Zu den schönsten Seiten meiner Arbeit gehören für mich Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen. Spielt diese in Berlin, erfährt man gleichzeitig immer zweierlei: etwas über die Menschen in ihrer Zeit und etwas darüber, wie Berlin wurde, wie es ist.

So fiel mir anlässlich der Rolltreppen-Empörung am Hauptbahnhof eine Zeitzeugin wieder ein, die mir mal ein Rolltreppen-Erlebnis in Neukölln vor fast 100 Jahren geschildert hatte. Frau M. war Jahrgang 1922. Als ich sie traf, war sie 96 Jahre alt. Eine erstaunlich quirlige Dame im Ringelpulli. Sie war Lehrerin. Bis auf eine Zeit während des Krieges hatte sie immer in Neukölln gelebt.

„Wir wohnten anfangs im Eckhaus an der heutigen Karl-Marx-Straße direkt gegenüber von Karstadt am Hermannplatz“, berichtete Frau M. Das riesige Kaufhaus wurde 1929 eröffnet. „Als Kinder gingen wir dorthin zum Rolltreppefahren“, erzählte sie. „Rolltreppen waren etwas Besonderes. Das machten wir immer so lange, bis wir rausgeworfen wurden.“

Heute klingt es seltsam, dass Kinder sich Rolltreppen als Spielplatz aussuchen wie ein Karussell. Doch damals waren sie neu. Die erste Rolltreppe Berlins war 1925 im Kaufhaus Tietz in Mitte eröffnet worden. Längst gehören sie zum Alltag. Erst wenn sie stillstehen, fällt auf: Der Luxus von einst ist heute ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Vielleicht nicht für Kinder, aber für viele gehbehinderte Menschen.

Berlin,Kaufhaus Tietz,1.Rolltreppe/Foto - -
Berlins erste Rolltreppe im Jahr 1925 im Kaufhaus Tietz an der Leipziger Straße in Mitte.© picture alliance / akg-images | akg-images

Als die Hasenheide noch das Vergnügungsviertel Berlins war

Zurück zu Frau M. Ihre Kindheit, erfuhr ich damals, war geprägt von jeder Menge Abenteuern, unter denen die Rolltreppen nur eines waren. Am Hermannplatz begann die damalige Vergnügungswelt in der Hasenheide. „Zuerst kamen Kliems Festsäle“, erinnerte sich Frau M., „gegenüber war die Neue Welt. Daran schloss sich der Volkspark an.“ Am Gardepionierplatz, heute Südstern, gab es viele Amüsierlokale. „Das Resi zum Beispiel mit Tischtelefonen. Und es gab ein Lokal, das damit warb, dass man dort auf Glas tanzte. Wir Kinder gingen nachmittags mit Leidenschaft ins Kino. Als Vorfilm wurde oft Mickey Mouse gezeigt, was ich als Kind sehr mochte.“

Frau M.s Eltern arbeiteten beide, was nicht typisch für die Zeit war, aber doch für Arbeiterviertel wie Neukölln. „Ich hatte einen Schlüssel um den Hals und viele Freiheiten“, erzählte sie mir. Erst im Nachhinein habe sie verstanden, dass ihre Mutter sehr „fortschrittlich“ war, wie Frau M. es nannte. Zu ihren Freunden gehörten homosexuelle Männer, ihre Arbeitgeber waren Juden.

Als sie etwa im sechsten Schuljahr war, erzählte Frau M., „wurde eine meiner Mitschülerinnen gehänselt, weil sie ein uneheliches Kind war. Ich wusste nicht, was das genau hieß – sie hatte eben keinen Vater. Meine Mutter meinte, es bestehe kein Grund, das Kind zu hänseln.“ Und sie sagte etwas, das Frau M. erst später verstand: Die Mutter des Kindes sei anständiger als jene, die keine Kinder bekommen hätten. Gemeint war wohl die Abtreibung.

Was bedeutete es, als Mädchen im Nationalsozialismus aufzuwachsen?

Anlass unseres Interviews war der 8. März. Es ging um die gesellschaftliche Rolle der Frau, die sich in diesem Jahrhundertleben ja sehr gewandelt hat. Was bedeutete es, als Mädchen im Nationalsozialismus aufzuwachsen? Frau M. beschrieb ihre Mutter als Vorbild. „Sie hatte keine Probleme damit, Dinge zu benennen. Sie hatte nicht viel Angst.“ Einmal habe die Mutter auf Weisung ihres Arbeitgebers auf der Straße Spalier für den „Führer“ stehen müssen – und diesem den Rücken zugedreht. „Die Kollegen waren entsetzt, aber meine Mutter fand es richtig so.“

Während des Krieges wurde Frau M. im Schnellverfahren zur Lehrerin ausgebildet. Ihr Traumberuf. „Das verdankte ich einer ehemaligen Lehrerin. Sie machte mir Mut, mich zu bewerben.“ Weil die meisten Berliner Kinder vor den Bomben aufs Land in Sicherheit gebracht wurden, ging sie als Lehrerin 1944 ebenfalls nach Pommern.

Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.

Auf der Flucht zurück wurde sie von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt. Sie war eines von ein bis zwei Millionen Opfern solcher Taten. Diese Zahl wird heute geschätzt. Über Jahrzehnte war das Thema tabu. Frau M. berichtete mir nebenbei davon. Ich glaube, sie fand, es sollte erwähnt werden. Weil es eben auch Teil der Antwort war, was es bedeutete, im 20. Jahrhundert in Berlin eine Frau zu sein. Auch wenn sie sich davon nicht bestimmen lassen wollte.