Zuerst hatte ich Diebe im Verdacht, dann dachte ich kurz an die Nachbarn. Aber konnte das sein? Im Garten fehlte nichts, nicht mal eine Erdbeere. Und wozu sollten sich unsere Nachbarn zu uns durchgraben? Wir haben ein eigenes „Nachbar-Tor“ im Zaun für spontane Besuche, gern auch im Beet. Das Loch, das Fremde im Garten gegraben hatten, gähnte zwischen Himbeerspalier und Hochbeeten. Eine knietiefe Grube, angelegt offenbar in der Nacht. Die feuchte Erde lag ringsum verstreut. Daneben entdeckte ich eine weitere Grabung.
Wer war das? Empört schaute ich mich um und horchte. Bis auf leises Schnauben war es erstaunlich still. Über den Zaun schauten mich drei Pferdegesichter freundlich an. Oder grinsten sie? Auch der vorlaute Gartenrotschwanz, der sonst jeden meiner Schritte laut kreischend kommentiert, saß jetzt nur schwanzwippend und schweigend auf einem Ast, als wollte er sagen: Hihi!
Ich suchte nach Spuren. Konnten es Kaninchen gewesen sein? In Berlin durchlöchern die putzigen Puscheltiere ja gern ganze Parklandschaften wie Schweizer Käse. Und leben Füchse nicht auch in Bauten? Für beide erschienen mir die Löcher aber zu groß. Schließlich entschloss ich mich zu einem Spionagetrick, um den oder die Täter zu stellen.
Haustiere, die sich eigene Haustiere halten
Ich positionierte meine Wildkamera am Loch. Und geriet ins Grübeln. Einerseits freute ich mich auf die Tieraufnahmen, im eigenen Garten ist die Tierwelt ja viel nahbarer als im Fernsehen. Andererseits ist da dieses Tabu: Was tun gegen Eindringlinge, die man nicht will? Darüber redet niemand so gern.

Waschbären zum Beispiel. Ein ebenso flauschiges wie verfressenes und zudringliches Volk. Jeden Morgen habe ich ihre schmierigen Handabdrücke auf dem Auto wie hämische Grüße. Nachts wird gefeiert, auf Autos, auf dem Dach, es wird getobt und gequiekt. Seit wir den Kletterwein entfernt und alle potenziellen Eintrittslöcher zugemauert haben, wohnen die „Gäste“ immerhin nicht mehr unterm Dach. Dort haben sie vor Jahren einen Riesenschaden angerichtet. Zerrissene Folien, zerpflückte Dämmwolle, mittendrin ein widerwärtiges Waschbär-„Klo“. Das war teuer.

Weniger niedlich, dafür aber sehr zahlreich sind aktuell auch Ameisen. Über Nacht bauen sie Erdhaufen wie Maulwürfe. Sie kriechen in Hosenbeine, und wandern in Scharen wie Pilger auf dem Jakobsweg durch Gärten und Häuser. Bei einem Nachbarn sind sie aus dem Abfluss der Badewanne bin in die Küche gekommen.
Und das ist nicht alles: Ameisen sind, wie wir Menschen, nicht gern allein – und halten sich deswegen Haustiere. Blattläuse zum Beispiel, die sie „melken“. Und die wiederum Rosen, Mohn und selbst Zucchinipflanzen aussaugen und schließlich töten.
Den ameisenbetroffenen Nachbarn traf ich im Baumarkt
Ups, jetzt habe ich das Wort gesagt, über das niemand spricht. Den ameisenbetroffenen Nachbarn traf ich kürzlich im Baumarkt. Auf der verzweifelten Suche nach dem Giftschrank. Er hatte ein sozialverträglicheres Wort dafür, doch hatte man ihm beschieden, das gefragte Produkt sei nicht mehr erhältlich. Er möge „es“ mit biologischen Methoden versuchen. Also das Töten. Ratlos schaute er mich an. „Aber wie?“
Gute Frage. Nur so viel: Vergessen Sie Hausmittel wie Backpulver gegen Ameisen oder duftende Kräuter gegen Waschbären. Niemanden interessiert das, ebenso wenig Sägemehl oder Bierfallen gegen Schnecken helfen. Im Gegenteil! Auch Nacktschnecken sind wie wir: ziemlich haarlos und sie kommen gern auf ein Bier vorbei.
Vielleicht träumt er von einer Karriere als „Dachsfluencer“?
Also wie mache ich „es“? Bei der Ameisen-Läuse-Symbiose fange ich bei letzteren an und pflücke sie per Hand oder mit dem Gartenschlauch von den Stängeln. Ist eklig, aber hilft. Im Haus? Sorry, liebe Ameisen. Bei Schnecken ist es ähnlich. Einzelne Besucherinnen werden weggetragen, bei Massenbefall hilft ein scharfes Küchenmesser. Aber psssst!
Die Wildkamera brachte am nächsten Morgen übrigens Entwarnung. Ein wuscheliges Tier wackelte erst mit seinen dicken Tier-Popo vor der Kamera hin und her und schlich schließlich davon. Der Gräber war ein Dachs. Danach schaute ein Marder listig um die Ecke. Das Loch ist übrigens unbewohnt. Vielleicht wollten Dachs & Marder einfach nur Spaß haben? Oder als „Dachsfluencer“ berühmt werden? Falls ja: gern geschehen.
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