Es gibt Dinge, die verzeihen Berlinerinnen und Berliner einem Regierenden Bürgermeister, bei denen sie bei einem gewöhnlichen Politiker sofort die Augenbrauen hochziehen würden. Eine merkwürdige Frisur. Einen roten Schal. Eine gewisse Eitelkeit. Eine Vorliebe für Tennis im falschen Moment. Sogar eine Liebesgeschichte, über die der Rest der Republik wochenlang diskutiert.

Berlin ist da erstaunlich großzügig. Meine These: Berliner lieben Typen. Nicht unbedingt gute Politiker. Nicht unbedingt erfolgreiche Politiker. Und schon gar nicht perfekte Menschen. Aber Menschen, bei denen man schnell weiß, wer sie sind. Menschen mit einer Macke, einem Tick, einer unverwechselbaren Art. Hauptsache, die Macke ist echt.

Das erklärt vielleicht einiges an der Berliner Bürgermeistergeschichte. Nehmen wir Michael Müller: ruhig, unaufgeregt, schwer aus der Fassung zu bringen. Ein Mann, der nicht bei jedem politischen Gewitter zum Fenster rennt und „Land unter!“ ruft. Andere wären an R2G vermutlich verzweifelt. Müller blieb Müller. Das kann man langweilig finden; ich finde es beruhigend.

Entscheidende Berliner Bedingung: Bitte nicht rumspinnen

Klaus Wowereit wiederum ist längst mehr als ein ehemaliger Regierender Bürgermeister. Er ist Berliner Folklore, lebender Mythos. Noch heute stehen Menschen für ein Autogramm Schlange. Wowereit hatte seine Inszenierung, seine Lässigkeit, seine Lust am öffentlichen Leben. Nur aber darf man darüber nicht vergessen: Dieser Mann war extrem fleißig. Hinter der öffentlichen Figur steckte ein ziemlich disziplinierter Arbeiter.

Walter Momper hatte seinen roten Schal. Eberhard Diepgen seine spröde, eigenbrötlerische Art. Ernst Reuter hatte das Pathos. Bei jedem gehörten solche Eigenheiten einfach dazu. Und dann Kai Wegner. Auch bei ihm hat Berlin gezeigt, dass seine Toleranz größer sein kann als die politische Moralpredigt, die anderswo sofort einsetzen würde. Seine Beziehungsgeschichte wurde ihm erstaunlich wenig übel genommen.

Aber hier liegt die entscheidende Berliner Bedingung: Bitte nicht rumspinnen. Berlin verzeiht eine Macke. Es verzeiht sogar eine Peinlichkeit. Was Berlin schlecht verzeiht, ist, wenn jemand sich eine Rolle zurechtlegt. Der Berliner hat ein feines Gespür dafür, ob jemand wirklich so ist – oder nur so tut.

Kandidaten sind vielen Berlinern schlicht unbekannt

Das ist vielleicht auch der Grund, warum Franziska Giffey es schwerer hat. Bei ihr bleibt für mich bis heute die Frage: Wofür steht sie eigentlich? Was ist ihr politischer Kern? Was ist das, wofür sie auch dann kämpfen würde, wenn es nicht opportun ist? Vielleicht ist das überhaupt die heimliche Bürgermeisterprüfung dieser Stadt: Kann ich dir deine Eigenheiten abnehmen? Berlin muss einen Regierenden Bürgermeister nicht lieben. Aber es möchte ihn erkennen können.

Und damit sind wir mitten im aktuellen Wahlkampf. Das Merkwürdige ist: Die Kandidatinnen und Kandidaten für den Job des Bürgermeisters sind vielen Berlinern schlicht unbekannt. Noch können sie recht unbehelligt die U-Bahn benutzen. Noch ist das für sie angenehm. Für einen Wahlkampf ist es fatal. Gute Lebensqualität, schlechte Wahlchancen.

Denn Menschen wählen Programme und politische Ausrichtungen. Sie wählen Parteien. Aber sie wählen eben auch Menschen – manchmal sogar ihre Kanten und Ecken, ihre Eigenheiten, ja ihre Schrullen. Und genau da fehlt es im Moment an Wiedererkennung. Kaum jemand hat schon ein klares Bild von dem Typen oder der Frau, die ins Rote Rathaus wollen.

Ich wünsche mir mehr Mut zu Eigenarten

Dabei braucht Berlin keine makellosen Kandidaten. Ich möchte meinen Landesvater oder meine Landesmutter wiedererkennen können. Ich möchte wissen, wie jemand tickt, wofür er steht, worüber er sich aufregt und was ihm wichtig ist. Ich wünsche mir mehr Mut zu Eigenarten.

Eine Macke ist viel ehrlicher als zehn PR-Sätze. Deshalb könnte der nächste Berliner Bürgermeister – oder die nächste Bürgermeisterin – ruhig ein paar Macken haben. Nur eines nehmen Berlinerinnen und Berliner einem übel: Wenn man ihnen vormacht, man sei jemand anderes. Berliner lieben Typen. Vielleicht sollten die Kandidaten im Wahlkampf deshalb weniger versuchen, perfekt zu wirken. Und etwas mehr sie selbst sein.

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