Erinnerung an eine Untersuchung der Klinik. Am Ende stand ich auf einem langen Gang und hatte das dringende Bedürfnis, das Gebäude auf dem kürzesten Weg zu verlassen. Also sprach ich eine Ärztin an. Sie zeigte auf das Ende des Flurs, das hell erstrahlte: „Sehen Sie das Licht?“ Ich musste grinsen und ihr ging sofort auf, warum. Sie sagte also in eindringlichem Ton: „GEHEN SIE NICHT IN DAS LICHT!“
Woher kommt eigentlich diese weitverbreitete Vorstellung, dass wir am Ende des Lebens in ein gleißend helles Licht schreiten? Auf diese Frage gibt es wissenschaftliche und popkulturelle Antworten. Oft wird der Hollywoodfilm „Ghost – Nachricht von Sam“ aus dem Jahr 1990 als Ursprung des filmischen Todes im Hellen betrachtet. Regisseur Jerry Zucker war nicht der Erste, aber sicher einer der erfolgreichsten, bei dem sich ein Leben so vollendete. Er hat damit populäre Vorstellungen vom Tod geprägt. Der filmische Tod im Licht hat seine unbestreitbaren Vorteile, denn er lässt sich leicht inszenieren und billig umsetzen. Er kommt ohne Dialog aus, aber trotzdem versteht jeder sofort, was gemeint ist. Nachdem das so großartig funktioniert hatte, konnte kaum ein Regisseur einer Krankenhausserie der Versuchung widerstehen, das Ende einer Serienfigur durch sehr viel Licht zu verdeutlichen.
Wie der Philosoph Moody mit 150 Interviews das Bild vom Tod prägte
Den Begriff „Nahtoderfahrung“ prägte der amerikanische Psychiater und Philosoph Raymond Moody 1975 in seinem Buch „Leben nach dem Tod“, für das die international bekannte Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross das Vorwort geschrieben hatte. Moody wertete für sein Buch 150 Fälle von Menschen aus, die klinisch tot gewesen und wiederbelebt worden waren. Für ihn ergab sich daraus ein wiederkehrendes Muster. In vielen Gesprächen wurde ein unangenehmes Geräusch erwähnt, die Bewegung durch einen langen, engen, dunklen Tunnel, der Austritt aus dem eigenen Körper und der Blick von außen auf sich selbst. In den Schilderungen ging es um die Begegnung mit verstorbenen Angehörigen oder Lichtwesen, einen Lebensrückblick („Lebensfilm“), eine Grenze, die nicht überschritten werden darf, und die Rückkehr. Immer wieder wurde ein helles, oft als einladend empfundenes Licht am Ende des Tunnels erwähnt. „Leben nach dem Tod“ wurde mit über 13 Millionen verkauften Exemplaren ein Weltbestseller. Moody hat auf der Basis von 150 Interviews die Vorstellungen geprägt, die Millionen Leser vom Tod haben.
Was er über den Tod schrieb, lässt sich nicht einfach so abtun, denn es gibt einige wissenschaftliche Erklärungen, die seine Thesen stützen.
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Da wäre beispielsweise die Sehrinden-Hypoxie: Bei Sauerstoffmangel fällt zuerst die Wahrnehmung am Rand des Gesichtsfelds aus, während der zentrale Bereich am längsten erhalten bleibt. Das erzeugt subjektiv den Eindruck eines dunklen Tunnels mit hellem Zentrum. Die Psychologin Susan Blackmore vertritt die These der kortikalen Enthemmung, nach der nicht der Sauerstoffmangel selbst, sondern die daraus folgende ungeordnete Erregung des visuellen Kortex das Licht-Tunnel-Muster erzeugt, da die meisten Zellen dort das Zentrum des Sehfelds abbilden. Auch die Hyperkapnie, ein erhöhter CO₂-Spiegel, wird mit visuellen Phänomenen in Verbindung gebracht. Eine internationale Studie mit 140 Herzstillstand-Überlebenden stellte fest, dass 46 Prozent sich an die Reanimationsphase erinnerten, aber nur rund 9 Prozent ein Licht-Tunnel-Erlebnis hatten. Das relativiert das Bild eines universellen Phänomens.

Kulturelle Unterschiede bei Nahtoderfahrungen?
Der australische Soziologe Allan Kellehear vertritt die These, dass Nahtoderfahrungen keine einheitliche spirituelle Wahrheit abbilden, sondern kulturell gerahmte Interpretationen physiologischer Prozesse sind. Demnach berichten christlich geprägte Menschen häufiger von Tunnel, Licht, Engeln und Lebensrückblick. Dagegen fehlen in Japan oft die Tunnel- und Lichtmotive. Stattdessen erscheinen, passend zu japanischen Jenseitsvorstellungen, Wasserübergänge. Atheistisch geprägte Menschen berichten laut Kellehear eher von Schwerelosigkeit und Frieden, wobei übernatürliche Deutungen fehlen. In Indien treten in Sterbebettvisionen häufiger religiöse Figuren auf, in den USA eher verstorbene Verwandte. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass das Licht am Ende des Lebens keine sachliche Beschreibung ist, sondern mit kultureller Prägung zu tun hat.
Womit wir bei Geheimrat Goethe wären. Als dessen letzte Worte wurden „Mehr Licht!“ überliefert, was inzwischen aber als umstritten gilt. Sein mit letzter Kraft gehauchtes „Botschamper“ meinte wohl eher „pot de chambre“ – das ist der Nachttopf auf Französisch. Da ging es wohl nicht um „mehr Licht!“ am Ende des Lebens. Der Großdichter hatte zum Schluss ein ganz menschliches Bedürfnis.



