300 Meter. Näher kommt keiner ran. Dann weichen Vögel misstrauisch zurück. Oder sie hauen gleich ab, und zwar alle auf einmal. Erschrecken sich Kraniche, steigen sie wie ein fliegender Teppich blitzartig in den Himmel und sind verschwunden. Das wissen die Zuschauer am Feldrand. So bleibt nur Stillhalten und der konzentrierte Blick durchs Spektiv, Fernglas oder Teleobjektiv, um dem Glück einmal ganz nahe zu sein.

Kraniche: Die Zugvögel gelten weltweit als Symbole des Glücks. Der Graukranich ist zudem Deutschlands größter und wahrscheinlich auch elegantester Vielflieger unter den Vögeln. Mit Sicherheit hat er die meisten Fans. Jeden Herbst, wenn die Kraniche zu Hunderttausenden Rast machen im Nordosten Deutschlands, reisen auch die Vogelfreunde zu Tausenden an, aus Deutschland und der Welt. So viele sind es inzwischen, dass es nicht nur manchem Vogel zu viel wird. Am Bodden bei Zingst und im „Storchendorf“ Linum bei Berlin haben sie deshalb mittlerweile Benimmregeln für die Vogelfreunde aufgestellt: Nicht zu nah rangehen, nicht aufscheuchen, kein Blitzlicht, nicht mit Taschenlampen in den Himmel leuchten, wenn die Vögel im Dunkeln ziehen. Die Vogelschützer empfehlen, lieber eine geführte Tour mitzumachen, als durch Unwissen Unheil anzurichten.

Eine Stadt im Zeichen des Kranichs

Im Oderbruch an der polnischen Grenze hält sich der Vogeltourismus noch in Grenzen. Die Kranich-Führungen sind aber auch hier gut gebucht. Am Stoppelfeld nahe der kleinen Stadt Gartz stehen zehn Menschen um zwei Spektive, durch die sie Vögel aus nächster Nähe betrachten können. Begleitet werden sie von zwei Mitarbeitern der Naturwacht Unteres Odertal, die im Herbst regelmäßige Kranichführungen anbieten. „Die erwachsenen Tiere erkennt man an den roten Fleck am Kopf“, kommentiert Naturwacht-Mitarbeiter Peter Zieroth das, was seine Gäste sehen. „Die Jungvögel haben zimtfarbene Köpfe und sind etwas kleiner. Und das, was aussieht wie ein Schweif, sind eigentlich die Schwungfedern der Flügel, die im Stand hinter dem Körper liegen.“

Seit elf Jahren schon begleiten die Männer in Olivgrün Gäste zum Kranich-Gucken. In Gartz haben sie dafür eigens eine „Kranichwoche“ ins Leben gerufen, bei der neben geführten Touren auch Kanu- oder Kremserfahrten, Fachvorträge und mehr angeboten werden. Die Stadt lebt ganz im Zeichen des Kranichs. Als Schmuck ziert er Giebelwände, steht als Skulptur auf dem Kranichbrunnen und zieht in natura Touristen an – aus der Umgebung und Berlin, immer mehr auch von weither. Immer öfter kommen auch Berliner, die mittlerweile nach Brandenburg gezogen sind. Wie das Paar aus Gartz, das seit vergangenem Jahr die Pension an der Stadtmauer betreibt. „Wir wollen gern selbst erkunden, was Touristen in Gartz geboten wird“, sagen sie und schauen abwechselnd mit den anderen Vogelfreunden gebannt in die Spektive. „Wunderschön!“ – „Och, hast du den kleinen Kranich gesehen?“ Dann reißen sie synchron die Köpfe nach oben – es kommt Bewegung in den Vogelschwarm. Aufgeregte Vogelrufe schallen vom Feld. „Trompeten“ nennen es die Fachleute. Kranichrufe sind etwas Besonderes. Ein wenig melancholisch läuten sie am Himmel das Ende des Sommers ein. Kranichrufe können bis zu drei Kilometer weit tragen. Doch jetzt klingt der Lärm auf dem Stoppelfeld eher nach einer aufgeregten Menschenmenge.

Flügel-Spannweite bis zu 2,20 Meter

Grund ist eine weitere Vogel-Reisegruppe, die über dem Feld kreist. „Sie erkundigen sich, was da unten auf der Speisekarte steht und ob es für alle reicht“, scherzt einer der Naturwächter. Dann hebt der komplette Schwarm ab. Selbst mit bloßen Auge sind die athletischen Vögel nun gut zu erkennen. Durchs Fernglas sieht man, dass die Vögel sich vor dem Abheben förmlich selbst „aufklappen“. Bis zu 1,20 Meter sind sie im Stand hoch. Im Flug misst die Spannbreite fast doppelt so viel – rund 2,20 Meter. Beim Hochfliegen flimmert der Schwarm am grauen Herbsthimmel wie ein Korpus aus blinkenden Lichtern.

