Sie fielen mir beide sofort auf. Nicht, weil sie laut gewesen wären oder besonders viel Platz eingenommen hätten. Im Gegenteil. Aber sie waren so schick gekleidet, als gingen sie gleich weiter zu einem Tennisturnier. Selbst für Charlottenburger Verhältnisse war das ziemlich edel. Sie trug Rock, Bluse und Blazer, alles dezent und geschmackvoll. Ihr Schmuck war unauffällig, machte aber etwas her. Er war ganz in Weiß: Hose, Hemd, Schirmmütze und, wenn ich mich recht erinnere, sogar die Schuhe. Ihr Alter konnte ich wie so oft überhaupt nicht einschätzen. Um die 70, dachte ich.

Das Bootshaus am Lietzensee ist ein hübsches Ausflugslokal. Freundliche Menschen arbeiten dort, für den kleinen und großen Hunger ist gesorgt. Selbstbedienung hält die Preise überschaubar. Er holte sich ein kleines Bier, sie eine Tasse Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit einer Kugel Vanilleeis. Und sie hatte große Lust auf etwas Süßes. Das war ihr richtig anzusehen. Dann nahmen beide einen Löffel und teilten sich den Teller. Zwei Menschen, die da saßen wie verliebte Teenager.

Das ganze Glück machte mich neugierig. Also sprach ich sie an. Ob das Leben schön sei, wollte ich wissen. Beide antworteten sofort, fast ein wenig verwundert über die Frage: „Ja – und wie!“ Bei ihrem Alter hatte ich mich gründlich verschätzt. Er war 84, sie 78. Spandauer, seit 54 Jahren verheiratet. Kinder haben sie keine. Früher war er Werkzeugmacher, sie Sekretärin.

Gemeinsame Ausflüge stärken das Glück im Berliner Alltag

Reich? Nein. Vermögend? Auch nicht. Wobei ich mir nach einer Viertelstunde nicht mehr sicher war, ob das wirklich stimmt. „Gut, dass wir uns haben“, sagten sie. Jeden Tag machen sie einen Ausflug. Mit dem Auto, den Öffentlichen, zu Fuß und besonders gern mit dem Fahrrad. Zitadelle, Spandauer Forst, Altstadt. Aber auch Lietzensee, Schmargendorf, Weißensee und das Berliner Umland – sie sind unterwegs. Eine kleine Ferienwohnung haben sie in der Holsteinischen Schweiz. „Schleswig-Holstein ist wunderschön“, sagte sie. Da waren wir uns sofort einig. Ich bin schließlich in der Nähe von Kiel groß geworden.

Ich dachte später öfter an die beiden. Vielleicht auch, weil ich in diesem Sommer häufig allein mit Zeitung und Kaffee am Lietzensee saß, während meine Freundin Maria arbeitete, und den Menschen zuschaute. Manche sitzen nur kurz allein da. Der Partner kommt vielleicht später von der Arbeit. Andere bleiben allein. Und bei manchen meint man zu sehen, dass ihnen jemand fehlt.

Warum suchen sie sich nicht einfach jemanden, der zu ihnen passt, dachte ich manchmal. Ein ziemlich bescheuerter Gedanke. Als könnte man bei der Partnersuche kurz die Speisekarte aufschlagen. Natürlich ist es nicht so einfach. Manche wollen allein sein und sind glücklich damit. Manche suchen und finden niemanden. Andere verlieren den Menschen, mit dem sie ihr Leben geteilt haben.

Zusammen alt werden heißt, sich immer wieder neu aufeinander einzulassen

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Vielleicht hatte ich aber ohnehin die falsche Frage gestellt. Vielleicht ist das Geheimnis gar nicht, jemanden zu finden, der zu einem passt. Nach 54 Jahren passt schließlich niemand einfach so zum anderen. Da muss man sich doch tausendmal auf die Nerven gegangen sein, gestritten, versöhnt, verändert und wieder zusammengerauft haben. Vielleicht besteht das Glück eher darin, dass man trotzdem neugierig aufeinander bleibt.

Die beiden jedenfalls saßen nicht da wie Menschen, die ihre Ehe irgendwie überstanden hatten. Sie wirkten, als hätten sie noch etwas miteinander vor. Und sei es nur der nächste Ausflug. Oder die zweite Hälfte vom Apfelkuchen. Vielleicht ist das ein Luxus, den man leicht übersieht. Nicht das große Haus, das dicke Konto oder die Fernreise. Sondern ein Mensch, mit dem man noch etwas vorhat.

Und dann freute ich mich, denn bald würde Maria mit der Arbeit fertig sein und zum Lietzensee kommen. Die Sonne schien noch. Vielleicht würde ich uns zwei Aperol Spritz holen. Später würden wir nebeneinandersitzen und uns von unserem Tag erzählen. Ich würde ihr von den beiden berichten. Von 54 Jahren Ehe, Fahrradtouren durch Berlin und einem Stück Apfelkuchen mit Vanilleeis. Und dann würde ich uns auch eins bestellen. Mit zwei Löffeln.

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