Noch einmal würde Timo nicht so schnell mit einer Partnerin zusammenziehen. „Schön blöd“, sagt er heute. Seine alte Wohnung sei doch prima gewesen. Klein, aber ausreichend. Und vor allem: bezahlbar. Jetzt ist alles durcheinander. In zwei Wochen, rechnet Timo, könnte er ohne Wohnung dastehen.

Wie es dazu kam? Am besten beginne ich ganz vorne. Nach Berlin wollte Timo, der in Wirklichkeit anders heißt, schon immer. Er kannte die Stadt von einer Klassenfahrt, später kamen Besuche dazu. Stade, seine Heimat, mochte er durchaus. Aber irgendwann war ihm alles zu eng. Berlin dagegen schien groß genug für ein neues Leben.

Der Umzug vor 15 Jahren war gut vorbereitet. Damals fühlte sich Berlin schon teuer an, war aber noch immer sein Hauptgewinn. Eineinhalb Zimmer in Spandau waren bezahlbar, die Arbeit lag nah; Timo war zufrieden. Er arbeitete als Monteur, mochte seinen Beruf, die Kollegen schätzten ihn. Kino, Hertha, Muckibude – viel mehr brauchte es nicht. Einmal im Jahr flog er nach Gran Canaria. Und dann lernte er dort Claudia kennen. Sie kam ebenfalls aus Berlin. Timo war 32, Claudia 36. Und beide hatten es ziemlich eilig. Auch mit dem Zusammenziehen.

Wohnungsnot in Berlin: Timo scheitert trotz 120 Bewerbungen

Claudias Wohnung in Schmargendorf war groß genug. Warum zwei Wohnungen bezahlen? Es klang vernünftig. Heute würde Timo diese Entscheidung gern rückgängig machen. Denn nach sechs Monaten hatten beide genug voneinander. Die Liebe war vorbei, der Mietvertrag blieb. Und der lief auf Claudia.

Timo musste raus. Ziemlich bald. Und plötzlich hängt an dieser Wohnung die ganze Frage, wie es bloß weitergeht. In Berlin kann das schnell existenziell werden. Schneller, als man denkt. Finden Sie mal von heute auf morgen eine Wohnung. In Berlin. Eine bezahlbare noch dazu. 120 Bewerbungen hat Timo inzwischen gezählt. 24-mal wurde er zu einer Besichtigung eingeladen. Möblierte Zimmer oder Wohnungen für 1500, 2000, manchmal 3000 Euro im Monat kann sich ein Monteur nicht leisten.

Dabei hört man doch immer, Handwerker hätten gute Chancen. Auf dem Arbeitsmarkt vielleicht. In Berlin ist das eine andere Geschichte. Timo hat keine Familie in Berlin. Keine Eltern, keine Geschwister, bei denen er unterkommen könnte. Geholfen hat schließlich Jan, Arbeitskollege und Freund. Jan aber hat selbst nur eine kleine Wohnung, genauer gesagt: ein Zimmer.

Für zwei Wochen, dachte man, wird das schon gehen

Für zwei Wochen, dachte man, wird das schon gehen. Ein Freund hilft einem schließlich. Aus zwei Wochen wurden vier Monate. Jetzt geht es nicht mehr. Timo muss raus, und Jan bekommt langsam ebenfalls eine Krise. Zwei erwachsene Männer in einem Zimmer, vier Monate lang – irgendwann stößt auch Freundschaft an ihre Grenzen.

Timo will nicht auf der Straße landen. Notübernachtungen machen ihm Angst. Und es wird kalt. Noch vor einigen Monaten hat er gedacht: Das kann mir im Leben nie passieren. Heute sagt er: „Das kann verdammt schnell gehen.“ Timo arbeitet. Er verdient sein Geld. Er hat Freunde. Er hat sich getrennt – und dabei seine Wohnung verloren. Wohnungslosigkeit beginnt nicht immer mit einer großen Katastrophe. Manchmal reicht ein Einschnitt im Leben. Eine Trennung. Ein Mietvertrag, der auf den anderen Namen läuft. Und eine Stadt, in der die nächste bezahlbare Wohnung kaum noch zu finden ist.

Das ganze Hilfesystem erscheint ihm wie ein Labyrinth

Freunde haben Timo geraten, sich an das Rathaus zu wenden. Es gebe Beratungsstellen und Hilfen für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht seien. Auch Unterkünfte. Timo aber ist bei Behörden nicht besonders sicher. Zuständigkeiten, Anträge, die richtige Stelle – das ganze Hilfesystem erscheint ihm wie ein Labyrinth. Aber er wird sich kümmern. Muss er ja. Was sonst?

Noch hat er einen Arbeitsplatz. Noch hat er einen Freund, bei dem er schlafen kann. Noch ist er nicht obdachlos. Ein kleines Wort, dieses „noch“. Timo benutzt es inzwischen ziemlich oft. Vielleicht, weil er verstanden hat, dass zwischen einer eigenen Wohnung und der Straße nicht unbedingt ein jahrelanger Absturz liegen muss. Manchmal sind es nur ein paar Wochen. Und manchmal fehlt am Ende nicht viel – außer einer Tür, die man hinter sich schließen kann.

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