Die Vogelfreunde beobachten das Schauspiel ebenso fasziniert wie besorgt. „Fliegen sie jetzt davon?“, fragt eine Frau enttäuscht. Nein, im Gegenteil. Die Kraniche überqueren mit wenigen Flügelschlägen eine Straße und lassen sich sogar noch etwas näher bei der Menschengruppe nieder. „Das wichtigste für sie ist jetzt das Fressen“, sagen die Naturwächter. Die Kraniche, die in Skandinavien und Osteuropa gestartet sind, machen jetzt etwa vier Wochen Rast, um einen Energievorrat für den Flug bis nach Spanien oder sogar ins nördliche Afrika anzulegen.

Am Feldrand wird fleißig weiter fotografiert. Zwar sind Kraniche in Deutschland eigentlich keine Seltenheit – mehr als 100.000 haben in diesem Herbst bisher im Nordosten Rast gemacht, allein rund 12.000 im Oderbruch. „Sie sind aber etwas ganz Besonderes“, sagt ein älterer Herr, der für das Schauspiel eigens aus Köln gekommen ist. „Ich kann ihnen immer wieder stundenlang zuschauen.“

Der Mann ist schon seit einigen Tagen da. Seitdem hat er kaum etwas anderes getan, als Vögel zu beobachten und zu fotografieren. „Ich komme jeden Herbst zur Kranichwoche hierher.“ Seit seiner Pensionierung habe er die Naturbeobachtung als Hobby entdeckt, erzählt er, während er durch ein Teleobjektiv die Kraniche anvisiert. Im früheren Leben war er Journalist. Welche Geschichten erzählen die Kraniche dem Menschen?

Kraniche stehen für die Sehnsucht nach Ferne

Zum einen stehen sie sicherlich, wie alle Zugvögel, für die Sehnsucht nach Ferne. Nicht umsonst hat die Lufthansa den Kranich im Logo. Wenn der Wind günstig steht, lernen die Vogelfreunde bei der Führung, können Kraniche rund 2000 Kilometer Richtung Spanien nonstop zurücklegen. Ansonsten machen sie die nächste Rast in Frankreich an einem Stausee in der Champagne. In der spanischen Estremadura überwintern sie dann, berichtet die Naturwächter. „In den Korkeichenwäldern ernähren sie sich von Eicheln.“ Zur Balz fliegen sie im Frühjahr wieder gen Norden. Ein Schauspiel, das im Frühjahr ebenfalls viele Vogelfreunde anlockt, weil die Vögel dazu ihre Schwungfedern „aufplustern“ und aus dem Stand bis zu eineinhalb Meter hoch springen. Es sieht aus wie ein eleganter, aber auch angriffslustiger Tanz.

Jetzt, im Herbst, ist „Kraftfuttern“ angesagt, die Kraniche picken Maiskörner, Getreide und Gras von den Stoppelfeldern. „Bis zu 300 Gramm nehmen sie tagsüber auf, um einen Energievorrat anzulegen“, sagt Naturwächter Zieroth. „Abends fliegen sie dann zu den Schlafplätzen in den Feuchtwiesen unten an der Oder.“

Während die Zuschauer den Kranichen beim Fressen und Federnputzen zuschauen, kommen immer neue Fragen auf. Kraniche wecken Neugier und Fantasie. „Was wiegt ein Kraninch?“ – „Bis zu fünf Kilo.“ – „Warum schlafen Kraniche mit den Füßen im Wasser?“ – „Aus Sicherheitsgründen, um sich vor Feinden zu schützen. Einen Fuchs etwa würde man am Plätschern hören. Auch die Nester werden deshalb auf Erhöhungen in Feuchtgebieten angelegt.“ – „Leben Kraniche monogam?“, will eine Besucherin wissen. Die Naturwächter lachen. Genau wissen könne man das nie. Die Wissenschaft gehe aber davon aus, dass es so sei. Die Frauen nicken und lächeln. Dass Kraniche bei Menschen so eine Neugier auslösen, liegt möglicherweise auch daran, dass sich in ihr Verhalten so viel Positives interpretieren lässt: Treue, Effizienz, Eleganz. In Märchen erscheinen sie als Verkünder des Schicksals oder als Vorboten guter Nachrichten. Friedrich Schiller setzte ihnen mit den „Kranichen des Ibykus“ ein Denkmal. Wobei es in der Ballade, was die Vögel betrifft, vor allem um ihren Wiedererkennungswert geht. Vorgeführt wird die Dummheit eines Menschen, der sich in seiner Kranichbegeisterung als Mörder entlarvt, als er in einem voll besetzten antiken Theater ausruft: „Sieh da! Sieh da, Timotheus, die Kraniche des Ibykus!“ – Nur der Mörder konnte diese Vögel kennen. Alle Zuschauer bekommen das unfreiwillige Geständnis mit, der Täter wird bestraft – das Theater als moralische Anstalt.

