So. Diese Woche beginnt für uns alle mit einem Stoßseufzer: Endlich Ferien! Ich weiß zwar nicht, ob Sie zu denen gehören, die hektisch am Packen sind, oder zu jenen mit den Sorgenfalten auf der Stirn: Ist der Brennerpass dieses Jahr frei? Wird die Erkältung der Kinder rechtzeitig abklingen, bevor wir am Meer sind? Und wird am BER auch wirklich nicht wieder gestreikt?

Oder gehören Sie zu den anderen Leuten, die, wie ich schon seit Tagen mit heimlicher Freude durch Berlin schleichen und die Anzeichen zählen? Die U-Bahn ist morgens um kurz vor 9 Uhr fast völlig leer. Es gibt freie Parkplätze, sogar direkt vor der Haustür. Und ja, in manchen Berliner Stadtvierteln wachsen leider auch die Sperrmüllberge noch mal schnell in die Höhe, bevor alle weg sind.  Auch vor meiner Haustür in Kreuzberg nutzt man die Abreise offenbar dazu. Aber am Mittwoch ist es dann endlich so weit: Letzter Schultag, die Sommerferien sind da. Juhu! Endlich hat man die Stadt wieder für sich allein.

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Also, fast. Bedauerlicherweise gibt es keine Statistik, um wie viele Millionen Menschen Berlin während der großen Ferien schrumpft. Geschätzt sind es wohl zehn Prozent. Nach meinem Gefühl sind es aber sehr viel mehr. Vielleicht sind die anderen alle im Schwimmbad oder im Park, wer weiß. In der Politik und auch im Journalismus gibt es den gefürchteten Begriff des „Sommerlochs“ – gemeint ist diese Phase, wenn wirklich gar nichts mehr passiert. Niemand streitet, niemand fällt schlimme politische Entscheidungen, manchmal gibt es nicht mal mehr Unfälle oder Polizeimeldungen. Obwohl statistisch zumindest in Berlin die Kriminalität nicht zurückgeht, sondern sich nur verändert. Mehr Taschendiebstähle und hitzebedingte Verrückte, weniger Raubüberfälle.

In Berlin wird während der Ferien unfassbar viel gebaut, gestaut und gesperrt

ICC Berlin
Im Sommerloch lässt sich andererseits Berlin ganz neu entdecken: Hier das ICC, gesehen vom S-Bahnhof Messe Nord. © BM | Uta Keseling

Ich persönlich liebe das Sommerloch. Es passiert ja auch eine Menge, nur sind es eben andere Dinge als sonst. Außerdem gehöre ich zu den Menschen, die eine Sache ganz besonders gern machen: nichts. Auch dazu bietet Berlin im Sommer wunderbare Gelegenheiten. Neulich zum Beispiel bin ich einfach mal so S-Bahn gefahren. Okay, die Ringbahn fährt nicht ganz rum, an dem Tag gab es auch vielfache Streckensperrungen. Überhaupt wird in Berlin natürlich während der Ferien wie immer unfassbar viel gebaut, gestaut und gesperrt.

Andererseits: Wenn man ohnehin nichts weiter vorhat, nichts zu tun, stören einen die Störungen viel weniger. So kam ich neulich in den Genuss, am S-Bahnhof Messe Nord das ICC aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen. Dort war ich nur ausgestiegen, weil sich irgendwelche Verzögerungen abzeichneten und ich umkehren wollte. Vom Bahnsteig sieht man die aktuelle Baustelle der A100-Brücken. Weil diese noch nicht wieder stehen, kann man von hier aktuell West-Berlins architektonisches „Raumschiff“ in ganzer Länge bewundern.

An einem anderen Tag kam ich zufällig am Wannsee vorbei. Es war ein Montag ohne Sonne, also waren auch fast keine Menschen am Ufer. Einen Moment stand ich am Wasser, gegenüber dem Bahnhof Wannsee. Ich spürte, wie Berlin sich entfernte. Wie ein riesiges Schiff trieb die Stadt immer weiter von mir weg. Statt Autolärm hörte ich nur meinen Atem. Statt Sirenen, Hupen und Gebrüll tschilpten Vögel und klimperten Boote im Hafen. In mir wuchs der Wunsch, einfach hierzubleiben.

Oberbaumbrücke ist das Mallorca Berlins

Spree Berlin Palme
Ja, Berlin hat auch Palmen. An der Spree. Sie stehen in Töpfen in einer Eventlocation an der Oberaumbrücke. © BM | Uta Keseling

Berlin liegt, wenn man es will, tatsächlich gefühlt am Meer. Klar verreise ich gern, aber der Vorteil dieser Stadt ist eben auch, dass man nicht wegfahren muss, um sich wie im Urlaub zu fühlen. Nicht mal bis an den Wannsee. Neulich war ich in einer sogenannten Eventlocation am Spreeufer an der Oberbaumbrücke. Wo der Sonnenuntergang mindestens ebenso phänomenal ist wie am Wannsee. Überhaupt ist die Oberbaumbrücke eine Art Mallorca Berlins. Mit dem RAW-Gelände als Ballermann. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.

Klar, Berliner Palmen wachsen in Töpfen. Trotzdem. Ein paar Stunden war man dem Berliner Alltag entrückt, der in Friedrichshain andererseits direkt um die Ecke liegt. Als ich mit dem Rad zurück nach Kreuzberg fuhr, führte mein Weg durch den Görlitzer Park. Ja, der mit dem Zaun. Er war bis auf die üblichen Dealer fast leer. Sommerloch eben. Sogar im Görli. Ich liebe es.