Das mit Jesus ist beiden wichtig. „Bitte schreib das gleich an den Anfang. Er gab mir Hoffnung und ich wusste, er sorgt für mich.“ Sagt Claudia, 49 Jahre alt. Mit ihrem Ehemann Gunter sitzen wir zu dritt beim Griechen in Wilmersdorf. Gunter ist acht Jahre älter, für beide ist es ein besonderer Tag, heute sind sie seit 15 Jahren verheiratet. „Auch ich hätte das ohne meinen Glauben nie geschafft, er gab mir Halt, als alles über Jahre furchtbar war“, sagt er.
Die Vorspeisenplatte für drei Personen ist bestellt, die Getränke stehen auf dem Tisch, wir verzichten alle gerne auf Alkohol, Gunter hatte Probleme damit, war früher abhängig, lebt seit Jahren aber abstinent. Ich kenne beide seit langem. Während wir auf das Essen warten, helfen sie mir auf die Sprünge, vieles hatte ich vergessen.
Den Ort, an dem sie sich kennenlernten, werden beide nicht vergessen: ein Keller. Zweckmäßig eingerichtet, Bänke und Stehtische, ein Tresen für die Essensausgabe, überfüllt war es. Und warum soll man drumherumreden, es hat nicht gerochen, sondern gestunken. Wunden, Eiter, Urin, Menschen schwitzten Alkohol. In der Notübernachtung der Berliner Stadtmission nahe dem Hauptbahnhof ist es nicht gemütlich. Wie auch, wenn der Raum für einige Menschen ausgelegt ist, aber doppelt so viele kommen. Das ist keine Kritik. Obdachlose sollen nicht erfrieren, also wird hier niemand abgewiesen. Es fehlen einfach genügend Plätze, die im Winter Schutz bieten. „Ein ungewöhnlicher Ort für den Start einer Liebesbeziehung“, Claudia lacht. „Es dauerte dann auch drei Winter, hat aber dennoch geklappt.“
Auch interessant
Beide spürten ihre Einsamkeit täglich
Claudia ist redselig, trägt ihr Herz auf der Zunge, Gunter ist mehr in sich gekehrt. Sie ist Bankangestellte, ist in ihrem Beruf erfolgreich, leitet eine Filiale in Mitte. Und arbeitete damals ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe. „Man muss doch etwas gegen das ganze Elend tun.“ Gunter arbeitete immer mit den Händen, war und ist nun wieder Tischler. Zwischendrin war er fünf Jahre obdachlos, war alkoholkrank. „Was ich in einer Woche trank, konsumieren andere nicht in einem Jahr.“ Diese Abhängigkeit war auch die Ursache für den Verlust der Arbeit und schließlich der Wohnung.
Auch interessant
Beide waren sie eigentlich immer allein und spürten ihre Einsamkeit auch täglich. „Ein karges Leben“, betonen beide. „Den ersten Winter umkreisten wir uns vorsichtig in der Notübernachtung“, erinnert sich Claudia. Im zweiten Winter lernten sie sich besser kennen, saßen oft an einem der langen Tische zusammen, plauderten über Rilke, Kochrezepte, Politik und das Leben. „Ich fand Claudia sehr nett, gebildet, auch richtig hübsch, sie war aber eine Frau von einem fremden Planeten, unerreichbar“, sagt Gunter. „Wer hat schon Lust auf einen Penner?“ Der Abschied am Ende der Kältehilfesaison im Frühjahr fiel beiden schwer. Das erste Mal etwas, nach dem zweiten Winter schon sehr.
Der Kellner unterbricht, bringt die Hauptgerichte. „Ich habe dann den ganzen Sommer an Gunter gedacht, habe mir Sorgen um ihn gemacht“, sagt Claudia. Gunter versagte sich, zu sehr an sie zu denken. „Es war eine Seifenblase, ich hatte Angst, sie könnte zerplatzen.“
Auch interessant
Was war aus Gunter geworden, lebte er überhaupt noch?
Nach einem langen Sommer öffnete die Notübernachtung endlich wieder. Natürlich hatte sich Claudia für die Schicht am ersten Abend eingetragen, war schon Tage vorher aufgeregt. Was war aus Gunter geworden, lebte er überhaupt noch, war er weggezogen, nach Stuttgart vielleicht, er hatte oft davon gesprochen?
„Ich habe gebetet und besonders hübsch angezogen habe ich mich auch“, wieder lacht Claudia, laut, entspannt und sie sieht sehr glücklich dabei aus.
Gunter hatte keinen guten Sommer hinter sich. Die Lebensumstände und der Alkohol hatten ihm arg zugesetzt und es ging ihm schlecht. „Ich sah nicht hübsch aus, eher furchtbar.“
Wie es weiterging? Sie müssen sich bitte gedulden. Soviel Leben bekomme ich nicht in eine Kolumne hinein. Der 15. Hochzeitstag deutet auf ein gutes Ende, vorher aber gab es eine Menge Schwierigkeiten. Ich würde mich freuen, wenn wir uns in einer Woche hier wiedertreffen. Machen Sie's bis dahin gut!