Kranichgucken bei jedem Wetter

Am Oderbruch. Wind treibt jetzt Regenwolken übers Land, die Kraniche ducken sich förmlich aufs Feld. Auch die Vogelbeobachter frieren. Mit dem Wetterumschwung seien an der Oder viele Kraniche nach Süden weitergezogen, sagen die Naturwächter. Sie empfehlen ihren Gästen den nachmittäglichen Vortrag zum Kranich. Der findet bei Kaffee und selbstgebackener Torte im Café zum Mühlenteich in Gartz statt. Im Café starten auch die Exkursionen, außerdem gibt es Informationen zum Kranich, zu guten Aussichtspunkten und mehr.

Abends sind noch Führungen zum Oderdeich und zum Gartzer Kirchturm angekündigt, der eigens zur Kranichwoche für Besucher geöffnet wird. Die Naturwächter sind nicht sicher, ob trotz des kälteren Wetters überhaupt jemand kommt. Aber die Kranichbegeisterten lassen sich von Regenwolken nicht abhalten. An diesem Abend sind immerhin vier Touristen dabei. Und wiederum Zugezogene aus der Umgebung, die sich nicht allein für den Kranich interessieren, sondern auch für die besondere Natur ihrer neuen Heimat. Zu der sie, wie die Zugvögel, in vielerlei Hinsicht gut passen.

„Die Kraniche fressen in Deutschland, fliegen zum Schlafen nach Polen und machen Urlaub in Spanien“, so scherzen sie gern in Gartz, der kleinen Stadt direkt an der polnischen Grenze. Wie die Vögel, so machen es auch immer mehr Bewohner. Nach der Wende zogen viele Einheimische weg, die Arbeitslosigkeit war groß. Ausgerechnet die „wilde“ Natur gab vielen, die blieben, eine neue Perspektive. Die Auenlandschaften des Odertals werden seit 1971 geschützt, seit 1995 gibt es den Nationalpark. Die Stiftung Naturwacht bildete nach der Wende zahlreiche Natur- und Landschaftspfleger aus, die damit eine neue berufliche Zukunft fanden. Andere machten sich im Tourismus selbstständig. Heute stammen immer mehr Gartzer Bewohner aus Polen. Schulen und Kitas richten sich auf Zweisprachigkeit ein, die Werbeschilder an leer stehenden Häusern werben auf Polnisch und Deutsch.

Gänse flattern, Kraniche gleiten

Einen direkten Übergang nach Polen gibt es in Gartz nicht mehr. Die Brücke wurde 1945 gesprengt. Bis heute pfeift der Wind in der einstigen Handelsstadt durch gigantische Baulücken, die Kriegsbomben rissen. Erhalten sind Baudenkmäler wie die Stadttürme, der schöne Oderspeicher oder die Ruine des alten Kirchenschiffs. Auch ohne Kraniche gibt es in Gartz viel Spannendes zu entdecken. Nicht zuletzt die weiten Himmel über dem Odertal, an denen die Wolken sich spektakulärer als irgendwo sonst zu gigantischen Gebirgen türmen.

Zum Abflug lassen sich die Kraniche vom Wind nach oben tragen, immer höher schrauben sie sich bis auf die „Reiseflughöhe“ von 4000 Metern. In L- oder V-Formationen gleiten sie südwärts. Ebenso wie die Wildgänse, die sich nach wie vor in großer Zahl in der Region aufhalten. Nur am Flügelschlag kann man sie dann noch unterscheiden: Gänse flattern, Kraniche lassen sich am liebsten gleiten.

An der Oder sind die ersten Kranichschwärme schon gestartet. In Linum im Westen Berlins kamen sie dieses Jahr rund eineinhalb Wochen früher als sonst an, heißt es im dortigen Naturschutzzentrum Storchenschmiede des Nabu. Momentan seien noch Zigtausende da, versichert Marion Szindlowski, die Leiterin des Hauses. „Bei uns wurden am vergangenen Dienstag genau 59.616 Kraniche gezählt.“ Wie lange sie bleiben werden, weiß natürlich niemand. „Aber noch lohnt sich ein Besuch.“