Gut 10,6 Millionen Menschen zwischen 16 und 65 Jahren in Deutschland haben geringe Lese- und Schreibfähigkeiten. Dieser Anteil stagniert bei 20 Prozent. Ich las die Nachricht am vergangenen Dienstag, die Universität Hamburg hat die Zahlen erhoben.

Mein Vater fiel mir ein, 1921 in Posen geboren. Er besuchte vier Jahre die Volksschule, die Landwirtschaft der Eltern ging damals vor, er war der älteste Sohn, musste helfen. So konnte er im späteren Leben Bäume veredeln, das Feld bestellen, kannte sich gut in der Viehzucht aus. Seine Fähigkeit zu lesen reichte für die tägliche Lektüre der Bildzeitung aus. Daneben las er nur gelegentlich in der Bibel. Beim Schreiben aber musste meine Mutter aushelfen, später dann meine Schwester und ich.

Jürgen kam mir in den Sinn, er konnte beides gar nicht, meisterte sein Leben aber auch. Lange Jahre arbeitete er fleißig im Lager einer Berliner Spedition. Bis er im Clinch mit dem Finanzamt war, keine große Sache eigentlich, er konnte nur nicht verstehen, was sie wollten. Konnte deshalb nicht angemessen reagieren, alles ging schief, sein Konto wurde gepfändet, die Miete nicht mehr überwiesen. Kurz: Er wurde geräumt, war von heute auf morgen obdachlos. Die Geschichte ging fast wundersam gut aus. Ich erzählte sie hier bereits.

Es war ein kurzes Zucken in seinem Gesicht, eine kleine Irritation

Um 2010 muss es gewesen sein, in der Bahnhofsmission Zoo, die ich zehn Jahre lang geleitet habe. Um die 600 Gäste wurden hier täglich versorgt, rund um die Uhr, wir waren da sehr stolz, 365 Tage und Nächte im Jahr. Immer! Frühstück, Mittag- und Abendessen, wenig Früchtetee und sehr viel Kaffee, die Ausgabe von Bekleidung, auch die von Schlafsäcken, die vermutlich manch Leben retteten, ein Pflaster für kleine Wunden, manchmal eines für die Seele, Freizeitangebote und Feste, später ein Hygienecenter mit Toiletten und Duschen, es fehlt der Platz, um alle Angebote aufzuzählen.

Obdachlosigkeit wollten wir auch schon damals überwinden, nicht die gesamte, aber bei einzelnen Menschen. Beratungsgespräche und konkrete Vermittlungen gehörten also auch dazu. Und gar nicht so selten beherbergten wir damals auch Menschen in unserer Einrichtung, illegal, denn konzeptionell war dies gar nicht vorgesehen. Wenn sie vor der Tür standen und zu sterben drohten. Wenn es keinen offiziellen Plan A gab, dann wählten doch lieber den inoffiziellen Plan B.

Thomas war sein Name, sein Gesicht sehe ich noch vor mir. 45 Jahre war er alt, einige Details verschwinden selbst nach Jahren nicht. Er war bereits lange Gast der Bahnhofsmission, kam immer zum Mittagessen. Freundlich war er, eher unauffällig und endlich war Zeit für ein Bewerbungsgespräch. Der niedrige Personalschlüssel damals ließ diese eher selten zu. Das Gespräch war gut und es taten sich Perspektiven auf. Ich schrieb einen kurzen „Laufzettel“, zeigte Thomas mögliche Wege auf. Beim Verabschieden aber stimmte etwas nicht. Es war ein kurzes Zucken in seinem Gesicht, eine kleine Irritation. Ich bat ihn, sich erneut zu setzen.

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Anschriften und selbst der U-Bahn-Plan waren vermeintlich unüberwindbare Hindernisse

Der Rest war einfach. Thomas konnte meinen Zettel mit allen Anschriften gar nicht lesen, selbst den Plan der U-Bahn nicht. Das waren vermeintlich unüberwindbare Hindernisse für ihn. Ich rief einen Kollegen in einem Wohnprojekt an, Klaus war oft erfrischend undogmatisch. Das Taxi für Thomas beglichen wir, Klaus erwartete ihn vor der Haustür des Projektes. Und damit nichts weiter schiefgehen konnte, nahm er ihn am selben Tag auf. Wenn man denn weiß, um was es geht, ist alles einfacher.

Klaus sorgte für Begleitungen. Dass Thomas sich zuvor über Jahre schämte, sich als Analphabet zu outen, Schwamm drüber, Scham kennen wir alle. Aber um Obdachlosigkeit zu überwinden, braucht es oftmals mehr als Wohnungen.

„Kairos“ von Jenny Erpenbeck ist ein Roman, der mich gerade sehr gefangen nimmt. Ich teile mir das Lesen ein, damit dies Spannung, die Lektüre, dieses Geschenk lange anhält. Den Plan der U-Bahn lesen zu können, die Gebrauchsanleitung meines Handys, das ist existenziell. Und auf das Lesen der Berliner Morgenpost möchte ich auch nicht verzichten. Wie es alles ohne all das wäre, ich möchte es mir gar nicht vorstellen.

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