Weltfrauentag

100 Jahre Frauenwahlrecht: Eine Zeitzeugin berichtet

Seit 100 Jahren gibt es das Frauenwahlrecht in Deutschland – und heute? Eine Zeitzeugin erzählt, wie sie das Jahrhundert erlebte.

Ruth M. (96) lebt fast so lange in Berlin, wie das Frauenwahlrecht gilt. Sie hat uns ihr Leben erzählt.

Ruth M. (96) lebt fast so lange in Berlin, wie das Frauenwahlrecht gilt. Sie hat uns ihr Leben erzählt.

Foto: Foto: Reto Klar

Als sie geboren wurde, war die Weimarer Republik keine vier Jahre alt, ebenso das Wahlrecht für Frauen. Was hat sich geändert? Ruth M. (96) wuchs am Hermannplatz auf, musste unter den Nazis als Hausmädchen arbeiten, war Lehrerin an einer Jungenschule. Uns hat sie ihr Leben erzählt:

„Geboren bin ich am 12. August 1922 in einer Klinik an der Müllenhoffstraße in Kreuzberg. Es war die Zeit der Wirtschaftskrise. Ich denke, in vielem waren wir eine typische Berliner Familie. In meinen ersten zehn Lebensjahren wohnten wir direkt am Hermannplatz alle in einem Zimmer - meine Eltern, ich und die ersten fünf Jahre auch meine Großmutter, bis sie starb. Eine halbe Treppe höher gab es eine Toilette für die ganze Etage, gewaschen hat man sich in der Küche an einem Waschständer mit einer Schüssel. Die Verhältnisse kann man sich etwa so vorstellen, wie es im Film „Babylon Berlin“ gezeigt wird.

Trotz Krise habe ich diese Zeit nicht als entbehrungsreich in Erinnerung. Ich fühlte mich sehr aufgehoben in meiner Familie. Geschwister hatte ich nicht, aber viele Freunde, auch Jungen, mit denen ich draußen spielte. 1929 eröffnete Karstadt am Hermannplatz - eine Attraktion für uns Kinder. Wir gingen dorthin zum Rolltreppefahren, das war etwas Besonderes - so lange, bis wir rausgeworfen wurden.

Meine Mutter musste dazuverdienen

Dass meine Mutter arbeitete, war schon eher ungewöhnlich. Mein Vater war als sehr junger Mann im Ersten Weltkrieg durch ein Geschoss schwer am linken Arm verletzt worden, er hatte keine großen beruflichen Chancen. Meine Mutter musste dazuverdienen, aber sie tat das gern. Sie war erst 20, als ich geboren wurde. Für mich ist sie immer der prägende Teil meiner Eltern gewesen. Wir waren wie Freundinnen.

Als Kinder bestand unsere Welt aus dem Hermannplatz und der Hasenheide. Dort lagen Kliems Festsäle, gegenüber war die Neue Welt. Daran schloss sich der Volkspark an. Am Gardepionierplatz, heute Südstern, gab es viele Amüsierlokale. Das „Resi“ zum Beispiel mit Tischtelefonen. Und ein Lokal, das damit warb, dass man dort auf Glas tanzte. Wir Kinder gingen mit Leidenschaft ins Kino. Als Vorspannfilme gab es oft Mickey Maus, das mochte ich gern.

Als ich zehn war, zogen wir in die Ilsestraße am Körnerpark in Neukölln. Zwei Zimmer mit Balkon, das war schön. Ich hatte einen Schlüssel um den Hals, meine Eltern arbeiteten ja beide. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass meine Mutter sehr fortschrittlich war. Einmal wurde eine meiner Mitschülerinnen gehänselt, weil sie ein uneheliches Kind war. Meine Mutter sagte zu mir, es bestehe kein Grund, das Kind zu hänseln. „Ihre Mutter ist anständiger als die, die keine Kinder bekommen haben – die wussten nämlich, wie man es macht.“ Was sie konkret damit meinte, verstand ich damals natürlich nicht. Aber mir war klar, dass es keine Schande war, unehelich geboren zu sein.

Spalier stehen für den Führer

Meine Mutter hatte eine gute Anstellung im Beamtenkaufhaus Gottschalk. Das lag etwas abseits an der Lindenstraße in Mitte, denn höhere Beamte wurden nicht so gern gesehen, wenn sie auf Raten kauften. Es war ein jüdisches Haus. Dadurch hatten wir viele jüdische Freunde und Bekannte. In unserer Bekanntschaft gab es auch schwule Männer, das war einfach so.

