Heute vor 150 Jahren starb der Dichter Heinrich Heine in Paris. Als 23-Jähriger war er von 1821-23 in Berlin und studierte nicht nur Geschichte und Philosophie an der Universität, sondern auch die Berliner und ihre Stadt.
Heinrich Heine war 1821 noch keine drei Monate in Berlin, als im Juni der Trubel um Carl Maria von Webers Volksoper "Der Freischütz" einsetzte. Die Premiere war bejubelt worden, die Opernarien wurden zu Gassenhauern. Nicht zu jedermanns Vergnügen, wie man bei dem leicht genervten Heine nachlesen kann: "Bin ich noch so guter Laune des Morgens aufgestanden, so wird doch gleich alle meine Heiterkeit fortgeärgert, wenn schon früh die Schuljugend, den "Jungfernkranz' zwitschernd bei meinem Fenster vorbeizieht." Denn die Liedzeilen "Wir winden Dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide" konnten dem 23-Jährigen jungen Mann nur spöttische Bemerkungen entlocken.
Heine war im April nach Berlin gekommen, weil die Universität Göttingen den Jurastudenten nach einem Duell beurlaubt hatte. Er immatrikulierte sich an der Universität und blieb zwei Jahre. Vorlesungen hörte er in Geschichte und Philosophie, vor allen bei Hegel. Doch mehr als das Studium interessierten den jungen Mann Kunst und Kultur in jener Stadt, die ihn eigentlich nicht ansprach: "Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig, wenn man in Berlin etwas anderes sehen will als tote Häuser und Berliner. Hier ist es schwer, Geister zu sehen. Die Stadt enthält so wenig Altertümlichkeit und ist so neu, und doch ist dieses Neue schon so alt, so welk so abgestorben."
Bald schon fand er Kontakt zu den literarischen Salons der Stadt und war regelmäßig Gast beim Ehepaar Rahel und August Varnhagen von Ense, wo er mit Humboldt, Chamisso oder Fouqué parlieren konnte. Mit Rahel Varnhagen, die er als "geistreichste Frau des Universums" verehrte, verband ihn lebenslange Freundschaft. Auch stellte der junge Dichter hier zum ersten Mal seine Verse vor Publikum vor. Und folgerichtig erschien sein allererster Band "Gedichte" 1822 beim Berliner Mauerer Verlag.
Die geistige Vornehmheit der Salons war die Seite, das feucht-fröhliche Studentenleben die andere. Und die genoß Heine ausgiebig in der Weinstube von Luther & Wegener im Verein mit dem trinkfesten Literaten E.T.A. Hoffmann und dem Dramatiker Christian Dietrich Grabbe. Er schlemmte ungehemmt im Café Royal Ecke Charlottenstraße und im "Josty" Unter den Linden und schwärmte: "Oh, kennt ihr den Inhalt dieser Baisers! O Aphrodite, wärest du solchem Schaum entstiegen, du wärest noch viel süßer!"
Das Jüdische Leben in Berlin erinnerte Heine an seine religiösen Wurzeln. Er engagierte sich im Jüdischen Culturverein, traf den Rechtsgelehrten Eduard Ganz, gab kurzzeitig ein Magazin heraus und unterrichtete Juden aus Osteuropa in deutscher Sprache.
Erste journalistische Gehversuche unternahm Heine mit den hier auszugsweise zitierten "Briefen aus Berlin", die der in Hamm erscheinende "Rheinisch-Westfälischen Anzeiger" ab 1822 anonym veröffentlichte. Mit ihnen begründete Heine seinen Ruf als Reiseschriftsteller und Feuilletonist. Er beobachtete die Glanz- und Schattenseiten der preußischen Residenzstadt, schilderte das Leben auf dem neugestalteten Boulevard Unter den Linden, in der Universität, in den Theatern, Lokalen und Salons. Geschickt kommentierte er brisante Themen, was ihn auch in Konflikt mit der preußischen Zensur brachte. "Ich habe längst gewußt, daß eine Stadt wie ein junges Mädchen ist, und ihr holdes Angesicht gern wiedersieht im Spiegel fremder Korrespondenz. Aber nie hätte ich gedacht, daß Berlin bei einem solchen Bespiegeln sich wie ein altes Weib, wie eine echte Klatschliese, gebärden wurde. Ich machte bei dieser Gelegenheit die Bemerkung: Berlin ist ein großes Krähwinkel."
Während seiner Berliner Zeit schrieb Heine "Radcliff", ein englisches Sozialdrama, und das Versepos "Almansor", das im maurischen Spanien spielt. Darin findet sich der Satz, der sich später in Nazi-Deutschland so grauenhaft bewahrheiten sollte: "Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen".
Ein erneutes Duell vertrieb Heine 1823 aus der Stadt. Ein Jahr später traf er Goethe in Weimar, über den er in den Berliner Briefen ehrfürchtig, aber nicht unterwürfig geschrieben hatte: "Auch hat dieser Greis, Ali Pascha unserer Literatur, wieder einen Teil seiner Lebensgeschichte herausgegeben ("Dichtung und Wahrheit' - d. Red.). Diese wird, sobald die vollständig ist, eines der merkwürdigsten Werke bilden, gleichsam ein großes Zeitepos. Denn diese Selbstbiographie ist auch die Biographie der Zeit." Seinerseits soll der Genius aus Weimar über den Jungspund aus Düsseldorf gegrantelt haben: "Wenn Heine erst aufhörte, ein Gassenjunge zu seyn, dann ist er der größte Dichter, der je gelebt hat."
Heine in Berlin, Führung von StattReisen, heute und 19.2., 14 Uhr, Treff: Granitschale vor dem Alten Museum, Tel.: 455 30 28.
Heine-Führung von "Eigene Wege", heute 16 Uhr, Treff. Heine-Denkmal am Maxim Gorki Theater, Tel.: 29 36 73 17

