Ich gehöre zu den Menschen, die jahrelang kein Zeitungsabo hatten. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern, weil ich den Preis scheute. Eine gute Tageszeitung kostet Geld. Und Geld lässt sich bekanntlich nur einmal ausgeben.

Dabei war das früher ganz anders. Als ich 1975 aus Norddeutschland nach Berlin kam, gehörte für mich das „Spandauer Volksblatt“ einfach dazu. Zeitunglesen war ein Ritual. Ich kannte die Namen der Redakteure, wusste, wer eher nüchtern kommentierte und wer leidenschaftlich schrieb. Das half beim Einordnen. Ich entwickelte einen Bezug zu den Menschen, die jeden Tag versuchten, die Welt ein kleines bisschen verständlicher zu machen.

Später jobbte ich sogar für eine Zeitung. Nachts fuhr ich die druckfrischen Ausgaben zu den Kiosken. Es hatte etwas Besonderes, wenn morgens überall die Zeitungen auslagen und ich wusste: Die haben wir gerade ausgeliefert. Vielleicht stammt daher mein Respekt vor dem Journalismus.

Plötzlich begann der Tag anders – langsamer und entschleunigter

In meiner Arbeit in der Obdachlosenhilfe habe ich erlebt, wie wichtig Medien sein können. Uns fehlte oft das Alltäglichste: Kaffee, Zucker, Milch, Käse, Taschentücher, manchmal sogar das Toilettenpapier. Wenn Zeitungen oder andere Medien über unsere Arbeit berichteten und zu Spenden aufriefen, kam sehr viel Hilfe. Nicht selten auch Geld. Berichterstattung konnte konkret das Leben von Menschen verbessern, machte unsere Arbeit leichter.

Später wurde der „Berliner Abend“ meine Zeitung. Sie passte zu meinem Tagesablauf. Und dann kam in diesem Sommer eher zufällig ein sechswöchiges Probeabo der Berliner Morgenpost. Elf Euro. Zur Fußball-WM. Jeden Morgen lag die gedruckte Ausgabe im Briefkasten, zusätzlich gab es alle Inhalte digital.

Ich hätte nicht gedacht, wie sehr mir das fehlen würde. Plötzlich begann der Tag anders. Langsamer. Entschleunigter. Eine Tasse Kaffee, eine Zeitung und eine gute Stunde für Politik, Berlin, Sport, Kultur und Gesellschaft. Am Samstag die besonders dicke Ausgabe mit Garten, Haushalt, Restauranttipps, Reportagen und den Kolumnen der Kolleginnen und Kollegen.

Mich interessiert, wie andere Menschen ticken

Besonders gern lese ich die Leserbriefe. Mich interessiert, wie andere Menschen ticken, worüber sie sich freuen, worüber sie sich ärgern und welche Meinung sie vertreten. Ab und zu wird dort sogar auf meine eigene Kolumne reagiert. Manchmal gibt es Lob, manchmal Kritik. Beides ist wertvoll. Kritik bringt oft neue Gedanken und manchmal auch Themen für die nächste Kolumne.

Noch schöner ist es, wenn mich Leserinnen und Leser unterwegs ansprechen. Freundlich. Zugewandt. Weil sie etwas gelesen haben, das sie bewegt oder geärgert hat. Genau so entsteht Öffentlichkeit.

Zeitungen sind weit mehr als bedrucktes Papier. Sie vermitteln Wissen, liefern Hintergründe und helfen, Entwicklungen einzuordnen. Sie schauen den Mächtigen auf die Finger, decken Missstände auf und tragen dazu bei, dass Verantwortung übernommen wird. Manche Rücktritte in Politik oder Wirtschaft hätte es ohne kritischen Journalismus nie gegeben.

Das alles stärkt unsere Demokratie. Es schafft eine gemeinsame Öffentlichkeit. Millionen Menschen beginnen ihren Tag mit denselben Themen, stimmen zu oder widersprechen – und kommen darüber ins Gespräch.

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Zeitunglesen als bewusstes Ritual im digitalen Alltag entdecken

Natürlich kann ich Nachrichten auch im Internet lesen. Das mache ich täglich. Aber eine Zeitung ist etwas anderes. Ich mag ihre Ordnung. Dass nicht irgendein Algorithmus entscheidet, was ich lese, sondern eine Redaktion. Dass ich über Themen stolpere, nach denen ich nie gesucht hätte. Dass ich die Zeitung aufschlage und sie mich überrascht.

Ja, Zeitungen sind teuer. Ja, Qualität hat ihren Preis. Seit drei Jahren bin ich Rentner. Ich muss mit meinem Geld sorgfältig umgehen. Aber ich habe auch etwas gewonnen: Zeit. Zeit zum Lesen, Nachdenken und dafür, den Tag nicht nur mit Schlagzeilen auf dem Handy zu beginnen. Und ja: Ich werde künftig auf einen zusätzlichen Restaurantbesuch im Monat verzichten. Dafür liegt morgens um 6 Uhr meine Zeitung im Briefkasten. Ich freue mich darauf. Manchmal sind es gerade die kleinen Rituale, die das Leben ein bisschen reicher machen.

Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl