Manchmal sind Obdachlose weise. Ich meine damit nicht alle obdachlosen Menschen, ihre Gaben sind oft verteilt wie beim Rest der Bevölkerung: Es gibt schlaue und dumme Menschen, gebildete und ungebildete, sehr freundliche Zeitgenossen, aber auch die, die man lieber gehen als kommen sieht.
Sind sie älter und leben sie bereits sehr lange auf der Straße, trinken nur gelegentlich Alkohol, sind nicht abhängig, so hat das Leben oft etwas mit ihnen gemacht. Den Überlebenskampf unter äußerst widrigen Umständen haben sie gewonnen. Vorerst. Das hat dann nicht zwangsläufig etwas mit Bildung zu tun – man lernt es auch auf keiner Schule und keine Universität vermittelt es. Gelassenheit, Sanftmut, eine sehr eigene Lebenserfahrung, manchmal sogar Güte gehören dazu.
Das alles trifft auf Karl zu; er ist nun 69 Jahre alt, seit 14 Jahren ist er obdachlos. Seit zwölf Jahren lebt er in Berlin. Wie so oft war es in der Bahnhofsmission Zoo, wir kennen uns seit einigen Jahren, sind bereits lange beim Du. Ich arbeite dort aber schon länger nicht mehr und ein eigenes Büro mit Sprechzeiten habe ich als Rentner auch nicht mehr. Deshalb machen wir gelegentlich einen Spaziergang um den Lietzensee. Danach landen wir meist auf ein Heißgetränk in einem benachbarten Café. Bei Karl sind das dann meist mehrere Tassen – Kaffee ist sein einziges Laster. Hat er Geld und Möglichkeiten, werden es gern 15 bis 20 Tassen am Tag. Alkohol trinkt er selten, hat nichts mit Drogen am Hut, Zigaretten sind ihm fremd.
„Sehr viele unterstützen die Einrichtungen regelmäßig“
„Du schreibst doch die Kolumne in der Morgenpost, da möchte ich dich bitte als Sprachrohr benutzen.“ Nur zu, ich war gespannt „Ich möchte nicht sofort als Obdachloser erkannt werden, deshalb lege ich Wert auf mein Äußeres. Ich bettle auch nicht, da würde ich mich schämen; jeden Tag sammle ich Flaschen und zusammen mit meiner kleinen Rente reicht das.“ Essen und Bekleidung erhält Karl in Einrichtungen, Notübernachtungen sucht er sehr selten auf. „Bei minus zehn Grad aber friert dir sonst der Hintern ab.“ Und um die Einrichtungen für Obdachlose geht es ihm.
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Jetzt kam er sozusagen auf den Punkt. „Ich möchte mich bei allen bedanken! Gerade jetzt in der Weihnachtszeit. Sehr viele unterstützen die Einrichtungen regelmäßig, die Regale sind voll. Uns Obdachlosen geht’s doch eigentlich prima. Gutes Essen ist da, sehr liebevolle Menschen kümmern sich um uns, oft sogar ehrenamtlich, es gibt Advents- und Weihnachtsfeiern, Konzerte, Bastelstunden, Gottesdienste, Freikarten für Sportveranstaltungen, fürs Kino und auch fürs Theater. Und selbst Schlafsäcke sind da, damit wir nicht erfrieren.“ Karl wirkte sehr überlegt in seiner Aufzählung, ich merkte, er wollte nichts vergessen.
„Und nichts davon ist selbstverständlich, alles ist berührend und oft steckt einfach Nächstenliebe dahinter, das merkt man. Die wärmt auch, und auch dafür möchte ich mich bedanken.“ Um dann nach kurzer Pause sogar noch ernster zu werden. Tränen standen in seinen Augen: „Ich möchte mich entschuldigen. Ich mache Menschen nicht nur Arbeit, ich mache ihnen auch Sorgen. Viele beten doch sogar für mich.“
Kommen Sie behütet ins neue Jahr 2026 – ich freue mich auf Sie
Jetzt aber brauchte ich eine Pause, der Kloß im Hals drückte. Nicht mir, wohl eher sich selbst gab Karl ein Versprechen ab, murmelte: „Im nächsten Jahr suche ich mir eine Wohnung. Auch da gibt’s Unterstützung.“ Denn auf der Straße sterben möchte er nicht. „Ein warmes Bett und eine Heizung locken schon.“ Eine Bitte am Ende aber hatte Karl doch noch: „Wünsche allen gesegnete und frohe Weihnachten. Und vergesst uns bitte auch im neuen Jahr nicht.“
So – dem Auftrag bin ich sehr gerne nachgekommen. Ich sehe Karl vermutlich wieder und werde berichten, was aus seinem persönlichen Vorsatz für 2026 geworden ist. Seinen guten Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest schließe ich mich gerne an. Kommen Sie behütet ins neue Jahr 2026 – ich freue mich auf Sie.




