Es war ein sonniger Morgen vergangene Woche und ich war auf dem Weg zur U-Bahn, als mich ein ungewohnter Duft aus den Gedanken riss. Nein, nicht was Sie denken. Die Quelle war der Flieder im Nachbarsvorgarten. Er hatte die ersten Blüten geöffnet. Es klingt seltsam, aber diesen Busch im ansonsten oft unwirtlichen Kreuzberg mag ich sehr. Es ist eine früh blühende Sorte, violett, süß und ausdauernd, so eröffnet er seit Jahrzehnten das Frühjahr.

Begeistert postete ich ein Bild davon in den sozialen Netzwerken, denn sogar der Bürgersteig war ausnahmsweise müllfrei und frisch gefegt: „Guten Morgen aus Kreuzberg!“ Die Antwort ließ nicht auf sich warten. „Es gibt ja Menschen, die Flieder ausreißen wollen, weil invasiv, verdrängend. Was sagen Sie dazu?“, fragte eine ehemalige Kollegin. Sie hat selbst einen Garten und hat lange genug in Berlin und in Kreuzberg gelebt, um die großen moralischen Debatten zu kennen, die sich hier oft an den kleinsten Dingen entzünden. Wie dem Flieder.

Ich selbst war ratlos. In der U-Bahn googelte ich und fand heraus, dass Flieder tatsächlich als „invasiv“ gilt. Kann das sein? Hat nicht sogar Fontane schon märkischen Flieder erwähnt? Aber es stimmt. „Sowohl der Gemeine Flieder als auch der Sommerflieder gelten als invasive Neophyten, die einheimische Pflanzen verdrängen und die Artenvielfalt gefährden“, las ich. Ich muss zugeben: Unser „Gemeiner Flieder“ im uckermärkischen Garten breitet sich aktuell tatsächlich ziemlich gemein aus. Es ist eine helllila Sorte, die extrem langsam wächst, und sie kommt aus dem Garten meiner Freundin Regina. Mein dunkellilafarbener „römischer“ Flieder wiederum war vor uns da. Er ist so schön, dass ich regelmäßig Triebe an Fliederfreunde weitergebe. Ist das auch Invasion?

Meine Forsythie wurde durch Ostereier vor dem Herausreißen bewahrt

Also: Nein, bei mir wird kein Flieder herausgerissen! Ökologisches Gewissen hin oder her. Tatsächlich geraten ja jedes Jahr neue Pflanzen unter Verdacht, schlecht für die Natur zu sein. Neben der sauren Mahonie, dem inzwischen teilweise verbotenen Kirschlorbeer und sogar Lupinen trifft dies auch den Sommerflieder, Schmetterlingsstrauch genannt. Auch wir haben einen. Ein Geschenk meines Schwiegervaters, weswegen auch dieser Strauch Bleiberecht hat. Übrigens breitet sich das mickrige Exemplar entgegen seinem Ruf leider gar nicht aus. Wo bleibt die versprochene Invasion?

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Am ehesten würde ich mich von der Forsythie trennen. Sie erinnert mich an die tristen Rabatten der Sozialwohnungssiedlung, in der ich aufgewachsen bin. Schon als Kind fragte ich mich: Warum pflanzten die Hausverwaltungen keine Sonnenblumen und Himbeeren stattdessen? Okay, Sie ahnen es: Selbst Himbeeren sind invasiv.

Die Forsythie wiederum stammt ursprünglich aus Ostasien, gilt aber nicht als invasive Problempflanze, sondern nur ökologisch als wertlos. Ihre gelben Blüten bieten Insekten keine Nahrung. Vor dem Ausreißen bewahrt haben den Strauch bisher ausgerechnet meine Plastik-Ostereier. Die müssen ja irgendwo hängen, und ich möchte im Dorf nicht mit einem eierlosen Garten auffallen.

Die neue Chefin im Garten ist gegen jegliche Invasion

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Toleriert keine Fremden, schon gar keine Katzen: die neue Chefin im Garten.© BM | Uta Keseling

Die invasivste Art in unserem Garten, Sie werden es nicht glauben, ist keine Pflanze, sondern: die Katze. Hauskatzen gelten laut Forschern und der Weltnaturschutzunion (IUCN) als eine der 100 gefährlichsten invasiven Arten weltweit. Besonders freilaufende und verwilderte Katzen stellen eine erhebliche Bedrohung für die Artenvielfalt dar, heißt es.

Tatsächlich trifft das auch auf unsere neue Mitbewohnerin zu. Niemand weiß, woher sie kam, als sie im September als laut quäkendes Katzenbaby in einem Holzstapel gefunden wurde und ihre Invasion startete – direkt in unsere Herzen. Als selbsternannte Chefkatze dirigiert sie inzwischen fröhlich Vögel, Hummeln, verliebte Kater und uns Menschen.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.

Nur mit den Nachbarskatzen laufe es nicht so gut, teilte das Tier kürzlich mit, als sie nach einem kreischenden Katzenfight mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kam. Wir wüssten doch, invasive Arten und so weiter. Ob wir gegen die fiesen Eindringlinge nicht mal etwas unternehmen könnten?