Ihr Körper ist ihr ziemlich egal. War er fast immer schon. Und den können sie haben, das macht ihr nichts aus. Nur waschen sollen sie sich vorher. Bei Gerüchen ist Funny sehr empfindlich, stinkt jemand, geht gar nichts.

Funny ist 37 Jahre alt und feiert in diesem Jahr ein bitteres Jubiläum: Sie ist nun seit 20 Jahren obdachlos. 19 Jahre davon lebte sie in München, seit einem Jahr in Berlin. „Ich hatte Lust auf Neues, eine andere Stadt, eine neue Szene, andere Menschen.“ Funny klagt nicht. Ob sie zufrieden ist, erschließt sich nach den wenigen Gesprächen mit ihr nicht. Letzten Sommer bettelte sie regelmäßig im „Bootshaus am Lietzensee“, da war auch ich häufig, und nach meinem dritten oder vierten Euro kamen wir ins Gespräch. Der Kaffee ging danach stets auf mich.

Manche Menschen haben einen kurzen Vorlauf, um vermeintlich vertrauliche Gespräche zu führen. Und etliches ist vielleicht sogar wahr, einiges aber wird wahrer, wenn man es oft genug erzählt. „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Max Frisch war’s, in „Mein Name sei Gantenbein“, ich glaube, das stand im Vorwort. Das ist bei Menschen mit Wohnung so, auch bei denen ohne – und vermutlich auch bei Funny.

Beratungen und Therapien waren vergeblich

„Bis zu meinem 14. Lebensjahr ging alles glatt.“ Das Elternhaus war geordnet, vielleicht sogar zu sehr. „Ein Tag verlief wie der andere, nur Platz für Liebe gab es keinen.“ Ihre Mutter nahm sie einmal im Jahr in die Arme, zu den Geburtstagen, ihr Vater nie. Ein Fremder. Die Familie war wohlhabend, der Vater Rechtsanwalt, die Mutter arbeitete als Sekretärin bei ihm. Funny war Einzelkind, wach und intelligent, das Gymnasium keine Herausforderung für sie. Freundinnen gab es, Spaß, Lebensfreude. Zärtlichkeit spürte sie als Mädchen aber nur im Reitstall. Pferde waren für sie die besseren Menschen.

Über den Bruch, die Brüche spricht Funny kaum. Wie Nebel zog das auf. „Ich eierte mit meinem Gewicht rum, fressen, kotzen, später kam das Ritzen dazu.“ An ihren Unterarmen sieht man das noch heute. Beratungen und Therapien waren vergeblich. „In der Schule schmierte ich ab.“ Die große Lücke bleibt. Funny antwortet auch auf Nachfragen nicht, nur das: Mit 17 Jahren lebte sie dann auf der Straße. Nicht in Böblingen, das war zu eng, zu nah am Elternhaus, am vertrauten Umfeld, sondern in München. „Da war richtig was los.“

Man sieht Funny die Obdachlosigkeit kaum an. Etwas älter wirkt sie lediglich. Die Drogen aus jungen Jahren sind längst passé, Alkohol trinkt sie nur mäßig. „Ich lege Wert auf mein Äußeres.“ In den Sommermonaten macht sie klassisch Platte, schläft mit ihrem Schlafsack draußen. Sie schließt sich dann Gruppen anderer obdachloser Menschen an. „Etwas Schutz ist wichtig als Frau.“ Das kann sonst böse enden. „Anderes Thema jetzt.“ Sie ist ganz gut organisiert, kennt die Einrichtungen, wo sie Essen, Bekleidung und eine Dusche bekommt. „Man hat zu tun, um sich zu halten, auch durchzuhalten.“

„Welcher normale Mann holt sich schon eine obdachlose Frau in die Wohnung?“

Schlimm sind die Winter, die Kälte. Schlimm sind minus zehn Grad. Einen Winter verbrachte sie im Freien und probierte es auch in Notübernachtungen. „Draußen geht’s im Winter gar nicht. Und in den Notübernachtungen stinkt’s – und zwar bestialisch.“ Ihre Männerbekanntschaften im Winter nennt Funny „Lover“. Das aber seien echte „Vollpfosten“.

Funny redet sich in Rage, ist empört. „Welcher normale Mann holt sich schon eine obdachlose Frau in die Wohnung?“ Spinner seien dabei, das seien noch die fast Harmlosen, schlimm seien die Perversen und Gewalttätigen. Furchtbar einsame Männer aber seien auch darunter. Manchmal sei sie dann für einige Monate die Chefin, diese Beziehungen hätten auch mit Macht und Ohnmacht zu tun. „Nur mit Liebe nicht, mit etwas Glück aber wenigstens mit gutem Sex.“ Zufluchten. Untermietverhältnisse für wenige Monate. „Das ist nicht schwer als Frau, solch einen Lover zu finden.“ Geputzte Zähne sind wichtig. Sie bezahlt mit ihrem Körper. Und etwas Anlehnung ist okay. Und manchmal, für kleine Momente, genießt sie es, in den Arm genommen zu werden.

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