„Solch amputierten Vollidioten sollen die Pfoten abfaulen, möglichst langsam und schmerzhaft.“ – „Dreckspack, anders kann man die Täter nicht bezeichnen.“ – „Unglaublich hirn- und herzlos.“ Das sind drei Meinungen in den sozialen Medien, in dieser Art gab es sehr viele. Am frühen Morgen des 28. Dezembers ist ein Kältebus der Berliner Stadtmission angezündet worden. Ein Zeuge beobachtete kurz zuvor einen Unbekannten in der Nähe der geparkten Busse, wie die Polizei später mitteilte. Kurz danach sei eines der Fahrzeuge in Flammen aufgegangen, ein zweiter Bus wurde stark beschädigt.

Die Kältebusse bringen doch hilflose, obdachlose Menschen in warme und geeignete Unterkünfte, versorgen mit heißen Getränken oder wärmenden und schützenden Schlafsäcken. Und gefühlt jede Tageszeitung berichtete über den Vorfall, bei etlichen Fernsehsendern fand die Nachricht Einzug in die Hauptnachrichten.

Auch interessant

Deutschland war empört und gut so, Deutschland half. Sie haben‘s bestimmt gelesen. Vermutlich auch, dass sich ein ähnlicher Brandanschlag wenige Tage später wiederholte, dieses Mal am Tag und der vermeintliche Täter konnte gestellt und verhaftet werden.

Obdachlosigkeit und Gewalt: Täter oft selbst hilfsbedürftig

Politisch motivierte Täter, gar der Kampf gegen Christen, unergründlich tiefer Hass gegen Menschen, was wurde nicht alles spekuliert. Und sicher machten die Vorfälle meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen viel Kummer und zusätzliche Arbeit. Sehr viele Menschen, Firmen, Netzwerke halfen aber sofort, die Deutsche Bahn Stiftung spendete 70.000 Euro für einen neuen Bus, die Arbeit ging ohne Einschränkungen weiter.

„Straftaten gegen Obdachlose sind manchmal furchtbar und die Empörung ist dann riesig. War der Täter aber psychisch krank, allein, selbst obdachlos, ohne Hilfen, kratzt das niemanden“, sagte mir Lars dazu, 32 Jahre alt und selbst seit sechs Jahren obdachlos. Lars lag da einfach richtig, der vermeintliche Täter kommt aus Ungarn, ist in Deutschland ohne festen Wohnsitz.

Auch andere überrascht das nicht. Taten gegenüber Obdachlosen, Übergriffe, werden oft von Obdachlosen selbst verübt. Und ich möchte jetzt keine neue Schublade aufmachen oder in dasselbe Horn wie andere blasen, sie sind keine „Untiere“. Die Lebensumstände sind feindlich und widrig, Alkohol und andere Süchte setzen den Menschen erheblich zu. Der Täter hatte laut den Berichten um 14.30 Uhr einen Alkoholgehalt von 1,6 Promille im Blut. Ein großer Teil der Betroffenen ist schlicht psychisch erkrankt, manchmal sogar sehr. Die Kombination aber macht es manchmal fast unerklärlich. Oft ist Leben kompliziert.

Ungarn verbietet Obdachlosen das Übernachten im öffentlichen Raum

Einige Anmerkungen zu Ungarn aber, mir liegen sie auf der Seele: Es ist dort seit 2018 so, dass das Übernachten beziehungsweise der längere Aufenthalt in öffentlichem Raum für Obdachlose verboten ist und straf- bzw. ordnungswidrig verfolgt werden kann, wenn die Betroffenen sich nicht an behördliche Anweisungen halten. Menschenrechtsorganisationen (UN-Expertengruppen, Amnesty International) halten diese Regelung für eine krasse Verletzung der Menschenwürde und sozialer Rechte. Und wenn ich mir nun vorstelle, ich würde in Ungarn leben, wäre obdachlos, alkoholerkrankt, wäre verwirrt und meine Psyche würde mir üble Streiche spielen, ich würde mich aufmachen und mein Heimatland verlassen. Was viele auch tun, weil die soziale, medizinische und psychische Versorgung in ihren Heimatländern oft nur ein Flickenteppich sind.

Tuncay fällt mir ein. Er war bereits als Kind psychisch erkrankt und seine Eltern schickten ihn aus dem Iran zur Schwester nach Berlin. Weil Behandlungen hier besser sein sollten. Waren sie aber nicht und sein halbes Leben war eine Odyssee. Immer blieb er „Fremdkörper“, wie er es selbst nannte.

Als junger Mann hatte Tuncay in einer Bücherei eine Zeitung angezündet, der Brand wurde sofort gelöscht, es entstand kein Schaden. Tuncay wurde nun für Jahre im Maßregelvollzug untergebracht, lebt seit 20 Jahren mit erheblichen Auflagen und starker medikamentöser Einstellung in einer Einrichtung des betreuten Wohnens. Oft reagieren wir als Gesellschaft leider zu spät.

Obdachlose sind keine „Untiere“. Die Lebensumstände sind feindlich und widrig.

Dieter Puhl, Kolumnist

Kolumne Nachtgestalten: Lesen Sie hier mehr Artikel von Dieter Puhl