Die jüdischen Besitzer des Kaufhauses mussten später unter den Nazis auswandern, so weit ich weiß, und das Haus wurde von einem Mann von der NSDAP übernommen. Bei ihm arbeiteten viele nur noch ungern. Während des Krieges stellte dieser Chef seine Angestellten der „Organisation Todt“ zur Verfügung, meine Mutter musste in der sogenannten „Führereinkleidung“ arbeiten. Es gibt eine Anekdote aus der Zeit. Meine Mutter und ihre Kollegen sollten einmal für Hitler Spalier Unter den Linden stehen, hatte der Arbeitgeber angeordnet. Alle standen da – und meine Mutter drehte dem Führer den Rücken zu. Ihre Kollegen waren entsetzt, aber sie fand es richtig. Mein Vater dachte ähnlich.

Handelsschule statt Abitur

Neukölln war ein Arbeiterbezirk, in dem die SPD traditionell stark war. Auch mein Vater war in der SPD, mein Großvater soll sogar mit Friedrich Ebert befreundet gewesen sein.

Ich selbst bin nach dem Krieg auch in die SPD eingetreten. Vielleicht lag es an dieser Prägung, aber ich hatte nie das Gefühl, dass die manche Menschen weniger wert sein könnten als andere. Auch Mädchen und Frauen nicht.

1929 wurde ich eingeschult, ich habe immer Mädchenklassen besucht. Meine Lehrerin wollte mich aufs Lyzeum schicken, was dem heutigen Gymnasium entspricht, doch meine Mutter fand, die Handelsschule reichte. Als ich in der achten Klasse war, traf ich meine ehemalige Lehrerin zufällig wieder. Sie überzeugte meine Mutter, dass ich in eine Aufbauklasse kam, die zum Abitur führen konnte.

In dieser Klasse gab es eine Gruppe Mädchen, die mit „Kletterwesten“ in die Schule kamen. Diese Jacken gehörten zur Uniform des Bundes Deutscher Mädels, BDM, der weiblichen Abteilung der Hitlerjugend. In meiner Klasse bildeten die BDM-Mädchen aber nur eine Gruppe. Ich habe vieles von dem rückständigen Frauenbild der Nazis gar nicht mitbekommen, weil mein Umfeld aus einem anderen politischen Milieu kam.

Pflichtjahrmädchen beim Parteifunktionär

Zu Ostern 1939, kurz vor Kriegsausbruch, verließ ich die Schule mit dem sogenannten „Einjährigen“ - und ohne Abitur. Ich wollte nicht weiter auf Kosten meiner Mutter leben. Die Jungen meines Alters wurden damals im Reichsarbeitsdienst oft als Flakhelfer eingesetzt. Weil ich zu jung für den Reichsarbeitsdienst war, kam ich als sogenanntes Pflichtjahrmädchen in den Haushalt eines Regierungsrates und NSDAP-Mitglieds. Ich sollte im Haushalt helfen und das kleine Kind hüten, doch ich war 16 und hatte keine Ahnung von Haushalt. Einmal regte sich der Regierungsrat auf: Was der Führer wohl denken würde, wenn er wüsste, wie schlecht sein Pflichtjahrmädchen aufwischte!

Nach einem Jahr reichte es mir. 1940 fing ich in einer Uniformfabrik im Wedding als Kontoristin an. Im Krieg konnte man sich ja nicht aussuchen, was man arbeiten wollte. Eines Abends gab es dort eine Versammlung, es sprach ein SA-Mann. Diese Masse begeisterter Menschen, diese Euphorie - es kostete mich einen Moment, bis ich meinen Verstand wieder einschalten konnte. Was der Mann von sich gegeben hatte, war gar nicht das, was ich wollte. Aber ich begriff, dass es einfach ist, jemanden in der Masse mitzureißen.

Notausbildung zur Lehrerin

Dass ich Lehrerin wurde, verdanke ich wiederum einer ehemaligen Lehrerin. Sie riet mir, mich für die Not-Ausbildung bewerben. Lehrer fehlten überall, weil die Männer zum Krieg eingezogen waren. Nach nur einem Vierteljahr Ausbildung kam ich im April 1941 nach Neukölln an eine Jungenschule. Alle Kollegen waren Männer. Sie boten mir an: Wenn die Kinder frech seien, würden sie sie mir verhauen. Die Frage war nicht, ob man Kinder schlägt. Sondern nur, ob ich als Frau dazu in der Lage sein würde.

