Als sie geboren wurde, war die Weimarer Republik keine vier Jahre alt, ebenso das Wahlrecht für Frauen. Was hat sich geändert? Ruth M. (96) wuchs am Hermannplatz auf, musste unter den Nazis als Hausmädchen arbeiten, war Lehrerin an einer Jungenschule. Uns hat sie ihr Leben erzählt:

„Geboren bin ich am 12. August 1922 in einer Klinik an der Müllenhoffstraße in Kreuzberg. Es war die Zeit der Wirtschaftskrise. Ich denke, in vielem waren wir eine typische Berliner Familie. In meinen ersten zehn Lebensjahren wohnten wir direkt am Hermannplatz alle in einem Zimmer - meine Eltern, ich und die ersten fünf Jahre auch meine Großmutter, bis sie starb. Eine halbe Treppe höher gab es eine Toilette für die ganze Etage, gewaschen hat man sich in der Küche an einem Waschständer mit einer Schüssel. Die Verhältnisse kann man sich etwa so vorstellen, wie es im Film „Babylon Berlin“ gezeigt wird.

Aufgezeichnet von Uta Keseling