Wenn Hinterbliebene im Gespräch über die Gestaltung der Trauerfeier die Idee äußern, Filmaufnahmen der oder des Verstorbenen abzuspielen, rate ich ab. Weil die in aller Regel beim Versuch des Abschieds hinderlich sind. Denn der Lebende ist nicht die Botschaft dieses Tages. Und es ist doch wirklich schon schwer genug, ihn sich tot vorzustellen, auch ohne ihn noch mal lebendig vorgeführt zu bekommen.

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Seit mir ein befreundeter Handwerker, der Smartphones eigentlich äußerst kritisch gegenübersteht, KI-Entwürfe für die Umgestaltung seines Badezimmers zeigte, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Künstliche Intelligenz nicht mehr aufzuhalten ist. In dem Maße, in dem Künstliche Intelligenz schleichend unseren Alltag erobert, werden auch Griefbots an Bedeutung gewinnen. Darunter versteht man KI-gestützte Chatbots oder Sprachassistenten, die darauf trainiert werden, die Persönlichkeit, den Sprachstil und die Ausdrucksweise einer verstorbenen Person zu simulieren, um Hinterbliebenen eine Form der fortgesetzten Kommunikation mit ihr zu ermöglichen. Diese Griefbots werden mit vorhandenen digitalen Spuren der verstorbenen Person trainiert. Die Analyse von Chatverläufen, E-Mails, Social-Media-Beiträgen und Sprach- oder Videoaufnahmen sorgt dafür, dass die Antworten des Griefbots inhaltlich und akustisch so klingen, als kämen sie tatsächlich vom Verstorbenen.
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Griefbots ermöglichen scheinbar endlose Gespräche mit Verstorbenen
Technisch am einfachsten sind die Griefbots, die mit Textnachrichten antworten. Die müssen nur den Stil der schriftlichen Kommunikation des Verstorbenen treffen. Schwieriger wird es schon, wenn die Antwort vom sprachbasierten Assistenten kommen soll, wenn also auch die Stimme getroffen werden muss, um ein authentisches Erlebnis zu erreichen. Inzwischen gibt es sogar schon Video-Avatare, die neben Stil und Stimme auch Mimik und Gestik nachahmen. Ich verstehe jeden, der das gruselig findet. Allerdings ahne ich auch, woher das Bedürfnis nach einem Griefbot kommt. Bisher konnte der digitale Nachlass eines Menschen nur archiviert oder gelöscht werden. Nun aber gibt es die Möglichkeit, Unterhaltungen fortzuführen, sogar neue Gespräche zu beginnen. Scheinbar.

Auch wenn das auf Menschen verführerisch wirken mag, die sich mit der Unausweichlichkeit des Abschieds nicht abfinden können oder wollen, wirft die simulierte fortdauernde Gegenwart des Verstorbenen ethische und philosophische Fragen auf. Plötzlich wird wichtig, wem ich meinen digitalen Nachlass anvertraue. Dieser Mensch könnte nämlich meine digitale Totenruhe auf einen Tag in unerreichbarer Ferne verschieben.
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Griefbots ersetzen Verstorbene – therapeutische Chatbots begleiten Trauernde
Manchmal werden Griefbots mit therapeutischen Chatbots verwechselt. Dabei gibt es deutliche Unterschiede: Während der Griefbot eine konkrete, verstorbene Person simuliert, sind therapeutische Chatbots Unterstützungswerkzeuge für den Trauerprozess. Letztere sind ganz allgemein (und ohne Bezug zu einer bestimmten verstorbenen Person) auf Gesprächsführung, emotionale Stabilisierung und Begleitung ausgelegt. Das kann zwischen Therapiesitzungen – also ausdrücklich nicht als ihr Ersatz – beim seelischen Halt, bei Achtsamkeitsübungen und bei der Erhaltung des Wohlbefindens helfen. So ein therapeutischer Chatbot kann also als ein Werkzeug neben der Trauerarbeit dienen. Und soll auf keinen Fall den Verstorbenen ersetzen – wie das bei Griefbots, die auch Deadbots, Trauerbots und Ghostbots genannt werden, der Fall ist.
Ethisch stellen sich gerade bei Griefbots einige Fragen: Hat der Verstorbene zu seinen Lebzeiten zugestimmt, so weiterzuleben? Überblickt eine trauernde Person tatsächlich, dass sie mit einer Simulation kommuniziert? Ist das eine legitime Form des Trostes oder doch nur eine Täuschung, hinter der finanzielle Interessen der Firma stehen, die den Griefbot anbietet? Dann darf ja angezweifelt werden, dass die Geschäftsleute dahinter anstreben, dem Kunden schnell durch die Trauer zu helfen und ihr Angebot überflüssig zu machen. Viel attraktiver ist aus ihrer Sicht ein Abonnement, das monatliche Zahlungen einbringt. (Dasselbe Dilemma wie bei Partnervermittlungen, die in der Regel kein Interesse haben, den Kunden schnell zu vermitteln und direkt zu verlieren.)
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Griefbots können Trauer verstärken und werfen Haftungsfragen auf
Hinzu kommt das Qualitätsproblem. Wenn eine schlecht programmierte App zum Anhören von Podcasts nicht mehr auf Eingaben reagiert, beenden wir sie und starten neu. Wenn der Griefbot mies programmiert wurde, kann das beim Nutzer, der doch eigentlich nur seine Trauer hinauszögern wollte, zusätzlichen Schmerz erzeugen. Und wie lautet eigentlich die Ausstiegsstrategie? Was passiert also, wenn der Nutzer spürt, dass es Zeit ist, den Bot loszulassen? Ein zusätzlicher Abschied nach dem Tod. Wer zieht den Stecker, drückt den Löschknopf? Und weil wir in Deutschland auch ganz gern die Schuldfrage geklärt wissen: Wer haftet eigentlich, wenn der Griefbot quasi im Namen des Verstorbenen eine falsche oder schädliche Aussage macht?
Bleiben noch philosophische Fragen. Ein zentrales Element des menschlichen Lebens ist seine Endlichkeit. Und deren Unwiderruflichkeit. Was macht es mit uns, wenn diese Endlichkeit durch Griefbots technisch unterlaufen wird?
Wollen wir das?
Ertragen wir das?






