Die tragische Meldung hat Sie vergangene Woche sicherlich auch beschäftigt: Die Suche der Polizei nach einer 91-jährigen Frau aus Berlin, deren Mann sich nicht mehr erinnern konnte, wo er sie samt seinem Auto zurückgelassen hatte. Was fast klang wie eine Geschichte von Oliver Sacks („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“), ist für immer mehr Menschen Alltag. Älterwerden, Demenz, Einsamkeit. Und die Verlassenheit – wenn niemand mehr da ist, den man fragen, bitten, anrufen kann.
Das Letzte, was uns bleibt, ist unser gelebtes Leben. Auch wenn wir uns selbst vielleicht an vieles nicht mehr erinnern, Spuren hinterlässt jeder. So wunderbar lebendig und energiegeladen das „junge“, feiernde, Rad fahrende und kreative Berlin tatsächlich ist – was den Charakter, die „Seele“ Berlins ausmacht, sind doch auch die Biografien der älteren Berlinerinnen und Berliner. Finde ich. Neulich hat mir ein Mann geschrieben, Herr Todtenhaupt (ich darf seinen Namen nennen). Sein Leben erzählt, was ich meine, deswegen hier ein Auszug:
„Ich wurde 1931 geboren und bin damit laut Helmut Kohl der Gnade der späten Geburt teilhaftig“, schrieb er, „was ich auch so empfinde, wenn ich an den namenlosen 17-Jährigen denke, den man kurz vor Kriegsende in Berlin an der Uhlandstraße/Ecke Berliner Straße wegen Fahnenflucht aufgehängt hatte. Oder an meine älteren Schulkameraden, die nach Kriegsende nicht mehr da waren.
Bombenkrieg in Berlin. Ausgebombt, Vater gestorben
Sechs Jahre Krieg. Bombenkrieg in Berlin. Ausgebombt, Vater gestorben, Mutti musste meine Schwester und mich allein durchbringen. Besetzung, Leben in West-Berlin, amerikanischer Sektor. Hungersnot, Blockade, Lehre als Maschinenschlosser. Hart, manchmal auch lustig. Wir lernten nicht nur das Handwerk, sondern auch das Arbeiten und verantwortlich zu sein. Gesellenprüfung, drei Jahre Abendschule. Dazwischen Luftbrücke, Stromsperren, eiskalte Winter. Aber nach dem Ende der Blockade in Berlin das wunderbare und nicht zu beschreibende Gefühl: Jetzt packen wir es, jetzt bauen wir alles neu und besser wieder auf.
Ich bin nicht wortgewaltig und war in Diskussionen nie gut. Außerdem machten mir die deutschen Verbrechen, von denen ich erfuhr, sehr zu schaffen. Ich entdeckte Biologie, Astronomie und Erdgeschichte, besuchte mit meiner Frau Vorlesungen und Exkursionen und bekam so eine gute Allgemeinbildung.
Ich fand, dass sich für die Arbeiter vieles noch verändern musste. Zum Beispiel wurden Arbeitern damals die ersten drei Krankheitstage nicht bezahlt. Ich fand die SPD gut als Vertreter des Arbeiterstandes, zu dem ich mich auch zählte, obwohl ich inzwischen Technischer Leiter einer Spezialfirma für Geräte der Hochdruckphysik und -chemie geworden war. Dadurch bekam ich auch einen guten Einblick in die Probleme eines Unternehmers.
Als Rentner war er ehrenamtlich im Museumsdorf Düppel
Mit 63 ging ich in Rente und war zusammen mit meiner Frau im Museumsdorf Düppel tätig. Wir machten jede Woche Führungen. Aufgrund meiner praktischen Ausbildung machte ich auch Reparaturen. Das Museum, gegründet durch den damaligen Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin, Professor Adriaan von Mülle, sollte zeigen, wie die Menschen des Mittelalters gearbeitet hatten. Wir besuchten Tagungen und Ausstellungen und hatten schon während der DDR-Zeit Kontakte zu den dortigen Archäologen. Nach dem Fall der Mauer luden wir Archäologen aus Ost und West zu einem Symposium ins Museum ein. Ein großer Erfolg!
Die nicht geringen Kosten trugen wir Ehrenamtlichen von unserer Rente, Herr Merz! Auch bis zu 100 Arbeitstage im Jahr machten die Ehrenamtlichen kostenlos. Ein Mann aus der ehemaligen DDR sagte bei der Beerdigung meiner Frau zu mir: ,Ich mochte die überheblichen Wessis nicht, aber ihr beide habt mir gezeigt, dass es auch gute Wessis gibt. Ach was, ihr seid gar keine Wessis!‘
„Ich bin froh, mich an viele schöne Momente in meinem Leben erinnern zu können“
Meine geliebte Frau ist vor drei Jahren gestorben. Viele ehemalige Arbeitskollegen sind auch nicht mehr da. Fast alle Freunde sind tot. Um das mal zu sagen: 95 ist schon ein Scheißalter. Und ich lebe, wie Heinrich Heine es ausdrückte, in einer Matratzengruft. Ich kann nur noch mit dem Rollstuhl in meiner Wohnung umherfahren. Dreimal am Tag kommt Besuch von Mitarbeitern einer Pflegestelle. Viele sind ausländisch und sehr nett. Besonders die Frauen erzählen manchmal etwas. Das soll keine Klage sein. Sondern ich bin froh, mich an viele schöne Momente in meinem Leben erinnern zu können. Und jedem, der schreit: „Ausländer raus!“, und jedem, der da von Krieg faselt, halte ich mit Frau Friedländer entgegen: Seid menschlich! Und: Schützt unsere Erde. Wir haben nur die eine.“
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