Ich erkannte aber schnell, dass man das besser nicht macht. Mein Prinzip lautete immer: Möglichst wenig Frontalunterricht, mehr selbstständiges Arbeiten. Ich habe immer die Kinder zuerst reden lassen, um zu hören, was sie schon alles wussten. Nach einem Jahr ging ich zum weiteren Studium nach Dresden. Doch als ich 1944 nach Berlin zurückkam, waren die Schulen wegen der Bombardierungen bereits evakuiert und ich wechselte an eine ausgelagerte Schule, auf die auch Berliner Kinder gingen.

Ich entschied mich für Pommern, weil mein Onkel und meine Tante aus Neukölln auch dorthin gezogen waren. Sie hatten in Regenwalde (heute Resko, Polen) Arbeit gefunden. Ich ahnte nicht, wie es ausgehen würde.

Ich unterrichtete eine einklassige Landschule in einem Gutsdorf nahe Regenwalde. Acht Jahrgänge zusammen, in zwei Gruppen. Das Landleben war interessant. Die Bewohner arbeiteten für den Gutsherrn, ich selbst wohnte bei der Witwe des früheren Lehrers, der im Krieg gefallen war. Sie konnte Tiere schlachten, Schnaps brennen, sie konnte alles.

Bombennächte in Berlin

Zu Weihnachten 1944/45 besuchte ich trotz des Krieges meine Eltern in Berlin. Noch heute überkommt mich jedes Mal, wenn ich am Bahnhof Hermannstraße zur U-Bahn hinunterfahre, die ungute Erinnerung an die Nächte im Luftschutzkeller. Ein blinder Tunnel im damaligen Endbahnhof der U8 an der Leinestraße - bei Bombenalarm drängten alle mit ihren Koffern nach unten, es war fürchterlich. Ich dachte, wenn hier eine Bombe einschlägt, sind wir alle lebendig begraben.

Als ich zurückkam nach Pommern, waren die Schulen belegt mit Flüchtlingen. Aus Ostpreußen und Pommern wurden die meisten deutschen Bewohner vertrieben. Es war ein großes Durcheinander. Die einen wollten weiter in den Westen, die anderen wieder zurück, ich konnte nicht unterrichten. Eines Tages fuhr ich nach Regenwalde zum Arzt, ich hatte Diphtherie und musste sofort in Quarantäne. Private Dinge konnte ich nicht mehr holen. Nach zehn Tagen hieß es: „Die Russen können jeden Moment hier sein. Alle Patienten, die laufen können, müssen das Krankenhaus verlassen.“

Ich traf meine Tante und Onkel, die gerade für den Treck packten. Und ich hatte nichts dabei, nichts! So sind wir auf die Flucht gegangen. Man fuhr mit mehreren Leuten, mit Pferden und Wagen. Unter anderem war noch ein Findelkind dabei, ein Mädchen, das mein Onkel in einem Bahnwaggon in einem Kinderwagen gefunden hatte, mutterseelenallein. Wir nannten sie Bärbelchen. Ihre Eltern haben sie nach dem Krieg über das Rote Kreuz wiedergefunden.

Wir wollten über Wollin Richtung Berlin. Doch wir gerieten in eine Panzerschlacht und mussten zu Fuß umkehren, den Wagen zurücklassen. Danach hatten wir keine Wohnung und nichts mehr. Schließlich kamen wir in einem Gehöft unter, in dem Polen eine Maschinengewehrstation betrieben. Die Polen haben uns eine Weile vor den Russen schützen können. Nicht auf der Flucht allerdings.

Die Flucht war für die Frauen fürchterlich

Was die Flucht für die Frauen bedeutete, ist kaum zu beschreiben. Viele versuchten, möglichst unansehnlich auszusehen. Trotzdem passierte es immer wieder, dass russische Soldaten eine von ihnen in Scheune zerrten und über sie herfielen. Wer nicht mitging, riskierte, erschossen zu werden. Es gab einen polnischen Offizier, der hinter mir her war. Meine Tante hatte Angst und meinte, ich solle lieber mit ihm gehen. Aber ich konnte es nicht. Im letzten Moment opferte sich eine andere Frau, Emmi, an meiner Stelle. Es gab viele solcher Situationen.

Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und beschloss, allein nach Berlin zu laufen. Es war schwierig, und das alles zu erzählen, wäre eine andere Geschichte. Ende Mai 1945 kam ich endlich zurück nach Berlin. Ich genoss das letzte Stück Fußweg durch die Stadt. Endlich musste nicht mehr fürchten, dass ein Mann irgendwo auftauchte und rief: „Frau, komm!”

