Das Ende des Sommers kam schneller als erwartet. Regen und kühlere Temperaturen lösten die schwebende Stimmung ab, die jedes Jahr während der Sommerferien über der Stadt liegt. Leere Straßen, überall Parkplätze, überall Menschen mit Hüten und großen Schwimmtaschen. Sogar in Kreuzberg grüßten sich Leute auf der Straße wie auf dem Dorf. Vielleicht waren es Touristen. Ich fand es nett.
Touristen waren es auch, mit denen ich an meinem ersten Arbeitstag im Bus saß. Die Linie 200 mag ich wegen der vielen Sehenswürdigkeiten – und wegen der besonderen Stimmung. Alle Fahrgäste schauen raus und kommentieren. Auf dem Hinweg zu meinem Termin saß ich zwischen drei älteren Damen aus dem Ruhrpott. Routiniert wiesen sie sich gegenseitig auf die wichtigsten Orte hin. Brandenburger Tor, Reichstag, die „Schwangere Auster“. Ihre größte Sorge: Ob die Kaffeeterrasse, zu der sie fuhren, wohl gegen Regen geschützt war?
Ich dagegen schaute empört auf die Riesenbaustelle am Reichstagsgebäude. Die legendäre Wiese davor sieht aus, als wären Riesenmaulwürfe darüber hergefallen. Ja, hier entsteht ein neues Besucherzentrum. Aber ausgerechnet für Besucher ist der Anblick nicht schön. Und der Weg zum Eingang scheint ein Slalom zu sein.
Wieso baggerten diese Bagger eigentlich nicht? Es war Mittwochmittag!
Auch am Schloss Bellevue waren Bagger angerückt. Vielleicht als Hommage an die strenge Symmetrie des klassizistischen Gebäudes parkten die beiden gelben Fahrzeuge akkurat rechts und links vor dem grünen Rasen, als gehörten sie mit zum Bild. Die Schaufeln hatten sie auf dem Boden abgelegt wie in einer devoten Verbeugung. Ja, auch der Sitz des Bundespräsidenten wird saniert, fiel mir ein. Aber dann fragte ich mich: Wieso baggerten diese Bagger eigentlich nicht? Es war Mittwochmittag!
Als der Bus wieder anfuhr, schaute ich mich um. Gezückte Fotohandys, geöffnete Reiseführer, erwartungsvolle Mienen. Krass, wie schnell man von der erholt aus dem Urlaub zurückgekehrten Touristin zur schlecht gelaunten Berliner Meckerziege werden kann, dachte ich peinlich berührt. Und konzentrierte mich auf den melodischen Singsang einer italienischen Familie, die diskutierte, wie sich möglichst viele spannende Orte und Ausstellungen an einem Tag kombinieren ließen.
Die Italiener stiegen wie ich an den Nordischen Botschaften aus. „Aaaah, guarda che bello!“, mit begeisterten Rufen verschwanden sie im Botschaftsviertel. Ich lief durch den Tiergarten zu einer Verabredung am Café am Neuen See. Plötzlich war es sehr still. Und sehr grün. Vollkommen allein stand ich an einem spiegelnden Bachlauf. Über mir zwitscherten Vögel. Für das vollkommene Dschungelgefühl fehlte nur noch die Klapperschlange. Ich sog den erdig-süßen Duft des verregneten Sommertags ein. Und entschuldigte mich innerlich bei Berlin.
Ein grauhaariger Mann trödelte mit einem Lastenrad auf der Busspur
Auf dem Rückweg wartete ich wieder auf die Linie 200. Ich wollte mich noch einmal als Touristin fühlen. Zehn Minuten später saß ich zwischen Menschen, die sich auf Spanisch und Englisch über Berlin austauschten. Auf Spanisch ging es ums Essen, auf Englisch um den Führerbunker.
Der Bus kroch im Schneckentempo im Stau voran. Ich wunderte mich über eine Warteschlange am Straßenrand. Die Wartenden standen an der indischen Botschaft an. In Berlin leben rund 40.000 Menschen indischer Herkunft.
Kurz vorm Potsdamer Platz erwog ich wegen des Staus gerade eine Bürgerinitiative für eine Busspur auf der Tiergartenstraße, mein nächster Termin im Büro rückte näher, die Urlaubsstimmung verflog. Immerhin stellte ich fest: Auf der Leipziger Straße gab es wieder eine Busspur. Vielleicht würde ich doch pünktlich kommen. Doch der Bus kroch weiter vor sich hin. Schließlich hörte ich, wie der Fahrer halblaut einen Fluch ausstieß: „Fahr schneller, Opa!“
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.
Ich schaute nach vorn. Ein grauhaariger Mann trödelte mit einem Lastenrad auf der Busspur vor sich hin. Ich musste erst lachen, dann antwortete ich halblaut: „Das war aber etwas fies!“ Im Bus reagierte kein Mensch. Vielleicht, weil wir Deutsch sprachen. Oder weil manche Dinge eben manchmal doch einfach nur für uns Berliner Probleme darstellen. Während andere einfach die schöne Stadt genießen. Gern auch im Schneckentempo.



