Die Ehe mit Jan gibt ihr seit 42 Jahren Halt. Sie fühlt sich fast jeden Tag richtig an und auch er lebt gerne an ihrer Seite. Den vier erwachsenen Kindern geht es gut, sehr unterschiedlich sind sie, haben ihren Platz gefunden. Genügend Neugierde, hin und wieder Neues zu erproben haben sie auch. Das Haus in Zehlendorf ist fast abgezahlt und seit kurzer Zeit ist sie nun Rentnerin. Auch darauf freut sie sich.

Endlich Zeit. Blickt sie auf ihre Berufsjahre zurück, ist sie stolz, lange Jahre hat sie als Sozialpädagogin anderen geholfen, engagiert. Kein Burnout bremste sie aus, es gab keine großen Krankheiten in der Vergangenheit, etwas Sport und viel Yoga halten sie fit, sie ist gesund, freut sich nun auf das Alter und das gemeinsame Altern mit ihrem Partner. Ein ausgefülltes Leben, bislang. Voller Optimismus blickt sie in die Zukunft. Und trotzdem rumort es in ihr. Nicht ständig, ein Grollen, es ist immer wieder mal da, „wie ein Krebs im Gedärm“. Katharina hat Geheimnisse.

Viele leben vieles in Berlin und manchmal will man meinen, fast alles. Damit aber soll nun Schluss sein. „Endlich!“ Katharina betrügt ihren Jan seit Jahrzehnten mit anderen Männern. „Vom ersten Tag unserer Beziehung an.“ Ich weiß das schon lange. Vor über 30 Jahren überlegten wir zumindest für Minuten … wir waren da bereits gut bekannt … ein schöner Sommerabend am See … reichlich Weißwein … sie ist ein toller Mensch, eine faszinierende Frau. Gut so, besser sogar, wir fanden wieder Abstand an diesem Abend, blieben einfach befreundet. Das ist doch oft mehr als eine Affäre, eine Liebelei, ein Betrug.

„Es gibt viele Frauen, die in der Falle sitzen“

Freundschaften haben manchmal Pausen, bei uns sogar Jahre, nun aber treffen wir uns wieder regelmäßig. Katharina hat Tränen in den Augen, ich immerhin ein Taschentuch: „Ich möchte mich ehrlich machen, vor Jan, vor mir und dann habe ich noch etwas zu erledigen.“

Lange stand Katharina anderen Menschen bei, viele begleitete sie in ihrem Beruf über Jahre, half, sehr viele Frauen waren dabei. „Etlichen habe ich da geraten, eine Therapie zu machen. Manchmal sind Menschen einfach sehr verknotet.“ Katharina war ein Profi in ihrem Job, neu ist diese Erkenntnis also nicht für sie, sie war nur nicht immer gegenwärtig.

Ich darf das hier übrigens nicht nur veröffentlichen, ich soll das sogar, sie bat mich darum. „Es gibt viele Frauen, die in der Falle sitzen. Schön, wenn sie da früher herausgekommen.“ Selbstredend sind also Namen und unwesentliche Details verändert. Eine Schattenzeichnung also.

Nähe ist kein gutes Wort für Missbrauch

„Es war nicht alles locker, nicht alles ‚Fun‘, vieles fühlt sich einfach schal und abgestanden an.“ Sie weint, ich habe genügend besagter Taschentücher. Vermeintliche Liebesbeziehungen zu all den anderen Männern: „Sie hatten immer etwas Zwanghaftes.“ Es drängte sie.

„Und natürlich hat das etwas mit meinem Elternhaus zu tun, viel mit meinem Vater und seiner falschen Nähe zu mir.“ Nähe ist kein gutes Wort für Missbrauch. Eine Mutter, die über Jahre wegschaute, spielt aber auch eine Rolle. „Eltern sollen doch einfach nur schützen, das ist ihr gottverdammter Job!“

Katharina erzählt, wie sie einfach nur gefallen wollte, wieder und wieder. „Das ist doch irregeleitet.“ Annahme und Anlehnung fand sie bei allen außerehelichen Beziehungen wohl nie. Mit Freundinnen „war‘s oft finster“. Denn auch zu Frauen fehlte das Vertrauen, „siehe Mutti.“

Freunde können einen Therapeuten nicht ersetzen

Etliches können Freunde beim Wein oder Kaffee besprechen. Sie können zuhören, manchmal Mut machen und manchmal haben sie auch Taschentücher. Einen Therapeuten aber können sie nicht ersetzen oder gar überflüssig machen. Sie sind Fachleute für unsere Seelen und auch sehr persönliche Anwälte.

Katharina sucht einen Neuanfang mit ihrem Ehemann. „Er hat Ehrlichkeit einfach verdient.“ Ich halte mich mit einem Ratschlag zurück. Mit 67 Jahren eine Therapie zu beginnen ist doch aber ein sehr gutes Alter, wir wünschen uns doch alle steinalt zu werden. Unbeschwert. Ballast abwerfen. Was mich sehr freut: Nächste Woche hat meine Freundin ihre erste Therapiestunde. Bei einer Frau.

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