Ich hatte nie Probleme mit dem pünktlichen Aufstehen. Selbst im Schichtdienst als Erzieher nicht. Es gab Jobs, da musste ich um halb 6 auf der Matte stehen. Da klingelte der Wecker um 4. Beziehungsweise die Wecker. Es waren drei. Aus Angst, zu verschlafen. Mein ganzes Berufsleben lang hieß es: aufstehen, funktionieren, pünktlich sein. Die Uhr sagte, wann es Zeit war, aus dem Bett zu kommen, und ich gehorchte.

Seit drei Jahren bin ich Rentner. Und es hält an, ich lerne den Unterschied zwischen Aufstehenmüssen und Aufstehenwollen. Inzwischen werde ich gewöhnlich von allein wach, irgendwann zwischen halb 6 und halb 7. Ohne Klingeln, ohne Schreck, ohne die Panik, vielleicht schon zu spät dran zu sein. Ich stehe auf, weil ich wach bin. Nicht, weil ein kleines Gerät es von mir verlangt. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Vielmehr ist es ein großes Stück Lebensqualität.

Schauen wir kurz zurück: Die Menschheit beschäftigt sich seit Jahrtausenden mit der Zeit. Schon die alten Ägypter beobachteten den Schatten der Sonne, später halfen Wasseruhren, die Stunden zu bestimmen. Mechanische Räderuhren verbreiteten sich im europäischen Mittelalter. Irgendwann trugen wir die Zeit am Handgelenk und ließen uns morgens von ihr aus dem Schlaf scheuchen.

Trödeln am Morgen: Wie Rentner ihren Tagesrhythmus neu genießen

Was für ein Fortschritt! Und was für eine Zumutung. Natürlich ist Pünktlichkeit eine nützliche Tugend. Wer arbeitet und Verabredungen hat, muss sich nach der Zeit richten. Ich habe das nie infrage gestellt. Nur merke ich inzwischen, wie angenehm es ist, wenn der eigene Tagesrhythmus nicht mehr vom Zeiger der Uhr bestimmt wird. Habe ich nun sehr früh einen Termin, ist das Aufstehen eine regelrechte Horrorshow. Schlimmer ist eigentlich nur, wenn mir anschließend die Zeit zum Trödeln fehlt. Trödeln ist Luxus!

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Es geht um die Freiheit, nicht sofort in die Gänge kommen zu müssen. Um einen Morgen, der nicht schon vor dem ersten Kaffee verplant ist. Um das Recht, Zeitung zu lesen, ohne auszurechnen, wie viele Minuten bis zum nächsten Handgriff bleiben. Mindestens zwei Stunden brauche ich, bis ich richtig aus den Hufen komme. Ich bewege mich morgens in Zeitlupe. Irgendwann komme ich beinahe zum Stillstand. Und je länger ich Rentner bin, desto weniger kann ich mir vorstellen, noch einmal freiwillig auf die Schnellstarttaste zu drücken.

Wobei es Ausnahmen gibt. Meine Freundin Maria muss zur Arbeit. Ich stehe dann gern gegen Viertel nach 6 auf, um ihr ein Lunchpaket vorzubereiten, während sie im Bad ist. Eine gehaltvolle Stulle aus gutem Brot, Käse oder Wurst, selten etwas Süßes. Dazu Milch, Ayran oder Lassi und eine kleine Box mit Obst und Gemüse. Das mache ich nicht, weil die Uhr es verlangt. Ich müsste es nicht einmal tun. Ich tue es, weil ich weiß, dass sie sich darüber freut. Ein Unterschied, der sich kaum in Minuten messen lässt.

Mehr Gelassenheit im Alltag

Anschließend trinken wir zusammen Kaffee. Maria verlässt gegen halb 8 die Wohnung, und ich genieße die Ruhe, meine Zeitung und die Gewissheit, morgens nicht unbedingt reden zu müssen. Ich mag diese Stunden. Sie gehören mir. Ich bin mit mir in guter Gesellschaft.

Vielleicht besteht der Zugewinn an Zeit im Ruhestand gar nicht darin, mehr Stunden zu haben. Die Tage haben schließlich immer noch 24 davon. Es ist die Möglichkeit, anders mit ihnen umzugehen; nicht jede freie Minute als Gelegenheit zu betrachten, noch schnell etwas zu erledigen. Ich habe lange genug nach der Uhr gelebt. Jetzt darf ich mich nach meinem Befinden richten. Natürlich gibt es weiterhin Termine, und natürlich halte ich sie ein. Aber ich muss nicht mehr jeden Morgen beweisen, dass ich schnell genug bin.

Die drei Wecker von früher brauche ich nicht mehr. Einer hätte vermutlich auch gereicht. Aber sicher ist sicher, dachte ich damals. Heute bleibe ich nach dem Aufwachen gern noch einen Moment liegen. Und wenn ich dann aufstehe, habe ich hoffentlich genügend Zeit zum Trödeln. Denn das habe ich im Ruhestand gelernt: Zeit zu haben, ist schön. Sich Zeit lassen zu können, ist besser.

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