Zugegeben, neulich musste ich auch lachen, als ich am Straßenrand diesen türkisblauen Kinderpool entdeckte. Es war einer der vielen verregneten Tage dieses Sommers. Der Pool stand, wir sind in Berlin, in einer Baustelle in Reinickendorf. Mehr Ironie war eigentlich nicht möglich. Selbst der Sommer, so sah das aus, ist in Berlin eine Baustelle.
Und ja, ich habe dieses Bild gepostet, weil ich es witzig fand – mit mäßigem Erfolg. Der Grund, warum außer mir niemand darüber lachte, lag vielleicht nicht nur am Bild, sondern auch daran an, dass die sozialen Medien inzwischen überquellen von solch „lustigen“ Berlin-Bildern und Videos. Was vor mehr als 20 Jahren bei der Berliner Stadtreinigung als witzige Werbekampagne begann, mit Berliner Selbstironie im Kampf gegen den Dreck („We kehr for you“), hat sich inzwischen zu einer regelrechten Lawine des schlechten Berlinhumors entwickelt.
Wegen der unendlich vielen Nachahmer, zu denen nicht zuletzt die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und ihre gelben Herzen gehören. Aber auch Dank der Algorithmen und allgegenwärtigen Handynutzer, die jeglichen vermeintlich lustigen Berlin-Content postwendend teilen.

Der Mann mit dem Klo-Pömpel auf dem Kopf tauchte immer wieder auf
Eine Weile schaute ich mir all diese unscharfen Bilder und verwackelten Videos interessiert an, die die Hauptstadt als Dorado Träumer und Dummköpfe darstellen. Schließlich lache ich auch gern über Berlin. Doch als mir der Mann mit dem Klo-Pömpel auf dem Kopf zum soundsovielten Mal wiederbegegnete, kamen mir Zweifel. Vielleicht kennen auch Sie inzwischen das Video des wütenden „Ausparkers“, der allerhand andere Fahrzeuge beschädigt bei dem mutmaßlichen Versuch, vor der Polizei zu fliehen.
Immer wieder gezeigt werden auch Menschen, die Sofas, Paletten oder anderen Gegenständen auf E-Scooter laden und mit dem Gefährt durch die Stadt surfen. Gern steht dabei „only in Berlin“ oder dergleichen. Inzwischen sind auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf den Zug aufgesprungen und posten eigene Videos. Etwa von feiernden Menschen in der Straßenbahn, dem typischen Berliner Möbeltransport per U-Bahn oder auch seltsamen tierischen Fahrgästen. Das alles ist bei der BVG natürlich nur ironisch gemeint und bleibt innerhalb gewisser Grenzen.
Problem ist nicht nur: Vieles von dem, was sich im Netz verbreitet, ist nicht lustig, oft aber grenzwertig – und immer öfter eindeutig lebensgefährlich und strafbar. Etwa Filme von U-Bahn-Surfern und illegalen Klettertouren oder von üblem Vandalismus an Bahnen und Gebäuden.
Auf Tiktok hieß es, die Berliner Polizei verbiete künftig weite Badeshorts
Zunächst hielt ich die anschwellende Flut der „typisch-Berlin“-Videos für eine Folge meines persönlichen Algorithmus‘. Je mehr man zu einem Thema anklickt, desto mehr wird einem ja gezeigt. Neulich aber wurde ich auch im realen Leben auf Videos von vorgebliche Vorfälle in Berlin angesprochen. Es stellte sich heraus: Viele waren Jahre alt, manche wurden gar nicht in Berlin aufgenommen oder waren per KI erstellt. Manche Nachrichten aus dem vermeintlich ach so „krassen“ Berlin waren schlicht erfunden.
So kursierte in den vergangenen Wochen ein Video über angebliche Gewalt in einem Berliner Freibad. Die Bilder stammten in Wirklichkeit aus einem afrikanischen Land, berichtete die Recherche-Plattform „Mimikama“. Aufregung gab es auch auf der Plattform Tiktok, wo es hieß, die Berliner Polizei verbiete künftig weite Badeshorts in Schwimmbädern. Ich erfuhr davon an einem Badesee in Brandenburg, wo sich Badegäste darüber lustig machten. Ich konnte es kaum glauben, googelte und stellte fest: Auch dies war ein Fake. Wenn jemand Badehosenregeln aufstellt, dann die Schwimmbäder selbst oder die Berliner Bäderbetriebe. Aber nicht die Polizei. Eigentlich logisch, trotzdem wollten es offenbar viele glauben.
Der Berlin-Spaß hört spätestens dann auf, wenn mithilfe solcher Videos andere Menschen in Gefahr gebracht werden, beschuldigt oder wenn Hass gesät wird. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern man durch bloßes Anschauen zum Mittäter wird, habe mir aber vorgenommen, künftig genauer hinzuschauen.
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