Erinnern Sie sich an die Berliner Party-Clowns? 2015 hatten Berlins offizielle Stadtwerber die schräge Idee, Pantomimen oder auch Clowns sollten auf Berlins Partymeilen die Feiernden überzeugen, leiser zu sein. Vielleicht, weil die weiß kostümierten Figuren auf Berlins Straßen selbst im Alltag kaum auffielen, oder auch, weil die Feiernden die Aktion nicht begriffen, war von dem Pilotprojekt bald nicht mehr die Rede. Was in Erinnerung blieb, war der internationale, etwas mitleidige Spott über eine Metropole, die mit Clowns versuchte, Regeln durchzusetzen.

Nun kündigt Berlins offizielle Marketing-Agentur Visit Berlin ein Pilotprojekt an, das jetzt schon Ähnliches verspricht: Touristen sollen in Berlin Müll sammeln. Klimabewusste Touristen, so die Idee, könnten sich in der Hauptstadt nützlich machen und „kleine Vorteile oder Berlin-Erlebnisse“ verdienen wie Stadtführungen oder Tickets für Museen.

Einen griffigen Namen hat die Idee auch: „BerlinPay“, so Visit Berlin auf seiner Webseite. Dort steht auch, wo die neue Idee herkommt: aus Kopenhagen nämlich. Einer Stadt, die, nun ja, nicht in jeder Hinsicht mit Berlin zu vergleichen ist. So steht die dänische Hauptstadt bei der Nachhaltigkeit derzeit auf Platz 3 des internationalen Nachhaltigkeits-Index GDS. Berlin belegt Platz 17. Kopenhagen gilt als eine der saubersten Städte der Welt. Berlin taucht in Sauberkeits-Rankings maximal auf den hinteren Rängen auf.

Ob sich Touristen für die Begleitung von Berlins Müll-Sheriffs interessieren?

Kopenhagen-Besucher können beim Projekt „Copenpay“ öffentliche Grünflächen pflegen und bekommen Rabatt für ein „organic meal“. Für 5000 gelaufene Schritte gibt es einen Gratis-Kaffee. Auch Müllsammeln gehört zum touristischen Angebot. Wobei das Müllproblem Kopenhagens nicht vermüllte Parks sind, Sperrmüllgebirge am Straßenrand oder Ratten, die ganze Stadtplätze übernehmen wie aktuell am Reuterplatz in Neukölln. Ganz im Gegenteil: Es herrscht Müllmangel.

Grund ist eine überdimensionierte, aber dafür ökologische Müllverbrennungsanlage namens Copenhill. Ein futuristisches, begrüntes Riesen-Gebäude mit Skipiste auf dem Dach, dessen Problem die mangelnde Auslastung ist. In Kopenhagen wird deshalb Müll unter anderem aus Deutschland und England importiert. Und von Touristen gesammelt. Diese dürfen im Rahmen von „Copenpay“ klimafreundlich mit dem Fahrrad zum Copenhill fahren und dort eine Gratis-Ski-Abfahrt auf dem Dach genießen.

In Berlin geht die Fantasie beim Müllsammeln ja eher in eine andere Richtung. Ob sich Touristen vielleicht für die Begleitung von Müll-Sheriffs interessieren? Oder Fahrten mit dem riesigen Pfandflaschen-Sauger der BSR durch den Görli? Oder möchten sie gleich eine ganze Wohnungseinrichtung vom Straßenrand mitnehmen, „wenig gebraucht, zu verschenken“? Wer weiß.

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Angesprochen sind hier auch die Berliner selbst

Laut VisitBerlin sollen die Aktionen mit Wassertourismus zu tun haben. Wasser ist das Motto der diesjährigen Tourismus-Sommersaison. „BerlinPay wird ein Aktionsformat, das zu verantwortungsbewusstem Verhalten an und auf Berlins Gewässern sensibilisiert und aktiviert“, heißt es. Genaueres wollen die Berlinwerber Mitte Mai auf einer Pressekonferenz vorstellen.

Angesprochen sind auch die Berliner selbst. Vielleicht, weil Party-Berliner ohnehin Weltbürger sind und umgekehrt. Möglicherweise sammeln die ihren eigenen Müll lieber ein, wenn sie dafür mit Gratiskaffee belohnt werden. Und mit dem großen Gefühl, gemeinsam das Klima besonders nachhaltig geschützt zu haben.

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Berlins beliebte Ufer und Badestellen sind seit Jahren Schnittstellen von Wasser und, nun ja, Müll. Neu sind Partyboote mit lauter Musik, noch mehr Müll im Kielwasser und „Kapitänen“, die keine Regeln kennen und oft unter Drogen und Alkohol unterwegs sind. Sollen Touristen hier eingreifen? Als Aushilfs-Detectives vielleicht, à la „Miami Vice“?

Vielleicht hilft auch hier ein Blick ins Ausland. In England reagierten Polizisten vor Jahren auf den steigenden Alkoholkonsum an den Küsten mit einer Aktion: Sie schenkten betrunkenen Frauen auf High Heels Flip-Flops und Wasserflaschen, um auf die Gefahren von Alkohol hinzuweisen. Lustige Idee, typisch britisch? Ja. Die Aktion endete allerdings ähnlich wie die Berliner Party-Pantomimen.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.