Oh je, was sollen denn das nun schon wieder für Trends sein? Ich bin sicher, genau das haben Sie gerade gedacht. Und ja: Sie haben recht. Nur weil jemand zufällig einen Garten hat, in dem irgendwas wächst, ist das noch lange kein Trend. Andererseits leben wir in Zeiten, in denen wirklich alles zum Trend erklärt wird. Und das hat einen Grund.
In Trends liegt eine gewisse Verlockung. Auch ich bin manchmal anfällig für die allerneuesten Tricks und Trends, die einem die Algorithmen, die KI oder wer oder was auch immer in den sozialen Medien ununterbrochen anspülen. Kochrezepte, tolle Tricks beim Fotografieren, Erschöpfungssymptome bei älteren Lokalredakteurinnen in Berlin: Leider fühle auch ich mich von vielen Trends auch selbst angesprochen. Und ja, es ist mir unangenehm, wenn mir beim Scrollen zum Beispiel in der U-Bahn jemand über die Schulter schaut. Und ich mache es trotzdem.
Trends machen das Leben manchmal tatsächlich auch einfacher. Erinnern Sie sich an die Pandemie? Ich weiß nicht, ob es wirklich den „Künstlichen Heimweg“-Trend gab. Aber es ging mir doch gleich viel besser, als ich von anderen Menschen las, die sich, wie ich, nach dem Homeoffice abends zum distanzierten Spazierengehen trafen. Nur, um hinterher das Gefühl zu haben, man sei von der Arbeit wieder nach Hause gekommen. Wir sind eben soziale Wesen und brauchen Routinen.
Plötzlich geht es in Kreuzberg nicht mehr nur um die Verpollerung der Welt
So gesehen haben auch absurde Gartentrends ihre Berechtigung. Denn Berlin steigert sich nach der Wahl offenbar in eine immer höhere Form des Wahnsinns. Plötzlich geht es in Kreuzberg nicht mehr nur um die Verpollerung der Welt und das Recht auf Party und Spätis, sondern um Clanchefs, die Abschaffung der Polizei und einen immer aggressiveren Antisemitismus. Während Berlin also immer beängstigender wird, erscheint mir der Garten mitsamt seinen Problemen immer öfter als andere, tröstende Welt.
Waren Sie je im September alleine in einem Obstgarten? Dann kennen Sie dieses vertraute Geräusch. Es kündigt sich erst durch ein leises Rascheln an. Dann kracht es lauter. Dann: plumps! Und Stille. So klingt es, wenn Äpfel und Birnen vom Baum fallen. Ein fast zartes Geräusch. Eins der schönsten der Natur überhaupt. Finde ich. Man muss nur mal hinhören.
Sitzt man danach noch etwas länger im Garten oder überhaupt irgendwo draußen, hört man aktuell auch die Kraniche. Offiziell beginnen die „Kranichwochen“ an den großen Rastplätzen ja erst im Oktober. Doch zumindest in der Uckermark ist der Kranichzug schon seit Wochen im Gang. Zeitgleich sammeln sich aktuell auch die Stare. Sirrend und schwirrend fallen sie über das Obst her, das jetzt noch in den Bäumen hängt.
Je schwerer erträglich die Hauptstadt wird, desto mehr Trends werde ich erfinden
Wovon nicht mehr viel übrig ist, um auf die Trends zurückzukommen. Zumindest unser Garten neigt dieses Jahr zum „Over-Birning“. Ich kann gar nicht so viel einkochen und entsaften, wie Obst vom Baum fällt. Auch die Pfirsiche haben es übertrieben. Bei uns sind einige übervolle Äste einfach abgebrochen. Bei Freunden fiel sogar ein kompletter Pfirsichbaum um. Am absurdesten aber treibt es die Walnuss. Nachdem ihre Blüten jahrelang im späten Frost abgefroren sind und 2025 ein gefräßiges Eichhörnchen die komplette Ernte davonschleppte, werden wir aktuell überschüttet.
Im Gras, in Beeten, auf Wegen: Wer nicht aufpasst, tritt in Nüsse. Oder wird von Killernüssen am Kopf getroffen. Aktuell sind bei uns übrigens sämtliche Nussspeicherkapazitäten aufgebraucht. Selbst alte Schuhkartons sind schon voll. Mein neuester (selbst erfundener) Trend lautet deshalb „Nusskuching“. Ich kann inzwischen sogar eine vegane und glutenfreie Sorte.
Wenn Sie mich fragen: Je schwerer erträglich die Hauptstadt sich (und mir) das Leben macht, desto mehr solcher Trends werde ich persönlich erfinden. Aktuell habe ich Urlaub im Garten. Deswegen das Obst. Aber was wird passieren, wenn ich erst wieder zurück bin? Vielleicht rufe ich eine Art freiwilligen Lockdown 2.0 aus? Für mehr innere Einkehr und gemeinsame Spaziergänge in friedlicher Absicht? Oder was schlagen Sie vor?
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.



