Wer in solchen Konstellationen lebt, gewinnt Intensität und verliert Klarheit, so könnte ein Schlusssatz der heutigen Kolumne lauten. Oder: Vielleicht ist die zweite Liebe nicht das eigentliche Problem. Vielleicht ist es die erste Lüge. Eine weitere Alternative aber wäre: Vielleicht ist das Tragische nicht, dass er der Geliebte ist. Sondern, dass er nie etwas anderes sein durfte. Suchen Sie sich später „Ihr“ Ende aus.
Habe ich Sie neugierig gemacht, dann geht’s weiter. Winfried ist nun Anfang 70, ist ledig und wohnt allein in einer großzügigen Zweizimmerwohnung in Reinickendorf. Bis vor wenigen Jahren arbeitete er als Buchhändler, durchgängig im selben Geschäft, und er ist einverstanden, heute der Mittelpunkt dieser Kolumne zu sein. Eine mögliche Überschrift dafür schlägt er mir gleich am Anfang unseres Treffens vor: „Leben in der zweiten Reihe“ – über Nähe ohne Öffentlichkeit und den Preis der Heimlichkeit. Und sonst bittet er lediglich, Kleinigkeiten zu verändern. Erkannt werden möchte hier niemand.
Vor fast genau 35 Jahren betrat Claudia die Buchhandlung, in der er arbeitete. „Ich erinnere mich genau, sie kaufte ein Buch von Gabriel García Márquez.“ Beide plauderten. Sie kam wieder und wieder, kaufte mehrere Bücher, und dann ging es sehr schnell mit den beiden. Claudia, einige Jahre jünger als Winfried, war und ist noch Ärztin. Sie war da bereits verheiratet, Mutter einer Tochter, zwei weitere Kinder wurden im Laufe der Ehe noch geboren. Vielleicht dachte man am Anfang noch an ein Zusammenleben, „das verwischte zunehmend, schließlich haben wir es vergessen.“ Winfried wurde Geliebter. Er pochte nie darauf, mehr zu sein. So ist es nun seit Jahrzehnten.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
In Umfragen geben ungefähr 20 bis 30 Prozent der Menschen an, schon einmal in einer Beziehung oder Ehe fremdgegangen zu sein. Wie viele über Jahrzehnte mit demselben Geliebten leben, dazu habe ich nichts gefunden. Wilfried aber zitiert Erich Fried: Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Oft kam Winfried sich in den Jahren durchaus wichtig vor, „in Momenten sogar erkannt“. Er war aber nie sichtbar, sagt er. „Es gibt fast keine gemeinsamen Fotos von uns.“ Wem sollte Winfried sie auch zeigen? Es blieb eine versteckte Beziehung. Die Erotik war und ist verbindend, bleibt so vielleicht auch länger lebendig, weil sie nicht im Alltag und der Routine erstickt. Heimlichkeit konserviert Begehren. Verbotenes rostet langsamer.
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Stets aber führte Winfried ein Leben neben dem des anderen, hatte keinen Anspruch auf Feier- oder Geburtstage, keine Selbstverständlichkeiten bei Krisen, selbst den Alltag durfte er kaum teilen. „Man lebt in Lücken, Liebe als Zwischenraum.“ Claudia ist da, wenn Zeit übrig ist, und verschwindet, wenn Zeit gebraucht wird.
Heimlichkeit ist tägliche, gängige Praxis
Und so ist Heimlichkeit kein Zustand, sondern tägliche, gängige Praxis. Claudia lernte, leise zu telefonieren, Nachrichten zu löschen, Ausreden und Alibis zu erfinden. Je routinierter man in der Lüge wird, desto normaler fühlt sich diese an.
Die Gesellschaft verurteilt Untreue im Regelfall. Oder mal ehrlich, wie geht es Ihnen mit der heutigen Geschichte? Wir blenden dabei aber aus, dass es längst eine stillschweigend geduldete Lebensform gibt: die zweite Beziehung im Schatten der ersten. Wir wissen, sie existiert, auch in unserem Freundes- oder Bekanntenkreis, der Familie. Und tun so, als sei das ein bedauerlicher Ausnahmefall. Dabei leben doch aber erstaunlich viele Menschen in diesem Dazwischen.
„Urlaub möchte ich sehr gern mal mit Claudia machen, nicht drei Tage, gern mehrere Wochen. Ihre Kinder möchte ich kennenlernen, selbst ihren Mann, er gehört doch zu ihr. Bin ich mal krank, wär’s schön, von ihr gepflegt zu werden. Braucht sie Hilfe, würde ich ihr gern die Hände halten.“ Winfried träumt, hat viele Wünsche. „Manchmal ist es vermutlich die Illusion von Intensität, oft spielt Bequemlichkeit eine Rolle, häufig ist Hoffnung dabei.“ Selbst nach 35 Jahren! „Und oft weiß ich eben, ich liebe sie wie am ersten Tag.“
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