Bei der Arbeit mit obdachlosen Menschen bin ich immer wieder auf dieselbe Geschichte gestoßen. Sie begann nicht mit Alkohol, nicht mit Schulden und nicht mit einer Kündigung. Sie begann mit einem Verlust. Der Partner starb. Oder die Ehe zerbrach. Ein Mensch, mit dem man über Jahrzehnte gelebt hatte, war plötzlich weg.
Jutta und Heinz hatten 22 Jahre eine vermeintlich glückliche Beziehung und Ehe hinter sich. Bis Jutta sich in einen Arbeitskollegen verliebte. Die Trennung von Heinz dauerte wenig länger als ein Wimpernschlag. Heinz aber sah keinen Sinn mehr in seinem Leben, konnte nicht mehr zur Arbeit gehen und seinem gewohnten Leben nachgehen. Seit 16 Jahren ist er nun obdachlos, jeglicher Antrieb ist ihm abhandengekommen. Wozu alles?
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Auch bei anderen: Von außen betrachtet ging das Leben nach dem Verlust des liebsten Menschen weiter. Die Miete musste bezahlt werden, der Kühlschrank gefüllt, die Wäsche gewaschen werden. Doch manchen gelang genau das nicht mehr. Sie brachen alle Zelte ab. Kündigten die Wohnung oder verloren sie. Versanken in Hoffnungslosigkeit. Es war, als hätte jemand den Stecker ihres Lebens gezogen. Der Tod kam nicht sofort. Er schlich sich langsam heran. Über Jahre. Aber Leben war oft auch nicht mehr wirklich möglich.
Lebensmut verlieren: Wenn seelischer Schmerz körperlich wird
Mediziner sprechen tatsächlich vom „Broken-Heart-Syndrom“. Das Herz kann auf seelischen Schmerz reagieren. Doch ich meine anderes. Ich meine Menschen, die ihren Lebensmut verlieren. Die morgens keinen Grund mehr finden aufzustehen. Die körperlich noch leben, innerlich aber bereits Abschied genommen haben.
Ein Erlebnis hat auch mir gezeigt, wie nah Verzweiflung und Hoffnung manchmal beieinanderliegen. Meine Tochter war vier Jahre alt, als sie an einer aggressiven Leukämie erkrankte. Eines Tages standen mehrere Ärzte und ich an ihrem Krankenbett. Die Lage war aussichtslos. Alle rechneten damit, dass sie die nächsten Minuten nicht überleben würde. Während ich dort stand, war ich mir über eines völlig im Klaren: Wenn meine Tochter jetzt sterben würde, würde ich anschließend in mein Auto steigen und mit voller Geschwindigkeit gegen einen Brückenpfeiler fahren. So dachte ich damals. Heute erschreckt mich diese Erinnerung selbst.
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Doch dann geschah etwas, das ich bis heute nur als Wunder bezeichnen kann. Meine Tochter überlebte. Sie wurde gesund. Im kommenden Monat wird sie 37 Jahre alt. Sie hat drei wunderbare, lebhafte Töchter. Meine Enkelinnen.
Und ich selbst durfte Dinge erleben, die ich damals für unmöglich gehalten hätte. Ich konnte Projekte für obdachlose Menschen aufbauen. Wurde zum Berliner des Jahres gewählt. Erhielt das Bundesverdienstkreuz. Vor allem aber durfte ich ein erfülltes und dankbares Leben führen! Manchmal frage ich mich heute, warum Hoffnung in einem Augenblick vollkommen verschwinden und im nächsten zurückkehren kann.
Zurück bleiben Frauen, deren Herz regelrecht zerbrochen ist
Auch in vielen Familien habe ich erlebt, wie Menschen am Verlust zerbrechen. Männer verlassen nach 40 oder mehr Ehejahren ihre Frauen für eine deutlich jüngere Partnerin. „Ich fange noch einmal neu an“, sagen sie. Zurück bleiben Frauen, deren Herz nicht nur verletzt, sondern regelrecht zerbrochen ist. Viele kämpfen sich zurück ins Leben. Manche schaffen es nicht. Sie funktionieren noch eine Zeit lang. Aber die Freude kehrt nicht mehr zurück. Die Zukunft verliert ihre Farbe. Wenn sie schließlich sterben, wirkt ihr Tod manchmal fast wie eine Erlösung.
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Warum die einen wieder aufstehen können und die anderen nicht, weiß ich nicht; Resilienz erklärt nicht alles. Als Christ glaube ich, dass Gott uns auch dann nicht verlässt, wenn wir ihn nicht mehr spüren. Vielleicht sind es gerade die dunkelsten Stunden, in denen seine Nähe am größten ist. Wie bei einem Vater, der sein verzweifeltes Kind festhält: Das Kind sieht ihn nicht, weil es die Augen voller Tränen hat.
Sicher weiß ich nur eines: Menschen brauchen Menschen. Sie brauchen Liebe, Nähe, Zuspruch und manchmal einfach jemanden, der bleibt. Denn manche Menschen sterben nicht an einem Herzinfarkt oder an Altersschwäche. Manche Menschen sterben an einem gebrochenen Herzen.



