Eigentlich müsste ich gegen mich selbst demonstrieren. Denn ich habe einem Mann meine Stimme gegeben, den ich mittlerweile abscheulich finde. Am Dienstag sind die Sozialdemokraten der Bundestagsfraktion zum Bebelplatz marschiert, haben gemeinsam mit Boris Pistorius die Nationalhymne gesungen. Wo einst Bücher verbrannt wurden, stellten sich die Erben der Nazigegner von damals der heutigen rechten Gefahr entgegen. So wollten Generalsekretär Klüssendorf und die anderen Genossen verstanden werden. Leider wurde nicht klar, gegen wen sich diese Aktion genau richtete.

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Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt haben 43,8 Prozent der Wähler der AfD ihre Stimme gegeben, aber nur 9,3 Prozent der SPD. Die Chancen, dass ein Sozialdemokrat Präsident des sachsen-anhaltinischen Landtages würde, waren also minimal. Womöglich haben vier Christdemokraten für einen blauen Kandidaten gestimmt. Gegen die CDU hätte sich dann aber auch vor dem Adenauerhaus besser protestieren lassen. Oder im Koalitionsausschuss der schwarz-roten Bundesregierung. Vielleicht wollten die Sozialdemokraten gegen die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt ein Zeichen setzen. Wenn ihr uns eure Stimme nicht gebt, singen wir gegen euch die Nationalhymne. War das so gemeint?

Ich müsste gegen mich demonstrieren, weil ich 1998 und 2002 Gerhard Schröder gewählt habe. Er ist jetzt russischer Oligarch und hat in dieser Woche Wladimir Putin zum Geburtstag besucht. Ich bedaure, dass einem deutschen Landesparlament jetzt zwei dubiose Rechtsradikale vorstehen, die, wie Schröder, Russlandfreunde sind. Die beiden haben aber noch niemanden ermordet. Anders als Putin. Seine Bombenangriffe haben in den vergangenen Tagen mindestens 78 Menschen in der Ukraine ums Leben gebracht. Wer einen Bundeskanzler in der Partei hat, der diesen Mörder zum Geburtstag in den Arm nimmt, sollte beim Demonstrieren für eine höhere Moral zurückhaltend sein.

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