Eigentlich dürfte es diese Kolumne nicht geben. Angeblich war es ein Bagger, der vergangene Woche auf einer namenlosen Baustelle ein Glasfaserkabel durchtrennt hat. Ja. Mich hat das auch nicht interessiert, bis ich erfuhr: Es betraf meinen Landkreis. Auch wir waren Kunden des Anbieters – und offline. Kein Telefon, kein Internet. Was nicht nur in meinem Wochenend-Dorf bedeutet: keine Verbindung in die Außenwelt. Handynetz gibt es bei uns nur an einigen Stellen.

Es war Freitag, ich war noch in Berlin, und ich dachte: Ach, das reparieren die schon. „Die“ würden doch wissen, wie wichtig das Netz für uns ist! Weitere Nachrichten aus dem Dorf kamen nur spärlich. Für jede Whatsapp musste ein Hügel erklommen werden, erfuhr ich, auf dem im Handy wenigstens ein paar Striche „5G“ angezeigt wurden. Auf den unfreiwilligen gemeinsamen Spaziergängen wurden die wenigen Informationen ausgetauscht, die es gab. Auch der Anbieter selbst war nicht zu erreichen. Die Störungshotline war dauerbesetzt. Die Webseite teilweise abgeschaltet. Angeblich wegen der inzwischen sattsam bekannten „PHP-Sicherheitslücke“.

„Ach, wir sollten viel öfter mal offline sein!“

Schließlich kam jemand auf die Idee, den verschollenen Netz-Anbieter auf Facebook zu kontaktieren. Fasziniert schauten dessen Kunden auf ein romantisches Video vom Kranichzug in der Region. Das Video war gerade erst eingestellt worden. Von den kaputten Glasfasern war leider nicht die Rede. Auch wenn der Ausfall da schon rund 24 Stunden dauerte und die Nutzer in den Kommentaren viele Fragen dazu hatten.

Ich folgte der Whatsapp-Liveschalte vom Hügel im Dorf, während ich noch in Berlin im Büro saß. Mein Plan war eigentlich, diese Kolumne am Wochenende zu Hause zu schreiben. Aber ohne Netz? Eine Weile diskutierte ich mit den Kollegen Alternativen. In Berlin zu bleiben, war keine Lösung. Auch auf dem Dorf gibt es Verpflichtungen. Quitten, Katzen, alte Freunde. Sie kennen das.

Am Ende rief ein Kollege enthusiastisch aus: „Ach, wir sollten viel öfter mal offline sein!“ Er steigerte sich kurz in den Traum, einfach mal alles abzuschalten. Arbeit. Büro. Unseren ganzen Alltag, der ja inzwischen komplett digital gesteuert ist. Selbst unsere neue Spülmaschine hat Wlan. Was will sie damit bloß? Dann plingte der Rechner des Kollegen. Er verschwand unter Kopfhörern in der nächsten Videokonferenz. 

Nerviger Lärm: Kopfhörer als Accessoire, das man abnimmt, um sein Handy besser zu verstehen

Schließlich beschloss ich, im Zug zu schreiben, zwischen den Funklöchern Richtung Dorf. Wenn draußen die Welt vorbeizieht, kommen auch die Gedanken ins Fließen. Vielleicht erhält auch das Gehirn die Fehlinformation, man würde sich bewegen. Jedenfalls kann ich mich in der Bahn gut konzentrieren. Voraussetzung ist allerdings ein Sitzplatz. Und nicht zu viel Geschwätz um mich herum. Keine Dauertelefonierer, kein Geplärre aus Handys. Kopfhörer scheinen heute nur noch ein Accessoire zu sein, das man abnimmt, um sein Handy besser zu verstehen. 

Katze Stadtflucht-Kolumne
Das Katzenbaby findet, es sei jetzt drei Meter groß. Welche Probleme das verursacht, lesen Sie kommende Woche.© BM | Uta Keseling

Am Ende saß ich im Zug eineinhalb Stunden lang zwei bezaubernden älteren Damen gegenüber. Sie unterhielten sich gänzlich offline. Zunächst ging es um Fernreisen. Kapverden, Kanada, Kreuzfahrten. Erstaunlich, wo sie überall gewesen waren! Wir Umsitzenden lauschten interessiert. Schließlich saßen wir im Bummelzug Richtung Provinz. Dann ging es um allerlei Freundinnen und Bekannte. Männer kamen nur kurz vor, in Bezug auf den Friedhof. Schließlich kamen die Krankheiten. Ärzte. Als sie beim Thema dritte Zähne angelangt waren – Alternativen, Kosten, beste Zahnklinik – und eine den Mund öffnete, um der anderen ihren Zahnersatz vorzuführen, gab ich den Versuch auf, die Kolumne zu schreiben.

Es hätte um das ehemalige Katzenbaby gehen sollen. Sie erinnern sich: Vor genau einem Jahr, an Halloween (oder Reformationstag, wie es in Brandenburg heißt), haben unsere Nachbarn das verlassene Tierbaby am Zaun gefunden. Inzwischen ist es drei Meter groß. Findet sie. Welche Probleme das verursacht, erfahren Sie nächste Woche. Ich muss jetzt auf den Hügel. Die Glasfasern bleiben noch eine Weile kaputt. Der Anbieter hat inzwischen darüber informiert. Natürlich auf Facebook. Sehr sinnvoll, wenn die Kunden kein Internet haben. Aber gut. Starten Sie gut in die erste Winterzeit-Woche! 

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.