In der Mitte war der Grill. Gegrilltes Lachskotelett, Scampi am Spieß, eine verdammt leckere Fischsuppe, Austern – es gab viele Köstlichkeiten, die das Herz höher schlagen ließen. „Mittagstisch für vermögende Senioren und einige Geschäftsleute, die sich das leisten konnten“, dachte ich wohl zwei Jahrzehnte lang. Dazu ein trockener Weißwein, manchmal auch zwei oder drei – das Leben ist kurz und wollte genossen werden. Man kannte sich, plauderte.

Einige kamen (fast) jeden Tag. Arbeiten musste hier niemand, dachte ich oft, sah man von den fleißigen Menschen hinterm Tresen ab. Am Rand, mit etwas Abstand, standen die Stehtische: Backfisch mit selbst gemachtem Kartoffelsalat, Fischbuletten, Kassler mit Bratkartoffeln – ein anderes Publikum. Essen für‘s kleine Geld. Da waren Handwerker, die schnell zu Mittag essen wollten, Menschen, die ihre Einkäufe in der Wilmersdorfer Straße zu erledigen hatten, etliche, die schlicht Hunger hatten. Die Zweiklassengesellschaft funktionierte (eine dritte diniert im KaDeWe) prima. Bye, bye Rogacki – fast einhundert Jahre kamen Menschen hier gut auf ihre Kosten.

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Und irgendwie war Rogacki wie die Knef, oder auch wie Juhnke – auch die wurden geliebt. Knef und Juhnke sind schon lange tot. Tschau, West-Berlin. Hatte es mit der Pandemie und deren Auswirkungen zu tun, oder fehlten am Ende auch Lust und Kraft? Dass sich hier jemand gegen den langsamen Niedergang stemmte – zumindest ich habe das nicht wahrgenommen. Sehr viele aber sind nun traurig.

Eine Beerdigung ohne Feier

„Für mich war es ein jährliches Ritual, den ersten jungen Matjes im Stück und den selbst filetiert. Das traditionelle Muschelessen mit Freunden und Familie ist ohne die frischen Muscheln aus dem Jutesack auch nicht mehr vorstellbar. In Zukunft werde ich froh sein, wenn ich eine ähnliche Qualität irgendwoher bekomme. Fabrikmäßig filetierte Matjes und vakuumverpackte Muscheln sind dann wohl die traurige Alternative“, schrieb mir mein Freund Manfred dazu. Eine Beerdigung ohne Feier: Der Abschied von Kindheitserinnerungen. Auch aktuelle Fragen: Wo kaufe ich die Weihnachtsgans, wo den Karpfen zu Silvester?

Leisten konnte ich mir vieles übrigens nicht, das nahm in den letzten Jahren sogar zu. Aber für 100 Gramm davon oder eine Fischsuppe im Imbiss reichte es: Häckerle statt Schillerlocken und vom Heilbutt gab‘s ja auch die Enden. In den letzten Jahren wurde es leerer und viele Vitrinen wurden es auch, das Angebot wurde deutlich dünner. Bis auf die Feiertage musste niemand mehr anstehen.

„Drei Schillerlocken, bitte“, bestellte die alte Dame vor mir, ihre Garderobe hatte schon bessere Zeiten erlebt. „Macht 27 Euro“, entgegnete die Verkäuferin. „Oh, dann nehme ich doch nur eine.“ Scham hatte ein Gesicht.

Ein paar Bio-Produkte fehlten mir einfach

Rechte Ahnung habe ich nicht von dem Metier, aber immer die, dass man das hätte längst anders machen müssen. Vermutlich kann man das „verjüngen“, andere Produkte hätten vielleicht andere Menschen angezogen, und auch eine Renovierung wäre nicht schlecht gewesen. Ein paar Bio-Produkte fehlten mir einfach – das war doch schon Verweigerung. Andere hätten sich über einen kleinen Sushi-Stand gefreut, über gelegentliche Sonderangebote wohl alle.

Einige Damen im Verkauf hatten übrigens Haare auf den Zähnen – nicht alle, ich lernte, mich durchzusetzen. Auch das gehört dazu. Die „Jungs vom Grill“ dagegen waren immer fair, verbreiteten tapfer Optimismus und schenkten den Wein großzügig und freundlich nach. Da stand ich seit einigen Jahren nun manchmal auch, traute mich einfach. Gut war‘s, eben auch der zweite Weißwein.

„Das schmeckt ja wie Ostseewasser mit Pipi.“ Sehr gerne erinnere ich mich an die Reaktion meiner damals vierjährigen Tochter Lavinia. Das war vor über 30 Jahren ihre erste Auster im Leben dort. Andere folgten in den Jahren danach dennoch.
Eine Abschiedsparty hätte ich mir gewünscht; es wäre voll geworden. Auf eine Eröffnungsfeier mit neuem Konzept hoffe ich.
Ich möchte mich bei allen, die dort arbeiteten, bedanken. Eigentlich hätte es für euch zum Abschied rote Rosen regnen sollen.

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