Ob er denn traurig und enttäuscht ist, waren Anfang dieser Woche meine Fragen an ihn. „Ich habe die Arbeit bei und für die Deutsche Bahn mal als meine zweite Liebesheirat bezeichnet. Da ist nach fast 31 Jahren natürlich viel Wehmut dabei. Aber Vorstandsposten sind immer ‚Verantwortung auf Zeit‘ und ich werde der Bahn und ihren Menschen immer verbunden bleiben – einmal Team DB, immer Team DB.“

Lieber Richard Lurz, Bahnchef bist Du seit 2017, wir sind aber bereits länger befreundet. Unsere Berührungspunkte waren neben unserer Freundschaft die Hilfen für obdachlose Menschen. Den geht es mies und sehr oft hat uns das betroffen gemacht, wir mussten einfach etwas tun. Danke Richard, das hast Du nachhaltig gemacht.

Eine Arztambulanz für obdachlose Menschen, ein Streetworker-Projekt, die „Mutmacher“ am Bahnhof, die „Unsichtbaren“ als Ausstellung und Buchprojekt mit der Berliner Morgenpost, ein einzigartiges Hygieneprojekt in Europa für obdachlose Menschen, finanzielle Hilfen, gesellschaftlicher Beistand, verdammt gute Anregungen und auch Kritik, das neue Zentrum am Zoo, Beistand für Menschen bei Unwettern, Unterstützung durch Medienarbeit, ein Kältebus, praktische Mitarbeit, unheimlich viele, weitere Hilfen. Es entstand sehr viel.

Coronavirus - Berlin
Richard Lutz 2020 bei einem Einsatz an der Essensausgabe für obdachlosen Menschen in der Bahnhofsmission Berlin Zoo an der Jebensstraße. © picture alliance/dpa | Fabian Sommer

Es entstanden viele Freundschaften und tragende Netzwerke

Du siehst das ähnlich: „Und das Danke kann ich nur zurückgeben. Wir haben viel erreicht, nicht für uns, sondern für die Gäste der Bahnhofsmission und jene Menschen am Rande der Gesellschaft, die es nötig hatten und sich nicht aus eigener Kraft helfen konnten. Das war immer nur ein kleiner Beitrag, aber es war immer gut und richtig.“

Natürlich haben sehr viele andere Menschen bei Euch geholfen. Sehr tat es auch Eure Stiftung, die Deutsche Bahn Stiftung. Hilfen für über einhundert Bahnhofsmissionen in Deutschland, die Berliner Stadtmission, sehr viele andere soziale Einrichtungen. Es entstanden viele Freundschaften und tragende Netzwerke.

Mir hast Du, habt Ihr das Berufsleben oft deutlich leichter gemacht. Oft standest du mir bei, manchmal vermittelst du bei Konflikten oder tröstetest auch als Freund, war der Gegenwind auch bei mir heftig. Jesus ist ein guter Chef, sein Fußvolk aber muss zusammenhalten.

Ich bin gespannt, welchen Weg Du nun einschlagen wirst

Bundesfamilienministerin Giffey besucht Bahnhofsmission
2019: Richard Lutz beim Obst-Schnippeln mit Franziska Giffey (SPD, 2.v.r), der damaligen Bundesfamilienministerin, in der Bahnhofsmission am Zoo.© picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Ich finde deinen Job heftig, deinen Gegenwind, die ganzen Ratgeber, auch die Arbeitszeiten. Regelmäßig um vier Uhr früh beginnen, das machen nur wenige, und das meist auch an den Wochenenden. Du siehst das entspannter. „Ich war schon immer Frühaufsteher, was ausreichend Schlaf übrigens nicht ausschließt. Auch nach meinem Abschied von der DB wird es einigermaßen geregelte Abläufe geben, aber auch viel Zeit und Lust für Freizeit und Spontanes – darauf freue ich mich.“

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Ich bin ja politisch etwas interessiert, Richard. Mir fallen da ein paar Namen ein, ich habe Dich nie beneidet. Alle Verkehrsminister der letzten 30 Jahre waschen ihre Hände in Unschuld. Wir gehen auf sie mal eine Brause trinken.

Ich dachte damals, Du wärst Buchhalter bei der Bahn

Ich bin gespannt, welchen Weg Du nun einschlagen wirst? 17 Stunden Arbeit täglich oder mehr in einem anderen Job möchtest Du Dir nicht mehr antun. Ich wünsche Dir endlich mehr Zeit für Deine Frau, die Kinder, Freunde, die Ostsee, das Schachspiel, die Musik. „Ich habe Schach ganz viel zu verdanken, aber für dieses Hobby war eigentlich nie genügend Zeit da. Jetzt mehr Zeit für meine große Leidenschaft zu haben, ist ein schöner Gedanke.“

Ich würde mich übrigens auch freuen, wenn Du nun etwas mehr Zeit für gelegentliche Treffen im „Schleusenkrug“ hättest. Oder mit unseren Freunden beim Italiener in Tegel. Richard – es hat immer Spaß mit Dir gemacht, „verliebt“ habe ich mich bereits bei unserer ersten Begegnung in der Bahnhofsmission Zoo in Dich. Ich dachte damals, Du wärst Buchhalter bei der Bahn. Bleiben wolltest Du ein paar Minuten, es wurden aber Stunden. Und vieles nahm damals Fahrt auf.

Treu wirst Du der Arbeit mit obdachlosen Menschen bleiben, sie brauchen gesellschaftlichen Beistand weiterhin. Du bleibst ein guter Vermittler, ein famoser Multiplikator. Unser himmlischer Schöpfer, danke, dass wir helfen durften.

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