Die Mutter von Rolf Lutzke kam 1945 als Flüchtling nach Hamburg, „Pommernland war abgebrannt“, die ersten Jahre in der neuen Heimat waren von Entbehrungen gekennzeichnet. 1955 brachte sie in den „Altersdorfer Anstalten“ ihren Sohn zur Welt. Über Rolfs Vater hat sie nie gesprochen, es gab ihn einfach nicht.
Bilgin Güleç, heute Lutzke, dagegen wurde 1962 in Izmir in der Türkei geboren, wuchs mit ihren beiden Geschwistern bei der Großmutter auf. Längst lebten ihre beiden Eltern da bereits wie viele andere sogenannte Gastarbeiter in Deutschland; der Vater, in der Türkei zuvor Textilmeister, ernährte die Familie als Arbeiter in der Textilindustrie. Sein Abschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt.
Während Rolf die Volksschule besuchte, machte Bilgin ihr Abitur, hier bereits lernte sie deutsch. Rolf ging nach der Schule zur Bahn, machte eine Lehre zum „Jungwerker“, wurde 1971 Mitglied der Eisenbahngewerkschaft, besuchte später die Akademie des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Frankfurt. Schon mit 21 Jahren trat er der SPD bei. Seine Verbindung zur Evangelischen Kirche ist ihm wichtig. Gewerkschaftssekretär mit christlichen Wurzeln, das bestimmte sein späteres, engagiertes Berufsleben.
Aus gegenseitigem Respekt wuchs berufliche Anerkennung
Bilgin kam 1980 nach Deutschland, auch nach Hamburg, besuchte zunächst Integrationskurse, machte dann eine Erzieherausbildung, studierte später Erziehungswissenschaften, ist Sozialpädagogin. Die beiden lernten sich später über die Arbeit kennen. Rolf war Kirchenvorsteher und suchte für den Evangelischen Kindergarten eine Erzieherin. „75 Prozent der Kinder waren 1980 Gastarbeiterkinder, zwölf Prozent katholische Italiener, zwei Orthodoxe waren dabei, der Rest war evangelisch.“ Die Kinder sprachen „gutes Straßendeutsch“, erinnert er sich. Schwieriger war es mit den Eltern, manchmal wurden Dolmetscher gebraucht.
„Wie halten Sie es mit dem Advent?“ fragte Rolf die junge, türkische Bewerberin. Ihre Antwort: „Und wie Sie mit dem Ramadan?“ verblüffte ihn. „Da war ich das erste Mal im Leben sprachlos!“ Es war dann übrigens nicht Liebe auf den ersten Blick. Aus gegenseitigem Respekt wuchs berufliche Anerkennung. Das mit der Liebe kam dann später.
„Es wird kulturelle Schwierigkeiten geben, bewältigt ihr das?“, der spätere Schwiegervater hatte Bedenken. Egal – 1987 heirateten Rolf und Bilgin. Die Schwierigkeiten waren dann gar nicht so groß, lediglich ein Cousin von Rolf kam nicht zur Hochzeit. „Mittlerweile aber mag er Bilgin sehr.“ Ein Jahr später wurde die gemeinsame Tochter Sevcan Lena geboren. 1999 zogen alle nach Berlin, seit 2005 ist Bilgin deutsche Staatsbürgerin, im selben Jahr trat sie auch der SPD bei. Hier gestaltet sie mit etlichen anderen Integrationspolitik.
Hier treffen sich Menschen, die mit- und nicht gegeneinander leben wollen
Der Bereich um den Klausener Platz in Charlottenburg ist ein kleines Paradies. Viele leben hier sehr gerne, ich seit über 30 Jahren auch. Einiges prägt dabei die „große Politik“, etliches aber bestimmen die Menschen selbst, die hier leben und sich engagieren. Initiativen, Bündnisse, Interessensvertretungen, das ist ein Kiez, in dem die Menschen selbst anpacken. Es wird nicht alles aus der Hand gegeben, vieles hat mit alltäglicher Arbeit zu tun. Wie wollen wir leben?
Robert oder Friedrich, Alice oder Olaf, diese Entscheidung ist übermorgen sicher wichtig; ob wir unser Leben aus der Hand geben, aber auch. Bilgin leitet seit Jahren ehrenamtlich den Vorstand des Nachbarschaftszentrums Divan e.V., hier treffen sich Menschen, die mit- und nicht gegeneinander leben wollen. Arm und reich, jung und alt, sehr viele Nationalitäten. Respekt, sie investiert da viel Arbeit. Danke dafür.
Denn so ein Kiez, Menschen, die nicht nur meckern und klagen, sich vorurteilsfrei aufeinander einlassen, im Kleinen, auch in der Familie, Neues ausprobieren und sich auch von ihrem Herzen leiten lassen, für mich ist das Lebensqualität. Aufgeschlossen sein, neues mit Neugierde kennenlernen zu dürfen, nicht nur Altes zu bewahren: Wir denken da gerade sehr unterschiedlich in der Gesellschaft.