Ich war 22, aber die erste Nacht nach der Flucht habe ich bei meinen Eltern im Bett verbracht. Und habe ihnen alles erzählt. Die ganze Zeit in Pommern. Wahrscheinlich habe ich sie damit sehr belastet. Ich habe erst viel später begriffen, wie wichtig es für mich war, dass sie in der Lage waren, mit mir darüber zu sprechen. Später habe ich eigentlich nie wieder darüber geredet. Selbst meinem Mann habe ich nichts erzählt.

Sobald ich wieder im Schuldienst war, ließ ich mich vom Amtsarzt untersuchen. Ich bekam Tabletten gegen Gonorrhoe, sonst war alles in Ordnung. Ein Kind aus einer Vergewaltigung - das ist vielen Frauen passiert. Ich wusste damals schon, ich hätte es abtreiben lassen. Es war zwar verboten, aber es gab einen Frauenarzt, der das machte. Über ein Recht auf Abtreibung wurde damals nicht ausdrücklich gesprochen. Ich fand es aber immer richtig, dass man es erlaubt.

Biologieunterricht in der Jungenklasse

Ich war natürlich auch gehemmt, über diese Dinge zu sprechen, das war in meiner Generation eben so. Aber als Lehrerin sah ich, dass vielfach die Aufklärung fehlte, bis heute. Im Biologieunterricht habe ich deshalb auch über den menschlichen Körper gesprochen. Als ich das Thema Anfang der 50er-Jahre einer großen Klasse mit Jungs ankündigte, war das für sie ein Ereignis.

Ich bin erst mit 35 das erste Mal schwanger geworden. Vielleicht ist das auch typisch für meine Generation. So viele junge Männer sind ja aus dem Krieg nicht wiedergekommen, und wenn, waren sie andere Menschen. Viele meiner Klassenkameradinnen sind unverheiratet geblieben. Oder sie hatten Männer, die wesentlich älter oder viel jünger waren.

Heinz war auch im Schuldienst. Wir kannten uns schon zehn Jahre, als wir zusammenkamen. Er hatte mich bei einem Tanzvergnügen aufgefordert. Wir tanzten bis zum Schluss, er brachte mich nach Hause. So hat es angefangen. Er war drei Jahre jünger als ich.

Meine Tochter Bettina ist 1959 geboren, mein Sohn Matthias 1961, die anderen Mütter waren alle zehn Jahre jünger als ich. Mein Mann und ich wohnten damals beide noch jeweils bei unseren Eltern, er zog sogar erst noch mit zu uns. Ich war froh, als wir ein Reihenhaus in Buckow zur Miete fanden. 1968 habe ich den Führerschein gemacht, mit 46. Eine Erlaubnis meines Mannes brauchte ich dafür übrigens nicht – ich wusste gar nicht, dass man das überhaupt je brauchte.

Einsamkeit ist auch ein Frauenproblem

Nach der Geburt meines ersten Kindes habe ich nach sechs Wochen wieder gearbeitet. Elternzeit gab es ja damals nicht. Als ich mit dem zweiten Kind schwanger wurde, fragten wir uns: „Wollen wir Zeit miteinander haben? Oder Geld?“ Mein Mann hatte im Krieg eine unbehandelte Gelbsucht gehabt, es ging ihm deswegen oft schlecht, und ich blieb dann zuhause. Bei aller Bejahung der weiblichen Emanzipation, für die ich ja immer war, finde ich das bis heute richtig.

Es geht viel verloren, wenn man Kinder in den ersten Jahren nicht bei sich hat. Ich finde es gut, wenn die Gesellschaft es ermöglicht, dass Mütter und Väter sich die Aufgaben teilen. Aber bei der Spagat zwischen Beruf und Familie wird wohl immer schwierig bleiben.

Mein Mann starb mit 54. Mein Sohn war gerade 18, meine Tochter studierte schon. Das war 1979. Seit etwa 30 Jahren bin ich allein. Die meisten meiner Freunde und Bekannten leben nicht mehr. Mein Enkel ist Vikar, ihm habe ich gesagt: Wenn du mit alten Menschen sprichst, höre nicht nur hin, höre zu. Und frage auch mal nach. Es gibt einfach viele alte Menschen, die niemanden mehr haben. Gerade Frauen betrifft das, denn sie werden statistisch gesehen älter als Männer - das ist übrigens auch ein wichtiges gesellschaftliches Thema.“

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