Die Welt ist bekanntlich zweigeteilt: In Berlin-Fans und Berlin-Gegner. Die Einen können nicht genug bekommen von der Lockerheit, der Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit der Stadt. Berlin ist international und tolerant. Für jeden Lebensentwurf gibt es irgendwo ein Biotop, in dem er gepflegt werden kann. Die Stadt wandelt sich ständig, sie ist nicht zu fassen. Geschichte winkt aus jeder Ecke. Berlin verströmt die Lust, sich in allen diesen Facetten zurechtzufinden, wohlzufühlen, sich selbst zu verwirklichen und darin zu verlieren. Es gehört auch ein wenig Anarchie dazu, sich in der unregierbaren Stadt zu behaupten.
Die Anderen sehen in Berlin eine Ansammlung von Dilettanten, eine Stadt, in der nichts funktioniert und Chaos herrscht. Die Einwohner feiern auf Kosten der anderswo fleißig Arbeitenden Partys und faulenzen. Die Bürgerämter! Der Flughafen! Pleite-Stadt! Die Einwohner seien vorlaut, übellaunig und schlecht angezogen, heißt es. Für sie ist Berlin ein einziger Gräuel.
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„Eines unserer Hauptverdienste ist, dass wir Berlin bewohnen“, schrieb der legendäre Berliner Journalist und Schriftsteller Paul Schlesinger bereits 1921 dazu. „Das ist sozusagen eine Last, die wir für die ganze Nation auf uns genommen haben“, erkannte Schlesinger weiter. „Anstatt uns dafür auf den Knien zu danken, sagt man uns ins Gesicht, Berlin sei scheußlich, und wir seien daran schuld.“
Berliner Charme und Widersprüche
Das stimmt. Die Einheimischen würden es allerdings etwas anders formulieren. „Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist abstoßend, laut, dreckig und grau, Baustellen und verstopfte Straßen, wo man geht und steht – aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können“, schrieb die Berlin-Chronistin Anneliese Bödecker einmal.
Keine andere Stadt polarisiert so stark, steht im Fokus der Aufmerksamkeit einer ganzen Nation – und zwar seit mindestens 250 Jahren. Die Kritiker übersehen meist, dass sie mit ihrem Furor gegen die Hauptstadt deren einzigartige Bedeutung geradezu unterstreichen. Niemand würde sich herausnehmen, sich derart in die Angelegenheiten einer anderen Stadt einzumischen und daran herumzumäkeln.
Berlinerinnen und Berliner haben gelernt, mit solchen Anfeindungen umzugehen und registrieren sie nur noch schulterzuckend. Erneut Schlesinger: „Der Berliner aber ist bis zu dem Grade wahrheitsliebend, dass er ebenfalls behauptet, Berlin sei scheußlich. Jeder Einwohner von Neustadt an der Knatter oder ähnlichen Metropolen ist überzeugter von den Schönheiten seiner Heimat als der Berliner von den Vorzügen seiner Vaterstadt. Deshalb wurde auch nichts aus Neustadt, wohingegen Berlin – ich würde es loben, wenn ich nicht Berliner wäre.“
Berliner als Lastenträger der Nation
Schlesinger verweist hier elegant auf einen weiteren Vorzug der Stadt. Bescheidenheit ist eine allgemein unterschätzte Tugend der Einheimischen. Wir gönnen anderen Städten ihre schönen Fassaden und wohl gepflegten Vorgärten. Tauschen möchten wir nicht.
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Genau genommen richtet sich die Kritik ja gerade gegen jene Vorzüge, die den Laden voranbringen. Fortschritt entsteht nicht durch Beharren auf das Bestehende, sondern durch das Ausprobieren und Prüfen vieler neuen Ideen. Das gelingt manchmal, manchmal geht es schief. Am besten geschieht das in einem Umfeld, das solchen Ideen Platz einräumt. Genau diese Freiräume bietet Berlin wie kein anderer Ort in Deutschland, nicht nur seit gestern, sondern im Lauf der Geschichte immer wieder. Daraus speist sich das besondere Berlin-Gefühl, für das es im Rest der Republik kein Pendant gibt und das die notorischen Nörgler so in Rage versetzt.
Zeit für Respekt und Anerkennung
Kurzum: Berlin ist der Anker, an dem sich alles ausrichtet. Wenn es stürmt auf hoher See, dann ist der Anker der Halt für das in Gefahr geratene Schiff. Er steht für Zuversicht, Hoffnung und Sicherheit. So, wie Berlin der Fixpunkt einer ganzen Nation ist.
Diese Anerkennung ist bislang nicht ausreichend erfolgt. Höchste Zeit, das zu ändern!
Oder, um es mit Kurt Tucholsky zu formulieren: „Gott schütze diese Stadt.“



