr mit Urlauben und Abstechern auf wunderschöne Inseln: Mallorca und La Palma im Frühjahr, Kreta dann gleich im Mai und jetzt bereits wieder. Es war zugleich aber auch ein heftiges Jahr für meine Gesundheit. Und dennoch ist mein Glas mehr als halb voll. Freunde und meine Partnerin stehen mir bei. Gott trägt mich, mein Optimismus auch. Ich habe gelernt, dass Zuversicht nicht bedeutet, alles schönzureden. Manchmal heißt sie nur, den nächsten Schritt zu gehen und sich auf das zu freuen, was noch möglich ist.

Die Höchstzahl der Bestrahlungen liegt bei 45, ich brachte es auf 39

Die Geräte zischen nicht, sie schmerzen nicht und senden keine Warnsignale aus. Vergleichen Sie es mit einer Röntgenaufnahme. Eine Bestrahlung dauert etwa fünf Minuten und wäre vermutlich kaum der Rede wert. Es sind Anzahl und Dosierung, die es ausmachen. Neun Bestrahlungen können einen Menschen schon am Ende der Therapie gerädert zurücklassen. Die Höchstzahl liegt bei 45. Ich brachte es auf 39, fünfmal wöchentlich. Am Wochenende war frei – auch zur Erholung. Nur Heiligabend und Silvester nicht.

Seit 34 Jahren komme ich nach Kreta. Längst ist die Insel mein zweites Zuhause. Das Klima, die Sonne, die Menschen, die Bewegung, das Essen, die Kultur, das gute Miteinander und vieles mehr tun meinem Körper gut, meiner Seele noch besser. Andere fahren nach schwerer Krankheit zur Reha, schwärmen von Anwendungen, Anleitungen, Gesprächen und medizinischer wie psychosozialer Unterstützung. Meine Reha liegt aber nicht an der Nordsee und nicht im Schwarzwald. Meine Reha heißt Kreta.

„Bei Ihrem Lebenswandel sollten Sie nicht an Ihrer Krebserkrankung sterben. Viel Arbeit, Alkohol, Nikotin, fettes Essen, wenig Bewegung – das hinterlässt Spuren.“ Vor drei Jahren wurde bei mir Prostatakrebs diagnostiziert. An das erste Vorgespräch im Krankenhaus erinnere ich mich noch gut. Dass mein Lebenswandel Spuren hinterlassen hatte, war mir nicht neu. Meine Prostata wurde entfernt, ich habe den Eingriff ganz gut überstanden. Zwei Lungenentzündungen und eine Legionellenerkrankung setzten mir fast mehr zu.

Anfangs dachte ich, ich könnte den Krebs überwinden

Schwimmen, Spaziergänge am Strand und das verwöhnende Klima halfen mir mit meinen Reha-Urlauben immer wieder auf die Beine. Anfangs dachte ich, ich könnte den Krebs überwinden, abschütteln, wieder ganz gesund werden, „rückstandsfrei“. Inzwischen sehe ich das anders. Vielleicht haben wir länger miteinander zu tun. Ein Waffenstillstand würde mir schon reichen.

Einen Kater nach zu viel Alkohol kennen viele. Mal ist er ein Kätzchen, mal ein Tiger. Meist sind die Beschwerden nach einem Tag vorbei. Eine solche Großkatze war während der Strahlentherapie und wohl noch vier Monate danach mein Begleiter. Dieses Viech lag jeden Tag auf meiner Brust.

Schnitt. Es ist vorbei. Vergangenheitsform. Immerhin: Zwei Kontrolluntersuchungen danach verliefen prima. Seit Monaten geht es mir gut. Und meine Freundin Maria kommt nun aus Berlin nach, sie hat doch noch Urlaub bekommen. Schon die Vorfreude auf unsere gemeinsame Zeit ist etwas Feines. Das Leben ist schön. Hier und jetzt. Und vielleicht sehen Heinz, mein Zimmernachbar, und ich uns im nächsten Jahr ja wieder in Pitsidia.

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