Diskutieren Sie mit Ihrem Haustier auch über Essen? Ich nicht mehr. Das Thema ist bei uns durch, nachdem sich das niedliche Tier praktisch durch das gesamte Katzenfutterangebot getestet hat – und sämtliche Angebote stehen ließ. Weder das biologische noch naturnahes oder „altersgerechtes“ Futter sah sie als für sich geeignet an. Selbst extravagante Delikatessen mit Insekten oder „Gourmet-Lachsnote“ wurden schnöde ignoriert.

Ergebnis unserer Gourmetreise durch die Futterregale ist, dass ich einmal im Monat unauffällig im Supermarkt eine ganze Charge desselben Katzenfutters abräume. Blaues Etikett, mit Fisch, ganz unten. Diese Vorratshaltung ist nötig, weil es offenbar noch mehr Katzen gibt, die sich auf diese Sorte, nun ja, spezialisiert haben. Jedenfalls ist sie andauernd ausverkauft.

Was, wollte ich von der Katze wissen, ist an diesem Fischfutter so besonders? Ich finde, der Inhalt sieht und riecht genauso widerlich wie andere Sorten. Und leidet eine Katze nicht unter Mangelernährung, wenn sie immer nur dasselbe frisst? Die Katze schwieg, wie mir schien, indigniert. Das Tier, inzwischen etwa elf Monate alt, hat in seinem kurzen Katzenleben noch nie einen Fisch gesehen. Jedenfalls nicht lebend. Dafür hat es andere Vorlieben entwickelt.

Inzwischen ist klar, dass wir eine On-off-Katze im Haus haben

Anzeichen dafür, dass das einst so niedliche Katzenbaby zu einer besonderen Katzenperson wird, beobachte ich schon länger. Gefunden wurde sie in der verregneten Halloween-Nacht des vergangenen Jahres an unserem Gartenzaun. Niemand wusste, wo sie herkam, aber weil sie so kläglich schrie, nahmen die Nachbarn das etwa vier bis fünf Wochen alte Tierbaby auf, obwohl bei ihnen schon zwei junge Katzen lebten. Die Idee: Das „Baby“ sollte zunächst bei den etwas älteren Katzen eine Ersatzfamilie finden und nach einigen Monaten zu uns umziehen.

Schon als handgroße Minikatze entwickelte das „Baby“, wie wir es damals nannten, eine erstaunliche Energie. Während die Katzen-Adoptivschwestern im Winter eher fürs Knuddeln und Kuscheln am Ofen waren, tobte das Findeltier stundenlang durchs Haus. Alles, was sich bewegte, wurde zum „Spielkameraden“ erkoren, oder besser: zum Kampfpartner. Wer nicht mitspielte, bekam es mit Milchzähnen und Babykrallen zu tun.

Killerkatze Stadtfluchtkolumne
Wenn es schläft, wirkt das elf Monate alte Findeltier nicht wie eine Killerkatze. Stört man es vorsichtig, bekommt man Samtpfoten zu spüren.© BM | Uta Keseling

Als das „Aktivbaby“ zu uns umzog, bastelten wir künstliche Fliegen, Mäuse und Vögel, um das ungeduldige Tier zu unterhalten. Wir diskutierten über Krallen und Menschenhaut – übrigens erfolgreich. Inzwischen bekomme ich nur noch Samtpfoten zu spüren. Überhaupt hat das Tier erstaunlich zutrauliche Anwandlungen. Tauchen auf der Straße ein lauter Traktor oder andere störende Dinge auf, lässt es sich zutraulich auf dem Arm ins Haus tragen. Sicher ist sicher. Entspannt auf dem Schoß oder dekorativ auf dem Sofa zu sitzen, ist dagegen unter ihrer Würde. Inzwischen ist klar, dass wir eine On-off-Katze im Haus haben, die nur zwei Zustände kennt: Kampfmodus oder Katzenkoma. Wenn sie einmal schläft, dann schläft sie.

Wird lautstark gekrischen und gefaucht, ist das Spiel eskaliert

Das ehemalige Katzenbaby ist nun die Chefin in Haus und Garten. Klar, tagüber kommen die Nachbarskatzen zu Besuch, ebenso der verliebte Kater, ein fluffiger, freundlicher Kerl, der mit dem ehemaligen Katzenkind eigentlich immer noch spielen will. Wenn lautstark gekrischen und gefaucht wird, ist das Spiel mal wieder eskaliert. Manchmal kommt das Kampfbaby danach mit stolz erhobenem Haupt ins Haus stolziert. Nach Niederlagen wird unter der Bettdecke geschlafen. Sicher ist sicher.

Neuestes Katzenbaby-Feature sind leider Trophäen. Und ja: Ich finde das problematisch. Klar, Katzen wurden erfunden, um Mäuse zu jagen – im Haus. Allerdings scheint da ein Missverständnis vorzuliegen. Die Katze – sie betritt und verlässt das Haus durch eine eigene Klappe – bringt sich ihre Beute von draußen mit. Lebend. Wache ich morgens um vier von Triumphgeheul auf, weiß ich inzwischen: Sie ist nicht allein. Später führt mein Weg dann über (Mäuse-)Leichen im Flur. Puh. Aktuell hat das Killerkatzenkind Hausarrest. Zumindest in der Dämmerung, wenn die armen Mäuse angeblich besonders aktiv sind.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.